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Landtagswahl in SH : Wie Wahlkampf krank machen kann

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Termindruck, Händeschütteln, immer unter Beobachtung – was Spitzenpolitiker tun, um gesund zu bleiben.

shz.de von
erstellt am 02.Mai.2017 | 11:28 Uhr

Helmut Kohl hat allen Stress und physische Zipperlein „weggedrückt“, Heide Simonis hat danach 14 Stunden am Stück geschlafen, Willy Brandt ist in Depressionen versunken: Der Druck des Wahlkampfes lastet auf den Politikern – in diesen Tagen auf denen in Schleswig-Holstein. Wie schützen sich die Spitzenkandidaten der großen Parteien vor den Belastungen? Wie bleiben sie gesund?

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„Wahlkampf ist nicht die gesündeste Zeit für einen Politiker“, sagt Professor Ulrich Schweiger, stellvertretender Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Lübeck. „Durch den Termindruck schläft man zu wenig, treibt zu wenig Sport, isst zu viel – das tut niemandem auf Dauer gut.“ Professor Helmut Fickenscher, Leiter des Instituts für Infektionsmedizin am UKSH, ist daher erstaunt, „wie gut die meisten Politiker ihre Wampe im Griff haben“.

Denn in der Tat setzen gerade in diesem Wahlkampf die Parteien auf viel Bürgernähe – und das bedeutet auch viele Bratwürste und viel Bier. „Man muss darauf achten, dass es nicht zu viel wird“, sagt Regierungssprecher Carsten Maltzan über seinen Chef Torsten Albig. Der Ministerpräsident trinke zwar gern mal abends ein Bier mit, aber es dürfe auch gern ein alkoholfreies sein. Der 53-Jährige ist seit Februar im Wahlkampf, hat allein an vier bis fünf Abenden in der Woche Termine. Dazu kommen die Veranstaltungen über den Tag – und das sonst schon umfängliche Programm als Regierungschef. Wie viele Stunden Arbeitszeit in der Woche dabei zusammenkommen, vermag Maltzan nicht zu schätzen, „aber es ist ein Menge“. Auch im Wahlkampf versuche Albig auf seine Gesundheit zu achten, absolviere dreimal die Woche Rückentraining, sonst habe er durch das viele Sitzen – etwa im Auto – zu starke Schmerzen. Dazu habe er sich mit Heilfasten auf den Wahlkampf vorbereitet.

CDU-Spitzenkandidat Daniel Günther hält sich mit Lauftraining fit. Ansonsten versucht er, viel Obst und Gemüse zu essen sowie ausreichend zu schlafen. „Meistens gelingt mir das“, sagt der 43-Jährige. Zum Essen komme er wegen der Termindichte eher zu unregelmäßigen Zeiten. „Deshalb nehme ich im Wahlkampf eher ab.“ Und: „So lange ich öffentliche Auftritte habe, gibt es für mich keinen Alkohol. Wenn überhaupt, dann trinke ich nach dem letzten Termin eines Tages ein Bier mit.“

Doch was tun, wenn die Leistungsfähigkeit leidet? Albig war während der letzten Landtagssitzung so stark an Grippe erkrankt, dass er die Tagung vorzeitig verlassen musste. „Er hat auch Termine abgesagt, aber auch welche wahrgenommen, wenn es nicht anders ging“, sagt sein Sprecher. Im Zweifel würde Albig aber lieber eineinhalb Tage im Bett bleiben und sich auskurieren. Das ist bei Günther ähnlich.

