Lager Meyn: Mais statt Atomwaffen

<dick>Lager Meyn:</dick> Einst Depot für atomare Sprengköpfe, heute mit dem Ambiente eines Gewerbegebietes.
Lager Meyn: Einst Depot für atomare Sprengköpfe, heute mit dem Ambiente eines Gewerbegebietes.

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25. September 2010, 07:03 Uhr

Meyn | Der frühere Wachraum erinnert etwas außerhalb des Dorfes Meyn noch an die Nutzung des Geländes als Militärdepot. Im Eingangsbereich liegen alteNatodraht-Rollen. Heute wird im alten Atomwaffendepot Mais in die runden Silos transportiert - und unter den prallen Kunststoffabdeckungen zu Biogas vergoren.

Der frühere Bürgermeister von Meyn, Thomas Lorenzen (70), erinnert sich noch an die Zeit, als nach Erwerb der 14,4 Hektar großen Fläche 1970 durch das Bundesvermögensamt in Sichtweite des Dorfes drei Bunker sowie Wartungs- und Montagegebäude gebaut wurden. Nach der Fertigstellung der Anlage beleuchteten bei Dunkelheit gewaltige Scheinwerfer das Lager, in dem "Sondermunition" für das seit April 1973 in Flensburg-Weiche stationierte Raketenartilleriebataillon 650 der Bundeswehr verwahrt wurde. Das Bataillon stand in enger Verbindung zur 1974 ebenfalls nach Flensburg-Weiche verlegten US-Einheit "294th United States Army Artillery Group", dem einzigen US-Verband nördlich der Elbe.

"Wir erlebten plötzlich, dass Wege um das Munitionslager gesperrt wurden, Bauern nicht zu ihren Feldern konnten und Jäger von Soldaten mit Maschinenpistolen kontrolliert wurden", so Thomas Lorenzen, der von 1974 bis 2008 Bürgermeister des Ortes war.

Das Militär hatte gute Gründe, das Gelände bei Meyn hermetisch abzusperren, denn bei den gelagerten Waffen handelte es sich auch um atomare Gefechtsköpfe für das Raketensystem "Lance". Damit war zwar der Verband in Flensburg ausgestattet, aber ein Einsatz stand "unter uneingeschränktem Gewahrsam der Vereinigten Staaten von Amerika", wie der frühere Kommandeur des Bataillons 650, Oberstleutnant Axel G. Loewe, in einem Beitrag für die Dorfchronik von Meyn beschrieben hat.

Ein Einsatz der in Meyn gelagerten Sprengköpfe sollte Operationen der Nato-Landstreitkräfte unterstützen. Die Pläne sahen vor, die Lance-Raketen von ihen mobilen Startrampen aus auf überwältigend große östliche Panzerverbäne abzufeuern, deren Vorstoß über die innerdeutsche Grenze erwartet wurde. "Im Ernstfall wäre das Lager Meyn leer gewesen." Die Raketen waren für Schussentfernungen zwischen zehn und 125 Kilometern eingerichtet. Zum Glück trat der Ernstfall nie ein, es blieb bei der gegenseitigen Abschreckung.

"Es gab eine Beunruhigung in der Bevölkerung«, berichtet Thomas Lorenzen. "Durch Gespräche mit den zuständigen Soldaten der Bundeswehr konnten die Behinderungen für die Anwohner weitgehend verringert werden", so der frühere Bürgermeister, der aber auch berichten kann, dass mit dem Aufkommen der Friedensbewegung Anfang der 1980er Jahre die kleine Gemeinde Meyn zum Treffpunkt für Demonstranten wurde. Besonders "verdächtig" erschien das Lager Meyn angesichts der Tatsache, dass die Bundesrepublik mit der Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrages im November 1969 völkerrechtlich auf Herstellung und Besitz von Atomwaffen verzichtet hatte.

"Und es gab Depot-Blockaden." Doch die wurden vom Militär auf Ausweichstrecken umfahren, so Lorenzen verschmitzt. Auch ein Mahnkreuz stand längere Zeit in der Nähe des Munitionslagers.

"Wir aus dem Dorf haben den Wachmannschaften Kaffee gebracht" unterstreicht der frühere Bürgermeister. "Von hier ist eigentlich kaum jemand mitgegangen." Doch auch den Demonstranten zeigte man Entgegenkommen. Sie durften auf dem örtlichen Bolzplatz ihre Abschlusskundgebungen abhalten. Ein Grußwort des CDU-Bürgermeisters verhinderten die Organisatoren allerdings. Augenzwinkernd fügt Lorenzen hinzu: "Dabei wollte ich doch nur dazu auffordern, auch gegen die Unterdrückung der Friedensbewegung in der DDR zu protestieren - und gegen die neu aufgestellten sowjetischen Atomraketen."

Lorenzen räumt ein, dass ein leicht "gruseliges Gefühl" wegen der Atommunition wohl weit verbreitet gewesen sei. Doch als nach der deutschen Wiedervereinigung und der Auflösung des Warschauer Paktes das Raketenartille riebataillon in Flensburg-Weiche 1992 aufgelöst wurde, meldeten sich auch Politiker protestierend wegen drohender Arbeitsplatzverluste zu Wort, die wenige Jahre zuvor noch gegen das Lager Meyn gewettert hatten.

Lorenzen berichtet, dass die Gemeinde nach der Stilllegung des Munitionslagers die Weichen für eine zivile Nutzung des Geländes gestellt hatte. Das einst waffenstarrende Lager hat sich in eine Art Gewerbepark verwandelt, in dem neben der Biogasproduktion verschiedene Lagerräume einer Landhandelsfirma eingerichtet worden sind. Und es werden in einem der früheren Atommunitionsbunker geschredderte Kunststoffteile aus Recyclingtonnen getrocknet. Krieg lagerten dort Nuklearwaffen / Nur US-Präsident hatte Verfügungsrecht

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