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"Sommer ohne Männer" : Zwischen Affären, Philosophie und Pubertät

vom

Die 55 Jahre alte Mia wird von ihrem Mann Boris verlassen, damit der sich ungestört seiner Affäre widmen kann. Grund genug, das ganze Leben noch einmal zu überdenken.

Der Titel hält, was er verspricht: Das Hörbuch "Der Sommer ohne Männer" kommt tatsächlich fast ganz ohne Männer aus. Wer jetzt aber auf östrogengetränkten Schmalz hofft, wird aber enttäuscht. Siri Hustvedts aktueller Roman ist ein Blick auf die Frauen, ihre Geheimnisse und Leiden, ihre Waffen und Gedanken. Eine Feminismus-Keule also? Weit gefehlt. Es beginnt alles mit einer gänzlich unemanzipierten Voraussetzung: Mias midlifekriselnder Mann Boris (der nur in Form von Emails und Erinnerungen vorkommt) hat sich eine junge französische Geliebte geschnappt und seine treue Ehefrau erleidet einen Nervenkollaps.
Soweit so banal. Die 55-Jährige erholt sich zunächst in einer Klinik und flieht dann den Sommer über in ihr Heimatörtchen in Minnesota in ein Ferienhaus. Nebenan lebt ihre alternde Mutter zusammen mit einer illustren, Golden-Girls-artigen Witwen-WG in einem Heim für betreutes Wohnen. Außerdem gibt die belesene Literatur-Dozentin einen Sommerferien-Kursus in Kreativem Schreiben - bei dem selbstredend nur pubertierende Mädchen kichernd in den Reihen Platz nehmen.
Ausschweifender innerer Monolog
Es folgt ein Sommer ohne Männer aber voller Gedanken. Und die Dozentin denkt wirklich über alles nach. Zitiert Philosophen, Literaten und Psychologen, reflektiert das Verhalten der alten und der jungen Genossinnen. Zeitweise birgt der innere Monolog überraschende Analogien. So setzt sie die Entdeckung Amerikas mit der der Klitoris gleich: Beides wurde von einem Herrn Columbus entdeckt - und war einem Teil der Welt schon wohl bekannt, ob es nun die Ureinwohner der neuen Welt oder die Frauen seien.
Dennoch ist eben dieses Übermaß an Intertextualität und philosophischer Zitate die größte Schwäche der Geschichte, ertränken sie doch immer wieder den Handlungsstrang, schlagen wie ein rasender Gaul wild um sich und lassen den durchschnittlichen philosophisch unterernährten Rezipienten ein wenig überfordert zurück. Daher bricht Mia auch immer wieder aus der Diegese aus und bittet den werten Hörer um Entschuldigung ob der vielen Ausschweifungen. Zum Glück meist, wenn man auch wirklich gerade genervt war.
Darunter aber, wenn man sich wegen der fehlenden Kierkegaard-Kenntnisse zu Ende geschämt hat, entdeckt man immer wieder spannende Details an den vielen Frauen in Mias Umfeld: Die ältere Dame Abigail zum Beispiel, deren Hobby es ist, subversive, teils obszöne Details in auf den ersten Blich kitschig-naive Stickbilder oder Hosentaschenfutter einzuarbeiten - ihre "Heimlichen Vergnügungen". Die Gruppendynamik im Literaturkursus, bei der ein Mädchen von der pubertierenden Meute gemobbt wird, wird von Mia originell und liebenswert beantwortet. Das sind die eigentlichen Schätze des Hörbuchs, denn die Beziehungsgeschichte mit Boris plätschert eher langweilig dahin und endet ein wenig banal - so mächtig die Autiorin auch mit der Keule der Intellektualität schwingt. Da hilft Bildung vor Dummheit nicht.


(mn, shz)

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erstellt am 07.Jun.2011 | 07:40 Uhr

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