Schleswig-Holstein Musik Festival : Zwischen Derwisch-Tanz und Mozart

 Begegnung von Orient und Okzident: Das Ensemble Sarband bringt  türkische Derwisch-Tänzer in den Norden. Foto: Judith Haug/SHMF
Begegnung von Orient und Okzident: Das Ensemble Sarband bringt türkische Derwisch-Tänzer in den Norden. Foto: Judith Haug/SHMF

Das Schleswig-Holstein Musik Festival 2011 beginnt: Weniger Geld, dafür aber mehr Exotik verspricht der Länderschwerpunkt Türkei.

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11. Juli 2011, 08:46 Uhr

Kiel/Hamburg | "Merhaba Türkiye", schallt es während der kommenden Wochen durch den Norden. Zumindest musikalisch. Am Sonntag wird mit Beethovens D-Dur-Violinkonzert und Tschaikowskys Sinfonie Nr. 4 in Lübeck das Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) eröffnet. Von einem "Alle Jahre wieder" kann angesichts der 26. Ausgabe des SHMF aber kaum die Rede sein. Nicht zuletzt das Streichkonzert der Landesregierung in Kiel hat manches in den vergangenen Monaten durcheinandergewürfelt.
Im Klartext: Die Festivalmacher mussten mit deutlich weniger Geld auskommen. Rund 260.000 Euro an Landeszuschüssen standen in diesem Jahr weniger zur Verfügung. "Natürlich musste auf einiges verzichtet werden, wir haben auch organisatorische Umstrukturierungen vornehmen müssen", räumt SHMF-Intendant Rolf Beck ein. In den nackten Zahlen des Konzertbetriebes liest sich das so: Die Zahl der Veranstaltungen wurde um elf reduziert und wurde in 2010 noch mit 148.000 Eintrittskarten kalkuliert, ist nun nur noch von 137.000 die Rede.
Nachwuchsmusiker am Nord-Ostsee-Kanal
Auch an der Zahl und Lage der Spielstätten wird der Zwang zum Sparen deutlich. Vier der insgesamt sechs neuen Spielstätten wurden mit Blick auf das Publikumsaufkommen günstig in Hamburg und seinem Speckgürtel angesiedelt - darunter der Spielbudenplatz oder das Vorfeld Zwei des Hamburger Flughafens Fuhlsbüttel. Die Orchesterakademie bekam einen Umzug nach Rendsburg verordnet. Statt in der verträumten Einsamkeit des Gutes Salzau nahe Kiel proben, spielen und wohnen die SHMF-Nachwuchsmusiker nun am Rande des Nord-Ostsee-Kanals, mit Blick auf die Hochbrücke, in Rendsburg und Büdelsdorf.
Neues verspricht auch zweifelsohne der recht exotische Länderschwerpunkt in diesem Jahr. Die Türkei ist "ein Schmelztiegel unterschiedlichster Kulturen und Religionen, in dem sich das Abend- und das Morgenland gleichsam begegnen", schwärmte Beck bereits im Vorfeld. "Rund 50 verschiedene ethnische Gruppen sind dort beheimatet", berichtet er. Entsprechend warnt er dann auch vor übereilten Urteilen zum Länderschwerpunkt und seinem Potenzial. "Dass dieser auf den ersten Blick unergiebig für ein Klassik-Festival unserer Größe zu sein scheint, ist ein gewaltiger Irrtum", sagt Beck. Erst zum zweiten Mal in der Geschichte des Länderschwerpunktes sieht sich das SHMF dabei allerdings der Herausforderung gegenüber, eine Musik in Szene zu setzen, die nicht eine mehrere hundert Jahre dauernde europäische Tradition vorweisen kann. Nur 2005 mit Japan war dies schon der Fall.
Derwisch-Tänze und türkisch-arabischer Pop
Das Festival-Programm liest sich wie ein Querschnitt durch die gesamte türkische Musik-Szene, es ist ein gewaltiges Zusammentreffen der Kulturen - Derwisch-Tänze in christlichen Kirchen und türkisch-arabischer Pop inklusive. Der in Ankara geborene Pianist Fazil Say spielt dann ebenso auf wie die ebenfalls von dort stammenden Zwillinge Ferhan und Ferzan Önder, die bereits 2010 beim SHMF zu Gast waren. Mozart trifft in ihren Repertoires auf Werke von Ulvi Cemal Erkin (1906-1972), einem der ersten professionellen türkischen Komponisten. Mit Künstlern wie der DJane Ipek Ipekcioglu werden Brücken in eine pulsierende Club-Kultur geschlagen, deren Rhythmen und Sounds auf eine ganz eigene Welt zwischen Berlin und Istanbul verweisen. Daneben versprechen auch die Auftritte der Geigerin Anne-Sophie Mutter, des Countertenors Philippe Jaroussky sowie des russischen Pianist Grigory Sokolov Höhepunkte des Festivalsommers zu werden.
Nein, es ist kein "alle Jahre wieder", mit dem sich das SHMF präsentiert. Mehr ein ausgesprochen mutiges, bislang auch eigenwilliges Programm, das den Zuschauer erwartet, wenn es heißt: "Willkommen Türkei".
Im Schleswig-Holstein Journal dieser Ausgabe außerdem : "Hier spielt die Musik" über die Proben des SHMF-Orchesters im "Kunstwerk Carlshütte".
(til, shz)

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