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NDR-Wahlarena : Vorwurf „Verdi-Schlampe“ – CDU stellt SPD Ultimatum für Entschuldigung

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Im Duell der Spitzenkandidaten kommt es zum pikanten Vorwurf: Daniel Günther soll eine Gewerkschafterin „Verdi-Schlampe“ genannt haben. Einen Beweis gibt es nicht.

shz.de von
erstellt am 26.Apr.2017 | 10:58 Uhr

Lübeck | Beim Duell der Spitzenkandidaten in der NDR-Wahlarena am Dienstagabend hat Zuschauerin Gabriele Schwohn für Irritationen gesorgt. Die langjährige Gewerkschafterin warf Daniel Günther vor, sie im Landtag eine „Verdi-Schlampe“ genannt zu haben. Der CDU-Kandidat wies die Anschuldigung sofort von sich. Die Flensburgerin bekräftigte ihren Vorwurf, indem sie behauptete, man könne dies nachlesen.

Zuschauerin Gabriele Schwohn in der NDR-Wahlarena.
Zuschauerin Gabriele Schwohn in der NDR-Wahlarena. Foto: Screenshot/ndr
„Sie haben mich mal Verdi-Schlampe genannt“ - Vorwurf und Reaktion im Wortlaut

Die Zuschauerin stellt sich als ehrenamtliche Gewerkschafterin aus Flensburg vor und leitet ihre Frage ein.

Gabriele Schwohn:  „Ich hab jetzt ein bisschen Schwierigkeiten, weil Herr Günther ja mit Gewerkschaften nicht so viel am Hut hat, kein Freund von Gewerkschaften ist.“

Daniel Günther schüttelt etwas irritiert den Kopf und guckt nach unten.

Moderator Andreas Cichowicz: „Das wissen wir nicht. Das wollen wir jetzt auch nicht klären, wir wollen zum Thema Flüchtlinge eine Frage haben.“

Schwohn: „Das ist leider so, da bin ich auch betroffen.“

Günther: „Aha.“

Foto:Screenshot: NDR

 

Schwohn: „Ja, Sie haben mich mal Verdi-Schlampe genannt. Im Landtag. Werde ich nicht vergessen.“

Günther: „Pfff“

Foto:Screenshot: NDR

 

Schwohn: „Aber wir kommen zu dem -“

Moderator unterbricht: „Ist das so gewesen? Einen Moment, ist das so gewesen?“

Jetzt sprechen alle gleichzeitig

Günther: „Also jetzt mal nun wirklich.“

Schwohn: „Das ist tatsächlich -“

Moderator: „Lassen Sie uns doch, lassen Sie uns doch -“

Schwohn: „Gut.“

Günther: „Na also. Bei aller Liebe.“

Moderator: „Wir können das jetzt nicht, wir können das jetzt nicht klären.“

Schwohn: „Ich komme zu meiner Frage zu den Flüchtlingen.“

Günther: „Eine solche Wortwahl, Frau Schwohn, ist mir nun wirklich fremd. Sowas zu behaupten, dass ich Sie als... so bezeichnet habe.“

Schwohn fällt ins Wort: „Das können Sie nachlesen.“

Günther: „Ne, das können sie - wo wollen Sie das nachlesen? Ich habe das in meinem Leben noch nie gesagt. Noch nie zu Ihnen, zu einem anderen Menschen. Also das finde ich wirklich ungeheuerlich, mir sowas vorzuwerfen.“

Moderator: „Wir werden, wir werden der Frage nochmal nachgehen.“

Schwohn: „Gern, ok. Gut.“

Moderator: „Ich würde trotzdem drum bitten, dass wenn ich Sie zu einer Frage aufrufe, Sie bei dem Thema auch bleiben. “

(Im NDR-Video sehen Sie die Passage ab Minute 52.30)

Im Anschluss an das folgende Gespräch über bezahlbaren Wohnraum setzt der Moderator Andreas Cichowicz noch einmal nach: „Danke für die Antwort. Sie haben einen heftigen, persönlichen Vorwurf gemacht. Den versuchen wir zu klären anschließend und werden den dann in unseren aktuellen Sendungen möglicherweise korrigieren, oder bestätigt machen können.“

Danach meldet sich Torsten Albig noch einmal zum Thema bezahlbarer Wohnraum, lässt den persönlichen Vorwurf aber unkommentiert.

