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Schriftstellertreffen in Lübeck : Zaimoglu über Grass: „Es wurde nie langweilig mit ihm“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Schriftsteller Feridun Zaimoglu kannte den Literaturnobelpreisträger gut. Ein Gastbeitrag.

shz.de von
erstellt am 14.Apr.2015 | 07:41 Uhr

Ein großer deutscher Dichter ist tot, ich bin sehr traurig. Er wird mir fehlen. Ich kann mich erinnern, in der Schule, im Gymnasium, habe ich das erste Mal mit Günter Grass zu tun gehabt, wir haben einen Textauszug aus der „Blechtrommel“ gelesen. Ich war so begeistert davon, dass ich es nicht dabei belassen konnte, nur dieses Kapitel zu lesen. Ich habe mir das Buch gleich in der Bibliothek ausgeliehen und gelesen, von vorn bis hinten und wieder zurück. Danach dann gleich „Katz und Maus“ – ich war damals ein betäubter, schüchterner Gymnasiast, und Günter Grass hat mit mir diesen beiden Büchern viele, viele Tage vergoldet.

Damals konnte ich nicht ahnen, dass es viele, viele Jahre später sogar zu persönlichen Begegnungen kommen sollte. Ich war zum Lübecker Schriftstellertreffen eingeladen, und nach dem ersten Gespräch wusste ich, wieso ich seine Bücher mochte. Er schaute mich aus hellwachen Augen an, erzählte von der Entpolitisierung der Gesellschaft, er sprach druckreif und glasklar und streute dabei immer wieder selbstironische Bemerkungen ein. Es wurde nie langweilig mit ihm. Ich siezte ihn als Respektsperson, er aber bot mir gleich das Du an.

Die Lübecker Schriftstellertreffen waren und sind eine gute und hilfreiche Sache: Das Schreiben ist ein sehr harter Beruf, man macht sich nackt und riskiert Hohngelächter. Da hilft es, einen Mann zu sehen, der über Jahrzehnte bei diesem Beruf geblieben ist und sich trotzdem nicht hat brechen lassen. Er hat uns, den eingeladenen Schriftstellern, Mut gemacht. Dieses Lübecker Treffen ist kein Kreis der Eingeweihten, der sich gegen eine vermeintlich feindliche Umwelt verpanzert. Günter Grass forderte uns, man konnte dort nicht sitzen und die üblichen Psalmen säuseln. Er hat den Texten fast immer mit geschlossenen Augen gelauscht und wenn er an der Reihe war zu sprechen, dann hat er eine kluge Analyse hingelegt. Ehrlich, aber respektvoll. Denn er war ein sehr höflicher Mensch, der nur keine Verzagtheit dulden konnte.

Bei der Feier zu seinem 80. Geburtstag hat er sich vorne hingestellt und eine Stunde lang Gedichte vorgetragen, stehend, ohne sich einmal zu verhaspeln. Ich saß im Publikum und dachte: „Donnerwetter, ist der Mann frisch.“ Auch wenn viele Menschen sagen werden, jetzt strickt der Zaimoglu eine Heiligenlegende: Er war ein Menschenfreund. Er konnte donnern, er konnte wettern, aber er war eigentlich ein sehr lustiger Mensch.

Natürlich habe ich immer wieder gelesen, dass er angefochten und befehdet wird, weil er nicht zu den angepassten bundesdeutschen Autoren gehörte, die sich im Dschungel des Intellektualismus verloren. Er hat sich nicht einreden wollen, dass die deutsche Geschichte zu Ende sei, bloß, weil die Mauer gefallen ist. Man wollte und will uns ja weismachen, dass es kein oben und unten mehr gibt. Während heute viele Schreiber an ihrer Harfe zupfen und ihr liebliche Töne entlocken, hat Günter Grass zum Erschrecken vieler, die ihm Besonnenheit einreden wollten, die Faust auf den Tisch krachen lassen. Er war immer mutig, und ich übertreibe nicht, wenn ich sage: Er ist für mich ein Vorbild.

Unlängst wurde er wieder angegriffen, aber er wollte nicht weichen. Er hat bis zum Schluss daran festgehalten, dass man für die gute Sache streiten muss, auch wenn es einen fast die Reputation kostet. Es wäre schön, wenn man ihn als überragenden Schriftsteller und als einen guten Menschen in Erinnerung behielte.

Ich werde ihn nicht vergessen, ich sehe ihn lächeln und trotz der vielen Anfeindungen höre ich ihn sagen: „Es geht weiter, kein Ende abzusehen.“ Gleiches hätte er sich für das jährliche Schriftstellertreffen in Lübeck gewünscht. Und auch ich hoffe, dass diese jährliche Zusammenkunft künftig bestehen bleibt, als eine schöne Tradition im Sinne des Dichters Günter Grass.

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