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Kriminalität in Schleswig-Holstein : Ladendiebe: Hemmschwelle sinkt, Beute steigt

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Kosmetik, Smartphones, Schmuck: Waren im Wert von 76 Millionen Euro haben Ladendiebe im vergangenen Jahr in Schleswig-Holstein erbeutet. Die Kosten trägt der ehrliche Kunde.

Kiel | Diese Zahl schockiert: 30 Millionen Ladendiebstähle blieben im vergangenen Jahr unentdeckt - das hat das Kölner EHI Handelsforschungsinstitut nach der Auswertung von Inventurdifferenzen ermittelt. Damit, so die Forscher, gingen dem deutschen Einzelhandel 1,9 Milliarden Euro verloren. "In Schleswig-Holstein schätzen wir den Verlust entsprechend der Ergebnisse der Studie auf 76 Millionen Euro", sagt Monika Dürrer, Geschäftsführerin des Einzelhandelsverbands Nord. Ihrem Vernehmen nach nimmt die organisierte Bandenkriminalität im Einzelhandel zu. Ladendiebe seien durch neue technische Kommunikationsmittel und das Internet viel besser vernetzt. "Kriminelle können sich schneller abstimmen und Mitarbeiter ablenken", erklärt Dürrer.
Statistisch gesehen, stiehlt jeder deutsche Haushalt damit jährlich Waren im Wert von rund 50 Euro im Einzelhandel, verdeutlicht das EHI. Und tatsächlich ist auch jeder ehrliche Kunde direkt vom dreisten Ladendiebstahl betroffen. Laut dem EHI werden alle Kunden mit einem Prozent des Kaufpreises an den Schäden durch Ladendiebstahl beteiligt. Denn die Geschäfte rüsten auf: "1,2 Milliarden Euro investiert der Handel bundesweit in Präventionsmaßnahmen, also in Mitarbeiterschulungen oder beispielsweise in Videoüberwachung. In Schleswig-Holstein waren es ungefähr 42 Millionen Euro", so Dürrer. Der Handel muss diese Kosten in seine Verkaufspreise einkalkulieren.

Polizei registriert weniger Fälle

Die Ergebnisse des Instituts überraschen, denn die Polizei in Schleswig-Holstein vermeldete in ihrer aktuellen Kriminalitätsstatistik einen Rückgang bei Ladendiebstählen. Insgesamt 10.377 Fälle registrierten die Beamten 2012 im Norden. Das sind 1351 Fälle und damit 11,5 Prozent weniger als noch im Vorjahr. Zudem stieg die Aufklärungsquote laut der Kriminalstatistik von 90,9 auf 91,1 Prozent. Wie kommen die Unterschiede zustande? "Die Dunkelziffer ist hoch. Oft können erst bei der Inventur alle Schäden festgestellt werden", erklärt Monika Dürrer.
Und Frank Horst, Leiter des Forschungsbereiches "Inventurdifferenzen/Sicherheit" beim EHI, kommentiert: "Die aktuelle Kriminalstatistik 2012 zeichnet mit einem Rückgang der angezeigten Ladendiebstähle von über sechs Prozent ein falsches Bild. Der Schein geringer Kriminalität trügt, Entwarnung ist nicht angebracht." Die Dunkelziffer liegt, so Horst, bei 98 Prozent. Die Forscher beobachten einen kontinuierlichen Rückgang der angezeigten einfachen Ladendiebstähle. Gleichzeitig hätten sich die angezeigten schweren Ladendiebstähle in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt. Das EHI schließt daraus: "Es sind primär Täter mit professionellem Hintergrund oder Personen, die ihren Lebensunterhalt durch Straftaten bestreiten, die im Handel große Schäden verursachen."

Keine Angst vor Sanktionen

"Die Hemmschwelle vor Ladendiebstahl und die Angst vor staatlichen Sanktionen wird immer geringer", sagt Max Stolzenburg, Geschäftsführer der Stolzenburg Security mit Sitz in Kiel. Seine Ladendedektive sind unter anderem in Elektro- und Supermärkten in Kiel, Hannover, Hamburg und Berlin auf der Suche nach Dieben. Schnappen sie einen Kriminellen, wird dieser nicht immer bestraft. "Die Leute kennen sich heute besser aus und wissen, mit welchen Tricks sie ungeschoren davonkommen. Und sie wissen auch, dass die Gerichte teilweise überlastet sind", kritisiert der Sicherheitsexperte. Dass Kriminelle immer professioneller werden, bestätigt Stolzenburg nicht. Der überwiegende Teil der Waren werde von Gelegenheitsdieben gestohlen. "Und auch der Anteil gestohlener Waren durch eigene Mitarbeiter ist nicht zu unterschätzen."
Den eigenen Mitarbeitern wird dem EHI zufolge immerhin ein Schaden in Höhe von 800 Millionen Euro angelastet. Der Rest entfällt auf Lieferanten und Servicekräfte (knapp 400 Millionen Euro) sowie organisatorische Fehler. Als eines der wichtigsten Mittel, diesen Fällen von Kriminalität Herr zu werden, nennt Max Stolzenburg die Videotechnik. Hier haben Unternehmen und Hersteller aufgerüstet. Für ehrliche Kunden heißt es deshalb wohl weiter: Beim Einkauf tiefer in die Tasche greifen, um den Kampf gegen die Kriminalität mitzufinanzieren.

Bei Dieben beliebt: Parfüm und Smartphones
Zu den am häufigsten geklauten Artikeln gehören im Lebensmittelhandel nach wie vor kleine, teure Waren wie Parfüm und Kosmetik, Rasierklingen, Spirituosen sowie Tabakwaren. Im Bekleidungshandel werden vor allem hochwertige Marken bevorzugt, aber auch modische Artikel und Accessoires (Brillen, Tücher, Modeschmuck etc.) werden oft nicht bezahlt. Speichermedien, Konsolenspiele, Smartphones und LED-Leuchtmittel gehören zu den "Klaurennern" im Elektronikhandel.

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erstellt am 12.Aug.2013 | 08:35 Uhr

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