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Sinkende Bestände : Larven-Misere: Der Hering bereitet Sorgen

vom
Aus der Onlineredaktion

Der Ostsee-Hering muss kämpfen. Im Laichgebiet Greifswalder Bodden lässt sich eine Besorgnis erregende Entwicklung ablesen.

shz.de von
erstellt am 21.Mai.2017 | 11:44 Uhr

Greifswald | Es ist sieben Uhr morgens. Ein leichter Wind legt den Greifswalder Bodden in kräuselige Wellen. Die Fischer von Lauterbach sind bereits zurück im Hafen und sortieren in der Morgensonne ihren Fang. Kiste um Kiste füllt sich mit silbrig glänzenden Fischen – und doch ist es nur noch ein schwacher Abglanz früherer Zeiten, als in Mecklenburg-Vorpommern noch viele Familien ihr Auskommen aus dem Hering ziehen konnten. Fast 200.000 Tonnen Hering wurden noch Anfang der 90er Jahre in der westlichen Ostsee gefischt. Viel zu viel, um den Bestand dauerhaft auf einer ordentlichen Größe zu halten. Heute wird der gesamte Bestand gerade Mal auf 140.000 Tonnen geschätzt. Angelandet wurden in den letzten Jahren nur mehr 30.000 bis 40.000 Tonnen. Viele traditionelle Fischerfamilien haben ihren Beruf bereits an den Nagel gehängt.

Die Heringsbestände sind nicht nur eine elementarer Bestandteil der norddeutschen Küche, sondern auch der Nahrungsketten von Nord- und Ostsee. Sein Fleisch und seine Eier sind unter anderem Hauptnahrungsbestandteil des Dorsches. Somit beeinflusst das Vorkommen des Herings die Zahl der anderen Bestände.

Während die verbliebenen Fischer ihren Ertrag in Kisten zählen, macht sich ein paar Meter weiter auf der „Clupea“ eine kleine Crew ebenfalls bereit zur Inventur. Allerdings wollen die Wissenschaftler hier das erfassen, was die Fischer übriglassen: Und sie zählen nicht die dicken Fische, sondern die kleinen Larven – den Fisch von morgen.

Zählen für die Zukunft

Pünktlich um acht Uhr legt das Forschungsboot ab. Zwischen März und Juni fährt es mit wechselnden Besatzungen täglich raus. Sie wollen herausfinden, was der Hering im Bodden treibt, wie es ihm geht und was in den Kinderstuben los ist. An zwei Tagen pro Woche geht es allein um die Larven. Der sogenannte Rügener Heringslarvensurvey ist einer der längsten und präzisesten Zeitreihen zum Nachwuchs einer Fischart. Das liegt daran, dass „clupea harengus“ einer der wichtigsten kommerziellen Fischarten ist. Es liegt aber auch daran, dass der Hering es den Wissenschaftlern  vergleichsweise einfach macht.

Während die meisten anderen Fische Millionen Eier frei schwebend ins Wasser abgeben, kommt der Hering immer wieder in seine Laichgebiete und klebt die Eier dort fest. Auch die Larven bleiben in den ersten Tagen in ihren Aufzuchtgebieten, so dass die Wissenschaftler nur noch einen Blick in diese Kitas werfen müssen, um zu erfahren, wie viel Hering nachwächst. Patrick Polte, Fischereibiologe am Thünen-Institut für Ostseefischerei zeigt Richtung offene Ostsee: „Die Fische, die stehen hier draußen vorm Greifswalder Bodden und warten, bis die Temperaturen stimmen. Und dann strömen die ab Februar alle rein und kleben ihre Eier überall fest.” Sobald die Wassertemperaturen im April steigen, schlüpfen die Larven zu Tausenden.

„An Deck und Schraube frei?“, tönt es aus den Lautsprechern. Kapitän Singer manövriert das Schiff hinaus aus dem Bodden. 19 festgelegte Stationen soll die Clupea heute anfahren. Die Crew hat die Tiefenmessung eingeschaltet, Probenbehälter bereitgestellt und die Netze klargemacht. Schon nach 15 Minuten gibt der Kapitän das Zeichen, dass die erste Station erreicht ist.

Zwei Netze werden über Bord gehievt. Sie sehen aus wie Basketballkörbe mit sehr langen, feinen und spitz zulaufenden Netzen, die von einem kleinen Plastikbehälter abgeschlossen werden. Am Anfang sind sie von oben noch sichtbar, dann werden sie nach einer festgelegten Schleppprozedur immer tiefer abgesenkt. Kurz bevor sie den Boden berühren, gibt Fahrtenleiter Patrick Polte vom Rostocker Thünen-Institut für Ostseefischerei das Kommando zum Einholen der Netze. Seine Kollegin, Annemarie Jetter, schraubt die zwei Sammelbehälter, die am Ende der Netze angebracht sind, ab und schüttet ihren Inhalt in einen Probenbehälter.

Das Ergebnis sieht unspektakulär aus: ein paar Algen, jede Menge winzige Ruderfußkrebse, manchmal eine Feder oder ein Insekt. Doch Patrick Polte greift zielstrebig ein Seegras heraus und hält es ins Licht. Er hat den Frühjahrshering entdeckt: Wie kleine durchsichtige Globuli kleben die Eier an dem Seegras. Und auch mehrere unterschiedlich große Larven finden sich bei genauerem Hinsehen. Sie sind vollkommen durchsichtig nur die zwei kleinen dunklen Augen verraten sie. 

