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Landtagswahl 2017 : Tour auf dem NOK: Hier zeigen sich die Wahl-Themen

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Aus der Onlineredaktion

Am Nord-Ostsee-Kanal zeigt sich das vor der Wahl stehende Land in seiner Vielfalt - und seinen Widersprüchen.

shz.de von
erstellt am 30.Apr.2017 | 09:30 Uhr

Brunsbüttel/Kiel | Trecker fahren Steine ab, eine Schute holt die von Baggern ausgebuddelte Erde ab, im Boden steckt schon viel Stahl - die Insel in der Einfahrt zum Nord-Ostsee-Kanal ist eine Baustelle der Superlative. Für rund 500 Millionen Euro entsteht in Brunsbüttel eine fünfte Schleusenkammer. Millionen Kubikmeter Erde werden bewegt, Ende 2020 soll die 350 Meter lange Anlage fertig sein, mit 2000 Tonnen schweren Schleusentoren. Die Segmente dafür werden auf dem Wasserweg aus Sassnitz kommen, wo sie zusammengesetzt werden. „Schleusentore gibt's ja nicht im Baumarkt“, sagt Thomas Fischer vom Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) im Baustellenmatsch.

Die Schleuse in Brunsbüttel.
Die Schleuse in Brunsbüttel. Foto: Henze

Die alten Schleusen stammen aus der Kaiserzeit. Sie überstanden zwei Weltkriege und mit Ach und Krach ihre Vernachlässigung in Friedenszeiten. Nach ewigen Flickschustereien unter Bundesverkehrsministern von Union und SPD ist die Modernisierung angelaufen. Die Schleusen in Brunsbüttel und Kiel werden saniert, der Kanal mit Begradigungen und Vertiefungen fit für die Zukunft gemacht.

Der knapp 100 Kilometer lange Kanal ist nicht nur eine Lebensader für Schleswig-Holstein und trotz Rückschlägen die am meisten befahrene künstliche Wasserstraße der Welt. Wer ihn Richtung Osten bis Kiel abfährt, erlebt ein Land zwischen Tradition und Moderne, mit Gewinnern und Verlierern der Energiewende, Weltmarktführern, ums Überleben ringenden Bauern, kaputten und fehlenden Straßen, Streit um das Turbo-Abi. Um all das geht es auch bei der Landtagswahl am 7. Mai.

Am 7. Mai entscheiden 2,25 Millionen Menschen, ob SPD, Grüne und SSW (Südschleswigscher Wählerverband), die Partei der dänischen Minderheit, mit Torsten Albig am Ruder bleiben oder ob die CDU mit dem noch nicht so bekannten Spitzenkandidaten Daniel Günther nach fünf Jahren Pause wieder übernimmt. 2012 wurde die CDU superknapp stärkste Kraft, musste aber in die Opposition. Bis 1987 war der Norden wie naturgegeben in CDU-Hand, seit 1988 ist die SPD - Ausnahme 2009-2012 - im Regierungsboot. Sie dominiert in dem industrie- und katholikenarmen Land die Städte, die CDU das platte Land.

Zu den Besonderheiten des Nordens gehört, dass das Flüchtlingsthema einen anderen Stellenwert hat als anderswo. Vor dem Krieg lebten hier 1939 nur 1,6 Millionen Menschen, 1949 waren es dann 2,7 Millionen, weil zum Kriegsende viele aus dem Osten kamen. Flüchtlinge, wenn damals auch deutsche, gehören hier seitdem dazu wie in kaum einem anderen Bundesland.

Schon Brunsbüttel offenbart Probleme und Chancen auf engem Raum. An der Elbe steht das Atomkraftwerk, das als Pannenmeiler Geschichte schrieb, seit 2007 nicht mehr am Netz ist und abgerissen werden soll.

Elbeaufwärts und an der ganzen Nordseeküste verkörpern unzählige Windräder das neue Energiezeitalter. Sie könnten noch weit mehr sauberen Strom ins Netz einspeisen, ginge der Leitungsbau nach Süden schneller. Die Landesregierung will neue Windanlagen gleichmäßiger auf das ganze Land verteilen; das könnte Wählerstimmen kosten.

