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Landtagswahl 2017 in SH : Torsten Albig: „Die gute Stimmung liegt auch an mir“

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Vor der Landtagswahl porträtieren wir in loser Folge die Spitzenkandidaten – heute: Torsten Albig (SPD).

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erstellt am 22.Apr.2017 | 14:27 Uhr

Kiel | Er hat es immer noch – dieses mulmige Gefühl, wenn er vor vielen Menschen steht. So wie 1982 als Torsten Albig als Jahrgangsbester die Abiturrede halten soll. „Ich weiß nicht mal mehr, was ich damals gesagt habe – nur an das grausige Gefühl kann ich mich erinnern“, sagt er heute. Und auch wenn der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein seitdem schon Tausende Male diese Situation durchlebt hat, sagt er: „Wenn ich heute eine Rede halte, bleibt immer noch die Angst, dass ich kein Wort herauskriegen könnte – obwohl ich doch weiß, dass es gut gehen wird.“

Es sind ungewöhnliche Sätze für einen Ministerpräsidenten, der für seine Wiederwahl werben will. Albig gibt sich bewusst defensiv, spricht auch über Fehler und Schwächen – und über Persönliches, das er sonst eher im Hintergrund hält.

Treffpunkt für das Gespräch soll ein Platz sein, an dem er sich besonders wohl fühlt: Der 53-Jährige hat ein Café am Tiessenkai in Kiel-Holtenau ausgesucht. Der Ministerpräsident sitzt in einer Ecke auf einem alten Sofa, über ihm ein Bild von einem alten Segelschiff, der Blick des SPD-Politikers wandert hinaus auf die Ostsee. „Ich fühle mich immer wohl, wenn ich am Wasser bin“, sagt der Mann, der bis zu seinem 13. Lebensjahr in Heiligenhafen in Ostholstein aufwuchs. „Ich  war nie derjenige, der im Mittelpunkt stand.“ Er habe nie viele Freunde gehabt, sagt Albig, dafür ein paar richtig gute – bis heute. Mit ihnen genießt er schon als Kind das Leben am Wasser – und auf dem Fußballplatz.

Albig redet heute noch gern über Fußball, und wenn er von einem der wichtigsten Ereignisse in seiner Amtszeit spricht, wird er wieder persönlich: „Ich musste den TSV Heiligenhafen im Frühjahr 1976 verlassen, weil meine Eltern sich getrennt haben und wir nach Bielefeld gezogen sind. Wir sind aber in der Saison ohne Punktverlust Kreismeister geworden.“ Als er vor ein paar Jahren nach Heiligenhafen zu einem Jubiläum kam, habe er dafür die Urkunde mit seinem Namen bekommen, die dort jahrzehntelang aufbewahrt worden ist. „Da hatte ich schon Tränen in den Augen.“

Albig erzählt gern von Begegnungen mit den Menschen im Land, seinen Wahlkampf hat er genau so ausgerichtet. Will er jetzt gar Landesvater werden? Albig grinst ein wenig schief, nippt an seinem Latte Macchiato und sagt dann, dass das doch eher etwas für ältere Politiker wie Peter Harry Carstensen sei. Er sei zwar kommunikativ, aber bleibe doch eher der introvertierte Typ. Aber klar, er habe  auch gelernt, dass manche Menschen einfach nur mal in den Arm genommen werden wollten. So sind seine Parteigenossen Henning Scherf in Bremen oder Kurt Beck in Rheinland-Pfalz gleich mehrmals als Regierungschef wiedergewählt worden.

Nicht alle, die mehr mit Albig zu tun haben, sehen in ihm den moderaten Kumpeltyp. Auf manchem Termin wirkt er unnahbar, manche Beobachter nennen ihn oberflächlich oder abgehoben. „Aber ich habe gemerkt, dass das, was mir im Landeshaus vielleicht manchmal als pastoral vorgeworfen wird, bei den Menschen auf der Straße gut ankommt“, meint Albig.