Der Greifswalder Bodden gilt als eines der wichtigsten Laich- und Aufwuchsgebiete des Herings – auch weil sich aus der Larvenproduktion in diesem Gebiet die Zahl der einjährigen Jungfische in der westlichen Ostsee im Herbst sehr gut ableiten lässt. „Hier beim Hering kann man also im Prinzip schon drei Jahre vorher sagen: Ok, die Produktion an Jungtieren ist gut oder schlecht, und das wird in Zukunft in den Bestand reinwachsen”, erklärt Patrick Polte. 

Gefährlicher Trend

Zu Hochzeiten hatten die Forscher bis zu 40000 Larven in einem Netz. Doch in den vergangenen Jahren sind die Netze der Wissenschaftler das ganze Frühjahr über leerer geblieben. Für dieses Jahr gibt es zwar noch keine genauen Auswertungen, doch den Beobachtungen nach dürfte der Larvenjahrgang erneut extrem klein sein, schätzt Patrick Polte. Ein Trend, der sich seit längerem abzeichnet und auf Dauer den Bestand erheblich schrumpfen lassen könnte.

„Mittag“ schallt es da plötzlich übers Deck. Unten in der Schiffsküche werden Senfeier und Kartoffeln aufgetischt. Nach und nach versammelt sich die Crew um den Ecktisch. Die Gespräche drehen sich um dies und das, bevor es dann doch wieder um den Fisch geht, um Quoten und gefährdete Bestände. „Also ich könnte ja auch einiges dazu sagen, aber mich fragt ja niemand“, wirft Schiffskoch  „Schmiddi“ ein. Und natürlich wird er dann doch gefragt.

Schmiddi ist eigentlich ein fröhlicher Typ. Er schiebt einen gemütlichen Bauch vor sich her und war lange Zeit selber Fischer. Aber er sah keine Perspektive mehr in dem Beruf und hat daher die Seiten gewechselt, erst zur Fischereikontrolle und dann auf das Forschungsschiff. Nun sitzt er hier und schimpft auf die „Fischereiwissenschaft“, der er gerade das Essen aufgetischt hat. Er schimpft über die vielen Larven und Fische, die zu Forschungszwecken gefangen und am Ende weggeworfen werden, auf die Quoten, die immer zu niedrig sind, und auf die Politik sowieso. Patrick Polte hält dagegen. Die zu Forschungszwecken gefangenen Mengen seien marginal und die Quoten mehr als gerechtfertigt, wenn man die Bestände nicht zum Zusammenbruch bringen wolle. Ob das Problem nicht eher daran läge, dass Fischer für ein Kilo Hering gerade einmal 39 Cent bekämen, fragt er zurück.

Schmiddi nickt, um gleich mit einem „aber“ fortzufahren. Einig wird man sich heute nicht mehr. Doch man hat ausnahmsweise mal mit- und nicht übereinander gesprochen.

Wärme und Gifte

Aus dem Lautsprecher in der Kombüse knarzt es: Kapitän Singer kündigt die nächste Station an. Es geht wieder an Deck: Netze raus, Netze rein, Proben auswerten, Proben konservieren. 36 Mal pro Woche wiederholt sich diese Prozedur – von der ersten März- bis zur letzten Juniwoche. Danach haben die Wissenschaftler einen Berg von Daten, der sie für den Rest des Jahres beschäftigt. Daten, die in letzter Zeit oft Besorgnis erregend waren.

„In den letzten drei, vier Jahren sehen wir Rekordtiefs in der Heringslarvenproduktion“, sagt Patrick Polte. „Für mich sieht es im Moment so aus, als wenn diese warmen Winter die gesamte jahreszeitliche Abfolge im Ökosystem verschieben.“

Polte sieht viele mögliche Gründe für den Rückgang der Larven, doch alle hängen irgendwie mit der Klimaerwärmung und dem Nährstoffeintrag in die Gewässer zusammen. Durch die warmen Winter etwa schlüpften die Larven teilweise zu früh und fänden dann noch nicht genügend Nahrung. Gleichzeitig profitieren die Stichlinge von den sich ändernden Umweltbedingungen – einer der wichtigsten Fressfeinde von Heringslarven.

Auch die Heringseier haben oft keine idealen Bedingungen: Wissenschaftler des Thünen-Instituts für Ostseefischerei haben in den letzten Jahren immer häufiger toxische Algen im Bodden gefunden, die die Heringseier vergiften – eine Folge der Überdüngung. Gleichzeitig sind die Unterwasserwiesen, auf denen die Heringe bevorzugt ihre Eier abgelegen, auf zehn Prozent ihrer einstigen Fläche zusammengeschrumpft.

Auf diese Weise können sich menschliche Eingriffe in den Kinderstuben der Heringe schnell auf die Larvenproduktion und damit auf den Bestand der gesamten westlichen Ostsee auswirken, meint Polte. Dieser Zusammenhang müsse mehr ins öffentliche Bewusstsein rücken. Denn früher oder später werden sich wohl die schwachen Nachwuchsjahrgänge der letzten Jahre bemerkbar machen. „Das, was hier in den inneren Küstengewässern passiert, das kann sich dann wiederum auf einen internationalen Fischbestand auswirken“, sagt Polte. Es reiche nicht aus, immer nur auf die großen Fische zu achten und Quoten zu bestimmen. Man müsse auch verstehen, welche Faktoren den Nachwuchs beeinflussen und versuchen sie zu steuern.

Vielleicht ließen sich ja zum Beispiel die Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft senken und so die Larvenproduktion im Bodden wieder ankurbeln? Das wäre dann sicherlich nicht nur im Interesse der Wissenschaft, sondern auch in dem der Fischer. Denn das Silber der Meere vermehrt sich eigentlich ganz von allein. Man darf nur nicht zu viel auf einmal herausnehmen und muss möglichst gute Bedingungen schaffen.

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