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Schleswig-Holstein

13. Dezember 2017 | 20:02 Uhr

Leben im Langzeitgedächtnis

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

„Die Russen kommen“: Was Demenzerkrankte mit dem Wort Heimat verbinden

von
erstellt am 28.Jul.2017 | 11:32 Uhr

Es ist eine ungewöhnliche Runde, die am großen Tisch im Wintergarten zusammengekommen ist. Ein Alt-Bürgermeister ist dabei, der über 30 Jahre in einem großen Vorort von Kiel waltete und immer noch auffallend besonnen spricht. Ein früherer Französischlehrer, der selbst im hohen Alter so kritisch dreinblickt, als wäre er kurz davor, Strafarbeiten zu verteilen. Eine ehemalige Sekretärin, Psychologin, Krankenschwester, Wäscherin und noch knapp ein Dutzend weitere Betagte. Sie alle sind an Demenz erkrankt, ihre Gedächtnisleistung ist eingeschränkt. Und dennoch sitzen sie am Nachmittag zusammen, um sich als eine Art Experten mit dem Thema „Heimat“ zu beschäftigen, weil ihnen die Erinnerungen an das Früher am klarsten geblieben sind.

Für die Bewohner der Pflegeeinrichtung Haus Schwansen in Rieseby gehören Gesprächsrunden zu ganz unterschiedlichen Themen zum ritualisierten Tagesablauf, um das Gedächtnis anzuregen. Volkslieder sollen dabei helfen. „Wo de Nordseewellen trecken an den Strand“ raunt es deshalb als Denkanstoß durch den Raum, und nahezu alle Bewohner der Einrichtung singen mit. „Heimat ist dort, wo das Herz ist“, sinniert eine Dame, nachdem eine Betreuungskraft die Diskussionsrunde gestartet hat. „Wo die erste große Liebe war“ kommt als Ergänzung aus den Reihen. „Heimat ist wie eine alte Schatz-Schatulle.“

Allen Äußerungen gemein ist, dass die Anwesenden den Begriff positiv bewerten. „Ein Mensch braucht ein Plätzchen, und sei es noch so klein, von dem man kann sagen, sieh, das ist mein“, zitiert die ehemalige Sekretärin aus einem Gedicht.

Der Alt-Bürgermeister erzählt von seinem Geburtsort Niebüll, wo er mit seinen fünf Geschwistern lebte und friesisch sprach. Eine Dame erinnert sich an den Apfelbaum im Garten in Ostpreußen, der in der Kindheit so leicht zu erklimmen war. Und an ihre Pflicht als junges Mädchen, bei der Kartoffelernte zu helfen. Die Rede ist aber auch von Vertreibung, von Kriegsgefangenschaft. Mit den Gedanken kommen Gefühle wieder hoch, Freud und Leid gleichermaßen.

Demenzkranke leben im Langzeitgedächtnis, weil sich ihr Kurzzeitgedächtnis unaufhörlich weiter abbaut. Sie können sich an Ereignisse aus längst vergangenen Tagen oft noch mühelos erinnern, während sie vergessen, was vor wenigen Stunden geschah. Typisch für die Krankheit ist, dass die Betroffenen in Schüben gedanklich in die Vergangenheit reisen und dabei bevorzugt in Zeiten, die besonders prägten oder von Routine bestimmt waren.

Folglich sitzt der Alt-Bürgermeister mental immer mal wieder auf dem Amtssessel, der ehemalige Lehrer am Pult, und die Wäscherin faltet das feine Leinen zusammen. Ebenso wartet manch eine alte Demenzkranke darauf, dass doch die Mutter endlich erscheine, um sie von der Schule abzuholen, während ein anderer Erkrankter fürchtet, die Russen könnten kommen.

Lange galt Demenz als Makel. Betroffene wurden in Pflegeeinrichtungen abgeschoben, medikamentös ruhiggestellt – ausgegrenzt. Moderne Einrichtungen wie das Seniorenheim unweit der Schlei gehen anders mit der Krankheit um. Die Betreuungskräfte tolerieren, dass Demenzkranke zeitweise in ihrer eigenen Welt leben. „Wir wollen nicht belehren oder beurteilen, sondern dafür sorgen, dass unsere Patienten einen ruhigen Lebensabend genießen können. Und das können sie, wenn ihre Gedanken frei sein dürfen“, sagt Christine Petersen, ehemalige Leiterin der Einrichtung, und nennt Beispiele. So erhielt ein früherer Ostseefischer, der mit seiner rollenden Gehhilfe oft orientierungslos durch die Räume der Einrichtung irrte, von den Mitarbeitern Luv- und Lee-Symbole aus Pappe ans Gefährt geklebt. Seither lässt er sich mit Anweisungen wie „volle Fahrt voraus“ oder „Backbord“ problemlos durch das Gebäude führen. Auch ein am Metallrahmen geknoteter Tampen erinnert den Fischer an damals. An ihm kann er sich festhalten, falls er wieder durch den Alltag schwankt und sich verloren fühlt. Seine Heimat ist das Meer – das akzeptiert im Haus Schwansen jeder.

Die Mitarbeiter kennen die Geschichten aller Bewohner und greifen sie bei Bedarf auf: Schreckt die Demenzkranke, bei der in jungen Jahren einst der Hof brannte, zum zigsten Mal nachts hoch, wird ihr das Feuer nicht ausgeredet, sondern versichert, dass die Gefahr vorüber ist. Oder sucht die alte Dame, die als junges Mädchen im Krieg fast verhungert wäre, wieder unruhig nach Essen, erhält sie unverzüglich eine kleine Zwischenmahlzeit, damit sie sich entspannen kann.

Akzeptanz, die dafür sorgt, dass sich die Patienten verstanden fühlen und als Folge nur selten aggressiv reagieren, was andernorts bei Demenzkranken oft ein Problem ist. Die Gedankenreisen erfolgen ohne Wertung seitens der Betreuer. Selbst als ein früherer Zollbeamter eintreffende Gäste mit Hitlergruß empfing, war auch das in Ordnung.

Jeder Patient darf in seiner ganz eigenen Zeit leben, an dem Ort seiner Wahl – und dennoch funktioniert das Miteinander. „Es ist erstaunlich, wenn sich zwei Patienten unterhalten, dann hat man manchmal das Gefühl, da reden zwei Personen ganz kräftig aneinander vorbei“, sagt Betreuerin Ulrike Grieger. „Die Gesprächspartner selbst aber sind sich am Ende sicher, einen netten Plausch gehabt zu haben.“

Sogar Freundschaften ergeben sich. Der Alt-Bürgermeister ist mittlerweile mit der Sekretärin zusammen – und niemand schert sich darum, ob er sie für seine ehemalige Ehepartnerin hält oder ob hier tatsächlich eine neue Liebe aufkeimte.

Nach einer halben Stunde Gesprächskreis lässt die Konzentration der Teilnehmer spürbar nach. Sätze wiederholen sich, Fakten geraten zunehmend durcheinander. Eine etwa 70-Jährige beginnt mit Selbstgesprächen, eine andere Patientin hat das Bedürfnis, die Teilnehmer des Kreises anzufassen und schreitet von Stuhl zu Stuhl. Betreuerin Ulrike Grieger spürt, dass es jetzt Zeit ist, den thematischen Nachmittag zu beenden. Wieder werden Lieder angestimmt. „Ade du mein lieb Heimatland.“ Erneut singen alle mit – textsicher bis zur letzten Strophe. Ins Liederbuch gucken muss hier niemand, denn alle haben die alten Volkslieder noch im Kopf.

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