Die neue Kanalschleuse ist unumstritten. Zwar halten die alten Schleusen, seit die Tore auf Schienenplatten laufen, doch auf Sicht müssen sie grundsaniert werden. Vieltausendfacher Verdacht auf Abwurfmunition aus dem Zweiten Weltkrieg erschwert den Bau der fünften Kammer. Gefunden wurde nichts Gefährliches. „Gott sei dank wurden keine seltenen Fische oder Frösche entdeckt“, sagt der WSA-Mann Fischer lachend. Etwa die Hälfte der Spundwände ist gesetzt.

<p>Thomas Fischer auf der Baustelle der neuen Schleuse am Nord-Ostsee-Kanal in Brunsbüttel.</p>

Thomas Fischer auf der Baustelle der neuen Schleuse am Nord-Ostsee-Kanal in Brunsbüttel.

Foto: dpa
 

„Sie dürfen nicht gerammt oder gerüttelt werden“, erläutert Fischer. Um die nahen alten Schleusen zu schonen, musste ein Spezialverfahren her.

Im industriearmen Schleswig-Holstein ist Brunsbüttel so etwas wie eine Industriemetropole, mit viel Chemie. Hier soll auch das erste große LNG-Terminal in Deutschland entstehen, an dem verflüssigtes Erdgas getankt werden kann.

„Um alle Formulare auszufüllen, braucht man professionelle Hilfe“

Ein paar Kilometer nordwestlich der Kanalschleusen haben Antje und Thorsten Möller ihren Bauernhof, auch Sohn Jan-Erik (27) ist im Team. Die drei bewirtschaften 120 Hektar, bauen Kohl, Weizen und Raps an, der gerade aufblüht. Rund 700.000 Kohlköpfe ernten sie im Herbst, ab Anfang Mai wird für die nächste Ernte gepflanzt. „Wir kommen einigermaßen gut klar“, sagt Thorsten Möller (48). Wenn der Kohlpreis abstürzt, können auch mal bis zu 100.000 Euro Miese im Jahr anfallen.

<p>Thorsten, Antje und Sohn Jan-Erik Möller (v.l.n.r.) stehen in ihrer Lagerhalle. </p>

Thorsten, Antje und Sohn Jan-Erik Möller (v.l.n.r.) stehen in ihrer Lagerhalle.

Foto: dpa
 

Mit Investitionen in Windenergie und Photovoltaik, auch mit Lohnarbeit mit eigener Erntetechnik auf fremden Feldern, hat sich die Familie weitere Standbeine geschaffen. Mit der Landespolitik können die Möllers ganz gut leben, mächtig stören sie sich an den vielen bürokratischen Auflagen. „Um alle Formulare auszufüllen, braucht man professionelle Hilfe“, sagt Antje. Ihr Mann erwartet im Ergebnis der Landtagswahl keine großen Veränderungen, falls es zu einem Wechsel kommt. „Alle haben Vor- und Nachteile, ob CDU, SPD oder Grüne.“ Der Norden gilt vielen als Agrarland, aber die reine Landwirtschaft trug mit Forstwirtschaft und Fischerei 2016 nur 1,1 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei.

Musterbeispiel für einen deutschen Weltmarktführer aus der Provinz

In Büdelsdorf bei Rendsburg sitzt ein Familienunternehmen, dessen Vorläufer mit einer Eisengießerei 1827 den ersten Industriebetrieb im Land schuf. Heute ist ACO Weltmarktführer in Entwässerungstechnik, mit Produktion und Vertrieb präsent in Amerika, Asien, Afrika und Australien. Von 4200 Beschäftigten arbeiten 500 in Büdelsdorf, wo einst der Stern des Mobilfunk-Pioniers Gerhard Schmid (Mobilcom) auf- und unterging. Die Kleinheit des Landes bedeutet für Unternehmer wie Ahlmann auch kurze Wege zur Regierung, deren Chef inklusive.

