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Kriminalität : Ladendiebe: Jeden Tag 283.000 Euro Schaden in SH

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Kosmetik, Elektronik, Bekleidung: Die Zahl der Fälle steigt um fast 13 Prozent. Dafür gibt es verschiedene Erklärungen.

shz.de von
erstellt am 17.Mär.2016 | 19:37 Uhr

Kiel | In Schleswig-Holstein gibt es immer mehr Ladendiebstähle: 11.863 Fälle hat die Polizei für das vergangene Jahr registriert. Das ist ein Fünf-Jahres-Höchststand. Und auch noch nicht die ganze Wahrheit, wie Dierk Böckenholt, Geschäftsführer des Handelsverbands Nord, kritisiert. Denn die Ladendiebstähle sind nur eine Teilmenge aller Diebstähle im Einzelhandel. „Die Statistik weist für die Kategorie Diebstahl aus Kiosken, Warenhäusern, Verkaufsräumen, Selbstbedienungsläden, Schaufenstern, Schaukästen und Vitrinen sogar 16.919 Fälle aus“, sagt Böckenholt. Somit seien die Geschäftsleute noch weit härter betroffen.  Nach einer Schätzung des Handelsverbands sind 2015 in Schleswig-Holstein Waren im Wert von etwa 85 Millionen Euro gestohlen worden. Böckenholt: „Das ist ein Schaden von täglich 283.000 Euro.“

Ladendiebstahl ist nicht ausschließlich ein Problem der Händler. Verstärkte Schutzmaßnahmen werden auf die Preise aufgerechnet und haben so Folgen für jeden Kunden.

Eine Erklärung für den Anstieg um 12,8 Prozent gibt es nicht. Uwe Keller, Sprecher des Landeskriminalamts: „Ladendiebstähle unterliegen keiner spezifischen Auswertung.“ Auffallend sei, dass der Anteil der Zuwanderer an den ermittelten Tatverdächtigen mit 15,2 Prozent höher sei als bei den meisten übrigen Delikten.

„Wir haben immer wieder Schwankungen“, sagt Dierk Böckenholt. „Ein Thema ist sicherlich, dass mehr Menschen nach Schleswig-Holstein gekommen sind.“ Unter den 8994 Tatverdächtigen waren 1363 Zuwanderer, was in etwa dem Anstieg der Taten entspricht. Doch auch bei den jugendlichen Tätern hat es im Vergleich zum Vorjahr einen kleinen Anstieg gegeben. Hier bilden sich teilweise richtige Klau-Banden. „Tatsächlich ist bekannt, dass Ladendiebstähle aus Gruppen heraus begangen werden, die arbeitsteilig vorgehen“, sagt Uwe Keller. „Der weitaus größere Anteil von Ladendieben dürfte die Taten aber allein ausführen.“

Kleine und teure Waren sind besonders beliebt, wie der Handelsverband Nord bestätigt: Kosmetik, Elektronik, Bekleidung oder Werkzeuge. Und zum Schaden kommen die Kosten für eine immer aufwändigere Prävention durch Überwachungskameras oder Warensicherungen. Hier seien zuletzt 48 Millionen Euro investiert worden.

Die Überlegung, ob Ladendiebstähle künftig als Ordnungswidrigkeiten gewertet werden sollten, um Polizei und Gerichte zu entlasten, lehnt der Handelsverband Nord strikt ab. Entsprechende Vorschläge kamen aus dem Justizministerium von Niedersachsen. Böckenholt: „Das wäre das völlig falsche Signal, geradezu ein Freibrief.“ Händler verzichteten ja heute oft schon auf eine Anzeige, weil der bürokratische Aufwand hoch und die Aussicht auf eine angemessene Bestrafung der Täter gering sei.

Die hohe Aufklärungsquote von über 90 Prozent ist für die Polizei übrigens kein Grund zur Freude. „Sie erklärt sich, weil die Täter meist auf frischer Tat ertappt werden“, so Keller. Was später durch die Inventur auffalle, werde meist nicht mehr angezeigt. Das Dunkelfeld ist also hoch. Was wird der Handelsverband Nord unternehmen? „Wir werden das Personal besser schulen, potentielle Ladendiebe zu erkennen“, sagt Böckenholt. Auch größere Verpackungen für kleine, teure Waren seien im Gespräch.


Kommentar: Die ehrlichen Kunden zahlen die Zeche

Ladendiebe haben im vergangenen Jahr in Schleswig-Holstein einen Schaden von 85 Millionen Euro verursacht. Ärgerlich dabei ist, dass die ehrlichen Kunden für die Langfinger mitbezahlen müssen. Die Verluste und die Kosten für eine schärfere Überwachung sind bei den Waren eingepreist – auch wenn das kein Geschäftsmann gerne zugibt. Unterm Strich ist der Ehrliche somit der Dumme.

„Mein Nettoeinkommen beträgt 1800 Euro, die Klauerei hätte ich nicht nötig gehabt“, schreibt ein ertappter Ladendieb in einem Forum. Tatsächlich ist es häufig nicht die Not. Wie Fallanalysen zeigen, kann Ladendiebstahl ein Mittel sein, das Gefühl von Frustration, Leere oder ungerechtfertigten Kränkungen zu vertreiben – durch ein Gefühl der Überlegenheit und Befriedigung nach erfolgreichem Coup.

Die Hemmschwelle senkt, dass ein erwischter Ersttäter gute Chancen auf eine Einstellung des Verfahrens wegen Geringfügigkeit hat. Das mag man kritisieren, doch die Justiz muss sich auf gravierende Sachverhalte konzentrieren. Und auf Kinder oder Jugendliche, bei denen Ladendiebstahl erkennbar den Beginn einer kriminellen Karriere markiert.

Als Hetze gegen Flüchtlinge taugt die Entwicklung beim Ladendiebstahl übrigens nicht, auch wenn ihr Anteil im Norden mit 15,2 Prozent höher ist, als bei den meisten übrigen Delikten. Fakt ist nämlich dies: Von den bundesweit 3,9 Milliarden Euro Schaden gehen 1,2 Milliarden auf die Kappe eigener Mitarbeiter und Lieferanten, wie eine Studie des Handelsforschungsinstituts EHI aus Köln zeigt. Ein exorbitanter Anteil – der nur ungern erwähnt wird. Ehrliche Kunden zahlen also nicht für unehrliche Kunden mit, sondern auch für die Missetaten von Mitarbeitern. Eine problematische Mithaftung. Und eine Aufforderung für den Handelsverband, diesen Bereich weit stärker als bisher in den Fokus zu nehmen.

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