 

Für einen merkwürdigen Beigeschmack sorgt der unbewiesene Vorwurf unter anderem auch deshalb, weil Gabriele Schwohn Mitglied im SPD-Kreisvorstand Schleswig-Flensburg ist. Die CDU Schleswig-Holstein fordert nach der Behauptung eine ebenso öffentliche Klarstellung und Entschuldigung durch den SPD-Spitzenkandidaten Torsten Albig und den SPD-Landesvorsitzenden Ralf Stegner. „Wir erwarten die öffentlichen Erklärungen und Distanzierungen der Herren Albig und Stegner bis heute um 17 Uhr“, sagt der stellvertretende CDU-Landesvorsitzende Tobias Koch. Die CDU erwarte vom SPD-Landesvorsitzenden, dass er von dem Verhalten seines Kreisvorstandsmitgliedes distanziert. „Andernfalls muss die Öffentlichkeit davon ausgehen, dass es in seinem Sinne und damit im Sinne der SPD war.“

 

Der Landesgeschäftsführer der SPD Schleswig-Holstein, Christian Kröning, sieht für die SPD Schleswig-Holstein keinen Grund, sich zu diesem Anlass zu äußern. „Wir führen die Auseinandersetzung mit der CDU und ihrem Spitzenkandidaten in der Sache. An derlei persönlichen Auseinandersetzungen beteiligen wir uns grundsätzlich nicht“, so Kröning. „Die Auswahl des Publikums der NDR-Wahlarena wurde ausschließlich vom NDR vorgenommen. Auf die Auswahl hatten wir weder Einfluss noch hatten wir Kenntnis davon.“ Alles Weitere müssten die Beteiligten von CDU und Verdi untereinander klären.

Tatsächlich findet sich in keinem der online öffentlich einsehbaren Landtagsprotokolle eine solche Äußerung.  „Der Begriff ,Verdi-Schlampe' ist nachweislich nicht im Schleswig-Holsteinischen Landtag protokolliert worden, weder im Plenarprotokoll noch in einem Ausschussprotokoll“, sagt ein Sprecher des Landtags am Morgen nach der „Wahlarena“. Auch der Geschäftsführer des Bildungsausschusses will sich partout nicht an entsprechende Äußerungen in der fraglichen Sitzung des Gremiums im September 2014 erinnern.

Später sei Schwohn etwas zurückgerudert, heißt es vom NDR. Nach der Sendung sprach der Sender noch einmal mit ihr. Sie hielt den Vorwurf weiter aufrecht, sagte aber nun, Günther habe dies am Rande einer Sitzung gesagt. Sie könne es aber nicht belegen.

 

Nach dem Duell habe Günther mit der Zuschauerin geredet, berichten die Kieler Nachrichten: „Sie sagte, sie sei dabei gewesen, als ich in einer Debatte im Landtag einen Gesetzesentwurf als 'Kniefall vor den Gewerkschaften' bezeichnet hatte. Das habe ich auch“, wird Daniel Günther zitiert. „Sie sagte dann zu mir, dass sie es nicht selbst, sondern von Dritten gehört habe.“

 

Im Raum steht jetzt der Vorwurf, die Aussage sei ein von der SPD inszenierter Schachzug gewesen - doch auch das sind unbewiesene Vorwürfe. „Nach den Regularien hätte diese SPD-Funktionsträgerin gar nicht im Studio sein dürfen. Dies alleine ist ein grobes Foul der SPD“, so Tobias Koch.

Christian Kröning sagt jedoch: „Weder die SPD Schleswig-Holstein noch der SPD-Spitzenkandidat haben mit dem Vorgang etwas zu tun oder hatten Kenntnis davon.“ Ministerpräsident Torsten Albig sagt, „jeder im Land, der in öffentlicher Funktion ist, kennt Gabi Schwohn“. Sie sei „eine der bekanntesten und umtriebigsten Verdi-Funktionäre in Schleswig-Holstein“. In der TV-„Wahlarena“ schwieg Albig allerdings zu dem Punkt.

