Zwischen zwei deutschen Staaten

Peter Drauschke
Peter Drauschke

Zeitzeuge im Norden: Peter Drauschke siedelt von der Bundesrepublik in die DDR über. Als er zurück will, wandert er dafür ins Gefängnis.

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10. Juni 2013, 10:06 Uhr

Brunsbüttel | Peter Drauschkes Geschichte beginnt, als er 18 Jahre alt ist. Von früher Jugend an begeistert er sich für den Sozialismus. Mit 18 Jahren "macht er rüber", aber nicht von Ost nach West, sondern in der Gegenrichtung. "Ich war ein junger Idealist und habe die Bücher von Marx und Engels mit Begeisterung gelesen", erzählt der heute 68-Jährige auf einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung der Volkshochschule Brunsbüttel (Kreis Dithmarschen). Sie findet im Rahmen der Ausstellung "Jugend-Opposition in der DDR" statt, die noch bis zum 23. Juni im Elbeforum der Stadt zu sehen ist.
Es ist das Jahr 1963, als Peter Drauschke in die DDR übersiedelt. Heute sagt er: "Ich hatte die Idee, in der DDR ein besseres Deutschland und den Sozialismus aufzubauen." Er ist aktiv in der Freien Deutschen Jugend (FDJ), avanciert zum FDJ-Sekretär , darf an der Hochschule der FDJ in Berlin politische Ökonomie und Marxismus/Leninismus studieren. Aber schon nach wenigen Jahren wachsen die Zweifel, aber es ist ein langer Weg, sich vom überzeugten Kommunisten zu einem Anti-Kommunisten zu wandeln. Drauschke will wieder raus aus der DDR. Doch sein Fluchtversuch in den Westen über Bulgarien am 18. Juni 1972 geht schief. Er, seine damalige Freundin und ein Freund, werden verhaftet und erst in Hohenschönhausen und später in Rostock inhaftiert. Peter Drauschke wird zu fünfeinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, kommt aber schon ein Jahr später durch den ersten Gnadenerlass des Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht frei. Ein Jahr lang muss er anschließend als Möbeltransporteur arbeiten, ehe er am 26. Oktober 1973 die DDR verlassen kann.

Aktuelle deutsche Geschichte wird an Schulen vernachlässigt

Drauschke hat sein Schicksal öffentlich gemacht. Seit 1979 hält er Vorträge in Schulen und Hochschulen sowie bei öffentlichen Veranstaltungen. "Die Jugend hat heute null Ahnung über 40 Jahre deutsche Geschichte in der DDR", sagt er. Während das Römische Reich bis zum Erbrechen gelehrt werde, werde die aktuelle deutsche Geschichte vernachlässigt.
Dieser Kritik widersprach Martin Müller. Der Geschichtslehrer am Brunsbütteler Gymnasium erklärte, dass über die DDR durchaus Unterrichtsmaterial ausreichend zur Verfügung stehe und das Thema auch behandelt werde. In einem Punkt gab er Drauschke aber Recht: Die DDR-Vergangenheit stoße auf wenig Interesse.

Gespräch mit Zeitzeugen weckt Interesse

Dabei sollen Veranstaltungen wie die im Elbeforum helfen, sagte Dirck Boerma. Er hat für die VHS die Ausstellung der Robert-Havemann-Gesellschaft und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur aufgebaut und führt schon seit dem 21. Mai ganze Schulklassen durch die Ausstellung, in der das Leben und das Schicksal von 18 DDR-Oppositionellen ebenso beschrieben werden wie deren Haltung zum alleinigen Machtanspruch der SED, zu Scheinwahlen, zum Mauerbau und zur fortschreitenden Militarisierung der Gesellschaft. Eines hätten die bisherigen Besuche von Schulklassen gezeigt: Das Gespräch mit dem Zeitzeugen wecke Interesse und Betroffenheit.
"Die DDR war ein Verbrecherstaat, der seine Menschen eingesperrt und umgebracht hat", sagt Peter Drauschke. Er hadert nicht mit den 17 Millionen ehemaligen DDR-Bürgern, sondern mit dem Staat, der verbrecherisch organisiert gewesen sei. Mit seinem Auftritt als Zeitzeuge wolle er helfen, der Uninformiertheit der heutigen Jugend und der Gefahr einer Geschichtsklitterung entgegen zu wirken. "Es gibt nichts besseres auf Erden als die Freiheit", sagt Drauschke.
Mit welchem Aufwand ihn die DDR darin beschränken wollte, zeigt die Stasi-Akte, die Drauschke mittlerweile kennt. Sie umfasst 2900 DIN-A4-Seiten.

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