Helmut Fickenscher rät dringend zu Pausen: „Wer das nicht tut, riskiert irgendwann umzufallen – und das kommt im Wahlkampf schlecht rüber.“ Es gebe nicht viele Möglichkeiten, sich gegen Infektionskrankheiten zu schützen, sagt der Mann, der seinen Kollegen in den Kliniken dazu rät, das Händeschütteln zu vermeiden, um nicht unnötig Keime zu übertragen. „Die Gefahr ist im Wahlkampf nicht so groß“, sagt Fickenscher. „Aber klar: Wo viele Menschen sind, sind auch viele Viren und Bakterien.“ Und gerade in diesem Landtagswahlkampf setzen Albig und Günther auf viele direkte Kontakte mit Menschen. Günther desinfiziert seine Hände regelmäßig, auch weil er aufs Schütteln nicht verzichten will. „Das ist bei uns in Schleswig-Holstein so und gehört für mich unbedingt dazu. Zum Glück haben mir meine Eltern sehr früh beigebracht, in der Öffentlichkeit die Finger von Nase und Mund fernzuhalten.“

Trotz aller Belastungen scheinen Politiker zäh zu sein, bislang sind bis auf einen Bundeskanzler alle 80 Jahre oder älter geworden. „Die Lebenserwartung scheint im Schnitt höher als bei Schauspielern und Musikern, die auch viel im Rampenlicht stehen“, meint Ulrich Schweiger. Und das, obwohl die psychische Belastung bei Politikern hoch ist. Im Wahlkampf sind sie ständig unter Beobachtung, immer ist ein Handy in der Nähe, das jeden Ausrutscher festhalten könnte. „Es ist die große Kunst als Politiker, auf Menschen zuzugehen – ohne wie eine Politikmaschine zu wirken, die immer nur das gleiche Programm abspult“, meint Schweiger. Politiker könnten das lernen. „Ich glaube, dass viele wissen, welche Geschwindigkeit sie sich zumuten können. Wichtig ist dabei vor allem, dass sie gute Wahlkampfmanager haben, die Ruhepausen in den Terminplan einbauen.“ In denen könnten alle Formen von Entspannungstechniken helfen, die Leistungsfähigkeit zu erhalten.

Allgemein sinke die Gefahr von psychischen Erkrankungen, je mehr ein Mensch verdiene. „Das bedeutet aber nicht, dass es keine psychisch kranken Politiker gibt, nur weil man nicht darüber spricht – immerhin hat im Schnitt jeder vierte Deutsche eine psychische Erkrankung“, so Schweiger. Möglicherweise setze sich ein bestimmter Typus in der Politik durch. Albig hat bei seinem Job als Sprecher verschiedener Finanzminister gelernt, wie man mit Belastungen umgeht, Günther hat als Landesgeschäftsführer der CDU Wahlkämpfe gemanagt.

Der CDU-Mann nimmt sich jeden Morgen Zeit für seine kleine Tochter. „Diese Stunde ist tabu, das wissen auch meine Mitarbeiter.“ Die Vielzahl der öffentlichen Auftritte sorgten bei ihm für Adrenalinschübe wie Sportwettkämpfe. „Darum nehme ich die Belastung über den Tag gar nicht so wahr. Wenn dann Schluss ist, merke ich schon, was ich alles getan habe. Auf die Dauer geht das sicher an die Substanz, aber ich bin ja Langstreckenläufer.“

Als Politiker über psychische Probleme zu sprechen, sei ein Tabu, meint Schweiger. Dabei ist zumindest von einem prominenten Politiker bekannt, dass er massive depressive Phasen durchlebt und sogar Selbstmordgedanken hatte. „Ich glaube aber, dass die Menschen bei Willy Brandt gespürt haben, dass er empfindsamer ist als andere und seine eigene Emotionalität nicht verstellt – das hat ihm bestimmt viele Sympathien eingebracht“, so Schweiger. Auch mal zu zeigen, dass man unglücklich oder nicht so gut drauf sei, wirke authentisch, meint der Mediziner.

Inwieweit Politiker das im Landtagswahlkampf vermögen, ist unklar. Nur so viel: Von Daniel Günther und Torsten Albig ist vor allem zu hören, dass ihnen der Wahlkampf Spaß macht. „Enorm viel Spaß.“

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