Für Firmenchef Hans-Julius Ahlmann ist ACO ein Musterbeispiel für einen deutschen Weltmarktführer aus der Provinz. „Hier fühlen wir uns sehr wohl“, sagt der 65-Jährige. Der nahe Hamburger Flughafen werde mit dem Ausbau der A7 noch schneller erreichbar. Dass die A20 samt Elbquerung nicht vorankommt, sei ärgerlich. „Aber das macht Schleswig-Holstein nicht kaputt, sondern wirft nur Sand ins Getriebe.“ Mit dem Fehmarnbelt-Tunnel werde noch ein großer Impuls dazukommen. Ahlmann ist mit Hallen und Gelände auch Gastgeber für das Schleswig-Holstein Musik Festival und die international angesehene Kunstausstellung NordArt. Beides lockt im Sommer 100.000 Besucher an.

Von hier sind es wenige Kilometer bis zu einem Infrastruktur-Sorgenkind, der Rader Hochbrücke über den Kanal im Zuge der A7:

 

Der Verkehr über die Rade Hochbrücke nimmt zu – nicht nur in der Feriensaison.
Der Verkehr über die Rade Hochbrücke nimmt zu – nicht nur in der Feriensaison. Foto: Becker

Sie musste 2013 wegen maroder Pfeiler viele Wochen für Laster gesperrt und aufwendig repariert werden. Spätestens 2026 muss ein Ersatzbau stehen, länger hält die für den Skandinavienverkehr wichtige Brücke nach Experteneinschätzung nicht. Ob die Zeit reicht?

Schleswig-Holstein sieht sich mit seiner Lage zwischen den Großräumen Hamburg und Kopenhagen als Drehscheibe zwischen Skandinavien und „Resteuropa“. Die Drehscheibe klemmt. Die A20, die vor Jahren zügig zwischen Stettin und Landesgrenze Mecklenburg-Vorpommern gebaut wurde und nach Querung der Elbe westlich Hamburgs an das Autobahnnetz in Niedersachsen angeschlossen werden soll, kommt in Schleswig-Holstein nicht voran. Die Opposition gibt Verkehrsminister Reinhard Meyer (SPD) mit seiner Landesplanung die Schuld, geschlampt habe der Amtsvorgänger von der CDU mit seiner Truppe, kontert das Regierungslager. Wann der Tunnel unter dem Fehmarnbelt nach Dänemark kommt, ist ebenfalls ungewiss.

Landeshauptstadt - zwischen Schiffen und Meeresforschung

Die Landeshauptstadt steht am Ende der Kanaltour. In Kiel bleiben die Kammern der großen Schleuse jetzt wochenlang wechselseitig gesperrt. Sie werden repariert und auf die Grundsanierung vorbereitet. In der Nähe liegen Marineschiffe, die sich für die nächsten Einsätze rüsten; U-Boote werden immer noch an der Förde gebaut, die Megajacht eines russischen Milliardärs wurde erst vor kurzem ausgeliefert.

In Kiel liefern Wissenschaftler Spitzenleistungen in der Meeres- und Medizinforschung ab, hier führt Dennis Snower seit 2004 das Institut für Weltwirtschaft. Wie er als Amerikaner und global denkender Wissenschaftler das kleine Schleswig-Holstein sieht? „Das Land steckt voller Potenzial“, sagt Snower. So habe es viele starke Forschungseinrichtungen. „Kiel und Schleswig-Holstein sind für mich vier mehr als nur Arbeitsstätte“, bekennt der „Weltbürger“ Snower. „Die Stadt und das Land sind seit Jahren meine Heimat und haben mir eine neue Work-Life-Balance ermöglicht“, sagt er. „Das Meer und die Natur tragen ganz stark zur Lebensqualität bei - wir sind so verwöhnt an der Förde!“

Ganz in der Nähe von Snowers Büro regierte Heide Simonis von 1993 bis 2005 als Ministerpräsidentin. Die gebürtige Bonnerin war zum Studium nach Kiel gekommen und fühlte sich als Rheinländerin Frankreich enger verbunden als dem deutschen Norden. Das änderte sich. „Wer hätte damals schon den Mut gehabt, eine Frau zur Ministerpräsidentin zu machen? Das schaffen nur die wetterfesten Schleswig-Holsteiner“, sagt die 73-Jährige. Sie liebt am Norden die Rapsblüte, das Wasser und die Zuverlässigkeit der Menschen. „Sie nehmen auch nicht übel - man kann hier sehr ruhig leben, wie man das für richtig hält.“

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