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Überprüfung von Kläranlagen : Landesregierung will Arzneistoffe aus Abwasser filtern

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Alarmierende Proben an Klärwerks-Abläufen – Untersuchungsprogramm soll Abhilfe schaffen.

Kiel | Noch in diesem Jahr will die Landesregierung untersuchen, wie gut Schleswig-Holsteins Kläranlagen Arzneistoffe aus dem Abwasser filtern können. Hintergrund ist eine alarmierende Stichprobe des Umweltministeriums an den Abläufen von Klärwerken in Bargteheide und Ahrensburg (beide Kreis Stormarn), in Bad Segeberg, Malente und Reesdorf im Kreis Rendsburg-Eckernförde. Experten hatten dort neun verschiedene Wirkstoffgruppen nachgewiesen, darunter Analgetika (Schmerzmittel) wie Diclofenac und Ibuprofen, Antibiotika, Antidepressiva, Anti-Epileptika, Betablocker und Lipidsenker – aber auch Röntgenkontrast- und Desinfektionsmittel.

Im Abwasser zu finden, was der Arzt verschreibt, wird zu einem immer dringlicheren Problem, da wegen der alternden Gesellschaft immer mehr Medikamente verschrieben werden.

Nicola Kabel, Sprecherin im Umweltministerium: „Wir werden exemplarisch acht Kläranlagen untersuchen, um zu prüfen, in welchem Umfang sie Arzneistoffe bereits jetzt aus dem Wasser entfernen können.“ Da etliche Anlagen im Norden bereits spezielle Filterstufen haben, die eingebaut wurden, um die Gewässer nicht länger mit Nährstoffen zu belasten, könnte die Chance darauf bestehen.

Das Untersuchungsprogramm soll eine Woche lang laufen. „Die Kläranlagen sind repräsentativ für Schleswig Holstein ausgewählt worden und sollen die Basis für eine Hochrechnung auf alle Anlagen liefern“, erklärt Kabel. „In einem weiteren Schritt werden dann vier Anlagen über ein Jahr beprobt, um den Einfluss des Jahresverlaufs zu untersuchen.“

Ins Abwasser gelangen Medikamente durch Ausscheidungen – aber auch, weil nicht mehr benötigte Tropfen oder Säfte einfach ins Spülbecken gekippt, Tabletten in die Toilette geworfen werden. Außerdem gelten Krankenhäuser als mögliche Verschmutzer.

In den 814 Kläranlagen des Landes werden jährlich rund 198 Millionen Kubikmeter Abwasser gereinigt. Für die meisten bei der Stichprobe gefunden Wirkstoffe gibt es derzeit noch kein gesichertes Wissen, ob sie beim Menschen eine schädliche Wirkung entfalten. Forscher haben gezeigt, dass Rückstände der Anti-Babypille es Fischen schwerer machen, sich fortzupflanzen. Deshalb wurden Studien angestoßen, die untersuchen, ob hormonell wirksame Chemikalien sich auf die männliche Fortpflanzungsfähigkeit auswirken.

Professor Martin Jekel von der Technischen Universität Berlin, der untersucht hat, wie sich das Schmerzmittel Diclofenac aus dem Abwasser filtern lässt, sieht ein Problem darin, dass momentan noch keine Grenzwerte existieren, fordert von der Politik Entscheidungen: „Forscher und Praktiker wissen nicht, für welche Schadstoffe sie in naher Zukunft eine Lösung finden sollen. Das muss der Gesetzgeber zeitnah entscheiden.“

Einige Bundesländer haben bereits Versuche mit einer Reinigungsstufe speziell für Medikamentenrückstände und andere Spurenstoffe gestartet. Vielversprechend ist der Einsatz von Bioaktivkohle, aber auch die Zugabe von Ozon, einer aggressiven Sauerstoffverbindung.

„Da die neuen Reinigungsverfahren noch nicht dem Stand der Technik entsprechen und die Stoffe nicht vollständig entfernen, setzen wir auf unser Untersuchungsprogramm“, betont Kabel. „Zumal die Kosten für die neuen Verfahren sehr hoch sind.“ Basierend auf den Ergebnissen will das Land dann eine Strategie entwickeln, wie die Kläranlagen optimiert werden könnten.

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erstellt am 02.Jul.2017 | 19:16 Uhr

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