Er sieht sich als Teil eines politischen Teams, so wie damals, als er beim TSV den Rechtsaußen spielt und den Stürmern eher Tore auflegt als sie selbst zu schießen. In der Tat lässt Albig auch heute seinen Ministern viel Freiraum und sagt, dass er sich über deren Erfolge freue. „Und dass die Stimmung in meinem Kabinett so gut ist, das liegt auch an mir.“

Über das Missverständnis einer angeblich fehlenden Führung

Denn das ist ihm dann doch wichtig, dass er in seinem Kabinett schnell deutlich macht, „was ich an Gemeinsamkeit erwarte“. Vor allem wenn es Unstimmigkeiten gibt. „Das bekommt dann von außen keiner mit – und viele missverstehen das und glauben, es gebe keine Führung.“ Allerdings habe er das erst in seinem erwachsenen Leben gelernt. „Da  bin ich mehr in die Mitte gerückt“, sagt Albig – und meint damit auch, dass er weiß, wie er sich durchsetzt.

Das bedeute aber nicht, dass er keine Fürsorgepflicht für seine Minister empfinde. Er stehe zu ihnen – auch wenn es eng wird. Das habe lange auch für Waltraud Wende gegolten, die parteilose Bildungsministerin, die er wegen ihres umstrittenen Rückkehrrechtes an die Universität Flensburg letztlich doch feuerte. „Das ist mir nicht leicht gefallen, auch weil ich sie als Quereinsteigerin überredet habe, diesen Job zu machen.“ Am Ende sei Wende vielleicht überfordert gewesen – „und ich hätte vielleicht gleich jemanden wie Britta Ernst anrufen sollen, die den politischen Betrieb von innen kennt“.

Auch der Mensch Albig steht zur Wahl

Albig lässt die Krisen bei der Bilanz seiner Amtszeit nicht aus, spricht von seinem Ehe-Aus, das in der Öffentlichkeit Thema  wurde, seine Verbindung zu seiner neuen Freundin Bärbel Boy, die er seine „Partnerin“ nennt. „Na klar, wird das auch wieder Thema im Wahlkampf, das kann ich nicht verhindern – leider“, sagt Albig, der vorgestern selbst bekannt gab, seine Partnerin nächstes Jahr heiraten zu wollen. „Es belastet mich, dass ich das meiner Frau nicht von der Seele nehmen kann.“

Es sind Sätze wie diese, mit denen Albig deutlich machen will, dass auch der Mensch Albig zur Wahl steht. Ebenso wenn er von „Verletzungen“ spricht, die es während der Wahlperiode gegeben habe – etwa von Seiten der FDP. Doch Albig ist auch ein klug abwägender Politiker, der weiß, dass er vielleicht nach der Wahl auf die Liberalen angewiesen sein könnte, wenn es für die Neuauflage der Küstenkoalition mit Grünen und SSW nicht reichen sollte. „Mit denen gibt es ein Vertrauensverhältnis, wo keiner fürchten muss, dass ihn der andere über den Tisch zieht “, sagt Albig. Mit einem neuen Partner sei das natürlich anders.

In der jetzigen Koalition habe man viel erreicht, weil man gemeinsame Ideen gehabt habe. „Ich will keine Nebeneinander-Regierung von verschiedenen Parteien“, sagt Albig, deshalb sei ihm der Koalitionsvertrag auch so wichtig gewesen. „Denn ich kann Verträge, ich kann sie aushandeln, abschließen und zum Erfolg führen.“

In der Tat hat die Koalition einiges von ihrer eigenen Agenda abgearbeitet, aber wie soll ein neuer Vertrag aussehen? Albig bleibt da  unkonkret. Der Sanierungsstau bei der Infrastruktur müsse weiter aufgelöst, die A20 weitergebaut werden. Bei der Unterrichtsversorgung müsse man zulegen, weitere Polizisten einstellen. Das alles klingt nach: Weiter so. Albig sagt dazu: „Wir haben den richtigen Kurs eingeschlagen, aber wir dürfen jetzt nicht aufhören zu rudern.“

Und er selbst? „Menschen glauben zu sehr an die Planbarkeit des Lebens“, sagt er. Und ergänzt später: „Ich will jedenfalls nicht tot aus der Staatskanzlei getragen werden. Und nach der Politik, was könnte Torsten Albig da machen? Vielleicht mit einer Kanne Tee am Strand sitzen und den Sand zwischen den Händen durchlaufen lassen – bis er alt und grau ist? Albig grinst, fährt sich mit der Hand über die Glatze und sagt: „Das mit dem grau könnte schwierig werde. Aber am Strand? Das könnte hinkommen.“

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In den Wochen vor der Landtagswahl stellen wir die Spitzenkandidaten der größten acht Parteien vor:

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