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Schleswig-Holstein

20. Oktober 2017 | 12:58 Uhr

Ärztemangel : Landärzte dringend gesucht

vom

Immer weniger Mediziner wollen Ärzte werden - zugleich gehen immer mehr Ärzte in den Ruhestand. Ein Teufelskreis?

shz.de von
erstellt am 04.Jul.2010 | 09:45 Uhr

Viöl | In drei bis vier Jahren ist Schluss. Dann wird Wolfgang Krieger die Tür rechts neben seiner Haustür abschließen - und nie wieder öffnen. Denn dann geht der heute 61-Jährige in den Ruhestand, schließt seine Praxis. Ohne Nachfolger. Was aus seinen Patienten dann werden soll, weiß Wolfgang Krieger noch nicht. "Wahrscheinlich kommt dann so ein medizinisches Großunternehmen wie Damp und macht in Husum ein Medizinisches Versorgungszentrum auf", fürchtet der Landarzt.

Seit 38 Jahren besteht die Praxis für Allgemein- und Innere Medizin im nordfriesischen Viöl, einem ländlichen Zentralort mit rund 2000 Einwohnern. Wolfgang Krieger hat sie vor 21 Jahren von seinem Vater übernommen. Mit leiser, aber bestimmter Stimme spricht der schlanke, dunkelhaarige Mann von seinem Traumberuf. Es ist Mittag - Zeit zum Durchschnaufen.
2000 Patienten pro Quartal
Bis zu 2000 Patienten versorgt Krieger. Pro Quartal. Das ist weit über dem Durchschnitt. Laut Kassenärztlicher Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) behandelt das Gros seiner Kollegen in diesem Zeitraum "nur" rund 800 Patienten. Bleibt da dann überhaupt genug Zeit für den Einzelnen? Oder ist die Arztpraxis von Dr. Wolfgang Krieger nur eine Durchlaufmaschine? "Keinesfalls", wehrt der Mediziner sich. Und überhaupt könne man seine Arbeit nicht mit der eines Allgemeinmediziners aus dem städtischen Raum vergleichen.
"Das geht schon damit los, dass ich meine Patienten von der Geburt bis zur Bahre begleite", erläutert Krieger. Das mache eine zeitintensive Rundum-Untersuchung, wie sie von vielen seiner Kollegen immer wieder neu durchgeführt werden müsse, in den meisten Fällen überflüssig. "Schließlich kenne ich meine Patienten alle - und jeden ihrer Schnupfen." Zudem wisse ein Landarzt auch über das soziale Umfeld, die familiären Begebenheiten, überhaupt über die Lebensumstände der Patienten fast so viel wie diese selbst. "Da können Sie als Arzt dann auch ganz anders agieren." Und das genau mache auch den Reiz des Landarzt-Daseins aus. Inklusive der Tatsache, dass ein solcher Arzt sich mit allen medizinischen Fachrichtungen ein wenig auskennen müsse. "Wir können hier nicht immer gleich an den Facharzt überweisen."
Arbeitsbelastung wird größer
Trotzdem wollen immer weniger junge Mediziner Landarzt werden. Bis 2015 werden, so die KVSH, rund 900 Hausärzte in den Ruhestand gehen, das ist fast die Hälfte derer, die in Schleswig-Holstein eine Praxis haben. Zugleich aber steigt der Bedarf, da die Gesellschaft immer älter wird. Die KVSH geht davon aus, dass die Arbeitsbelastung der Hausärzte sich bis 2020 um 20 Prozent erhöhen wird. Und: Immer weniger Mediziner gehen nach Abschluss ihres Studiums in ein Krankenhaus oder machen eine Praxis auf. Fast 50 Prozent wandern stattdessen in andere Bereiche ab, so das Deutsche Ärzteblatt Januar 2008.