 

„Es gab eine klare Absprache zwischen NDR, CDU und SPD. Bei der Vorbesprechung war die SPD mit Carsten Maltzan und Raju Sharma [Pressesprecher und Büroleiter, Anm. der Red.] hochrangig aus dem engsten Umfeld von Herrn Albig vertreten. Dort sei klargestellt worden, dass die Identität aller Studiogäste überprüft wird, um Funktionsträger der Parteien von der Sendung auszuschließen, damit derartige unfaire Angriffe und Fragen vermieden werden können“, so Koch. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies Herrn Albig nicht mitgeteilt worden ist. Aus mittlerweile gelöschten Beiträgen von ihrem Facebook-Profil und auch der vergleichsweise hohen Funktion wird deutlich, dass Herr Albig diese Dame persönlich kennt. Er hätte derart haltlose Anschuldigungen durch seine Parteifreundin nicht unkommentiert stehen lassen dürfen.“

Auf Twitter äußerte sich der Moderator der Sendung, Andreas Cichowicz, zum Vorwurf, man habe ein Parteimitglied ins Publikum gelassen: „Wir versuchen, Partei-Funktionäre/innen möglichst vorher auszusortieren. Überwiegend gelingt uns das. Je näher an Basis, desto schwerer.“

Daniel Günther behalte sich zivil- und strafrechtliche Schritte gegen Frau Schwohn vor, heißt es in der Pressemitteilung der CDU. Auch von ihr werde eine Klarstellung und Entschuldigung erwartet. In ihrer Flensburger Verdigruppe hatte man von dem Vorwurf Schwohns noch nichts gehört und zeigte sich überrascht. Gabriele Schwohn war für eine Stellungnahme bislang nicht zu erreichen.

Im Kreisvorstand der SPD sei ihre Teilnahme als Zuschauerin an dem TV-Duell Albigs mit Günther überhaupt kein Thema gewesen, sagte der Kreisvorstandsvorsitzende Florian Matz am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. „Wir hatten parallel Kreisvorstandssitzung und Frau Schwohn hatte sich abgemeldet. Von ihren Äußerungen in der Fernsehsendung erfuhren wir erst beim Public Viewing.“

Von März 2013 bis November 2015 war Verdi-Mitglied Schwohn Vorsitzende des „Hauptpersonalrates Wissenschaft“, in dem alle Hochschulen des Landes vertreten sind. Dies teilte der Vorsitzende des Gremiums, Bert Schinkel-Momsen, mit. Der Hauptpersonalrat ist räumlich im Wissenschaftsministerium untergebracht. An der Europa Universität Flensburg ist Schwohn Verwaltungsangestellte am Internationalen Institut für Management und ökonomische Bildung, wie eine Sprecherin der Universität mitteilte.

Der Politikwissenschaftler Wilhelm Knelangen von der Uni Kiel geht davon aus, dass der Auftritt der Gewerkschafterin der SPD eher geschadet denn genützt habe. „Sollte die Absicht bestanden haben, Herrn Günther mit dieser Äußerung zu schaden, ist das auf jeden Fall nach hinten los gegangen“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Die Glaubwürdigkeit der Gewerkschafterin sei durch den bislang fehlenden Beleg für diese Aussage erschüttert. Sein Eindruck sei, die Funktionärin habe sich vor laufender Kamera „hinreißen lassen“.

Stattdessen zieht die Diskussion um den Vorwurf immer weitere Kreise. „Wir vermuten, dass Frau Schwohn ihren Genossen helfen wollte“, sagte FDP-Spitzenkandidat Wolfgang Kubicki gegenüber dem Hamburger Abendblatt. „Das ändert nichts an der Tatsache, dass diese Behauptung in höchstem Maße ehrverletzend ist. Nun sollte Frau Schwohn beweisen, dass diese Aussage tatsächlich gefallen ist – wenn sie erklärt, 'das können wir nachlesen', sollte dies kein Problem darstellen. Ansonsten fällt dieser Angriff auf die schleswig-holsteinische SPD zurück. Denn der Eindruck muss zwangsläufig entstehen, dass mit unlauteren Mitteln zulasten der Union in den Wahlkampf eingegriffen wird.“

Nach dem persönlichen Disput kehrten die Kontrahenten in der NDR-Wahlarena aber wieder auf die Sachebene zurück und Schwohn fragte nach mehr Wohnraum für Studenten. Der NDR-Moderator versprach anschließend, den Sachverhalt nach der Sendung noch einmal aufzuklären und gegebenenfalls zu korrigieren.

(mit dpa)

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