Warum aber ist der Landarzt-Beruf so unattraktiv geworden? Einen Grund dafür sieht Krieger in der hohen Arbeitsbelastung: "Sie arbeiten hier 18 Stunden am Tag. Und wenn sie das Auto am Wochenende vor der Tür stehen lassen, kommen die Leute auch dann." Zudem sei die finanzielle Lage immer schwieriger geworden. So hätten sich seine Einnahmen - bei gleichbleibender Patientenzahl - in den vergangenen Jahren aufgrund neuer gesetzlicher Zahlungsschlüssel und eines fehlenden Inflationsausgleiches um 30 Prozent verringert. Am Hungertuch nagt er allerdings - das zeigt ein Blick in seine Praxis- und Wohnräume - dennoch nicht.
Problem beim Verteilungsschlüssel
Kein Widerspruch von Seiten der KVSH. Deren stellvertretender Vorsitzender, Ralph Ennenbach, räumt ein, dass das bisherige System zur kassenärztlichen Honorarberechnung bei Landärzten ebenso wenig greife, wie der Verteilungsschlüssel, nachdem Praxen an Mediziner vergeben werden. So müsste zum Beispiel der Tatsache Rechnung gezollt werden - aufgrund der großen Bandbreite der diagnostischen Anforderungen - sehr viel mehr medizinisches Gerät bereithalten zu müssen als vergleichbare Stadtärzte, dieses aber nie voll auslasten könnten. "In der Stadt können Sie den Patienten für eine Sonographie auch mal eben zwei Straßen weiter schicken. Auf dem Land geht das nicht so einfach." Das aber würde mit den bisherigen Fallpauschalen, nach denen die Arzthonorare berechnet würden, nicht berücksichtigt. "Und wenn bei der auf dem Land hohen Arbeitsbelastung die Bezahlung nicht mehr stimmt - dann macht das auch keiner mehr", meint Ennenbach. Allerdings - und das sagt Ennenbach nicht - liegt die Verteilung der Honorare maßgeblich in den Händen der KV selbst.
Ein weiteres Problem sei der Verteilungsschlüssel, nach dem die Zulassungen der Ärzte vergeben würden - und der laut Krankenkassen stimmt, will sagen: Es gibt ausreichend Ärzte für Schleswig-Holstein. Bislang gibt es hierzu 13 Planungsbezirke, die sich zumeist an den Kreisgrenzen orientieren, und besagen wie viele Ärzte in diesem Raum benötigt werden. Innerhalb dieser Bezirke könne die Ärzte ihren Standort frei wählen - und gehen zumeist in die Städte. "Weil sie hier eher Teilhaber in einer schon bestehenden Praxis werden können, das kulturelle Angebot höher ist, der Ehepartner leichter einen Beruf findet, die Arbeitsbelastung nicht so hoch ist…", zählt Ennenbach nochmals einige der Gründe auf, die gegen eine Landarztpraxis sprechen.
Bezahlung "Fall für Fall"
Und was könnte helfen? Zum einen würde Ennenbach gerne eine andere Bezahlung für die Ärzte einführen. Nicht mit einer Pauschale, sondern "Fall für Fall". Der Verteilungsschlüssel müsste neu aufgesetzt werden und die Bevölkerungsstruktur besser berücksichtigen - also etwa, wo besonders viele ältere Menschen wohnen, wo es viele Urlauber gibt, aber auch: wo bereits eine hohe Arztdichte besteht. Da rüber hinaus will die KVSH das Modell der Zweitpraxen vorantreiben. Dabei soll ein angesiedelter Arzt die aufgegebene Praxis eines Kollegen mit übernehmen können.
Wolfgang Krieger sieht das kritisch. Aus Erfahrung. In einem Nachbarort hat ein Kollege seine Praxis aufgegeben. Ein anderer Kollege aus einem anderen Ort hat sie als Zweitpraxis übernommen - doch die Patienten fahren jetzt zu Krieger. Der nämlich hat früher die Urlaubsvertretung für den ausgeschiedenen Kollegen übernommen. "Die Leute kennen mich. Das ist hier wichtig", sagt er. Und macht sich Sorgen um die eigenen Patienten. Denn: In drei bis vier Jahren ist Schluss. Dann wird Wolfgang Krieger selbst in den Ruhestand gehen.

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