Hamburger Kunsthalle : Wortloser Streit um ein Wandgemälde

<strong>Alles, was geblieben ist:</strong> Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme von Klähns Wandgemälde.
Alles, was geblieben ist: Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme von Klähns Wandgemälde.

In Hamburg wird um die Freilegung eines vom Maler Wolfgang Klähn gestalteten Kunstwerks gestritten, das seit über 50 Jahren verhüllt ist.

shz.de von
16. März 2010, 07:54 Uhr

hamburg | Die Farben stehen noch bei Wolfgang Klähn im Keller, seit fast 60 Jahren. "Die sind von sehr guter Qualität", sagt der Maler. Zumindest waren sie es damals, im Jahr 1952, als Klähn damit die Wände eines Treppenhauses in der Hamburger Kunsthalle bemalte. 22 Jahre war Klähn alt, als ihm der damalige Kunsthallen-Direktor Carl Georg Heise 1952 den Auftrag für das großflächige Bild gab. Eine Auszeichnung für den jungen Künstler und eine große Aufgabe: "Ich stand vor der Wand und fragte mich: Kannst du das überhaupt?" Klähn konnte, und nach mehreren Monaten Arbeit war das Werk auf der etwa drei mal sieben Meter großen Fläche fertig: Zellähnliche Formen sind darauf zu sehen, violett, gelb, rot und grün auf schwarzem Hintergrund. "Diese starken Farben saugten die Menschen förmlich an", erinnert sich Klähn. Auch der damalige Bundespräsident Theodor Heuss äußerte sich während eines privaten Kunsthallenbesuchs positiv über das Bild.
Aber das Wandgemälde war damals sehr umstritten - und ist es noch heute. "Es kam eine gewisse Unruhe auf", erinnert sich der Maler, der in Blankenese wohnt und arbeitet. Zu bunt sei die Wand, und überhaupt: Wer ist schon dieser Klähn? Über die Bedeutung seines Werkes wird bis heute zwischen Kunsthistorikern heftig diskutiert. "Ich wurde schon immer unterschätzt", sagt Klähn. Er wird überschätzt, sagen andere.
Malerei mit Rigipsplatten abgedeckt
Heises Nachfolger Alfred Hentzen beendete diese Diskussion auf seine Art und ließ die umstrittene Malerei Mitte der 1950er Jahre mit weißen Rigipsplatten abdecken. Seitdem ist Klähns Wandbild verhüllt.
Sehr zum Unmut der Verehrer Klähns, von denen einige in der Hamburger Lichtwark-Gesellschaft zu finden sind. Die Gesellschaft, die den Namen des ersten Direktors der Hamburger Kunsthalle trägt, hatte angesichts des 80. Geburtstags Klähns ein besonderes Geschenk für Klähn gefordert - die Freilegung seiner Wand in der Hamburger Kunsthalle. Peter Schmidt, langjähriges CDU-Mitglied der Hamburger Bürgerschaft und Vorsitzender der Lichtwark-Gesellschaft, nennt die Abdeckung einen Zensurbalken, "der entfernt werden muss". Schmidt schrieb deshalb mehrfach dem Kunsthallen-Direktor Hubertus Gaßner, der sich aber nicht öffentlich zu der Klähn-Wand äußert. "Der Direktor hat sich hinter seiner Tür verrammelt, während ein Werk in seinem Haus der Wiederentdeckung harrt", klagt Schmidt.
Sturm im Wasserglas
In der Kunsthalle reagiert man zunehmend genervt auf die anhaltende öffentliche Klähn-Diskussion. "Sie glauben gar nicht, wie viele Künstler in der Hamburger Kunsthalle Werke direkt auf die Wand gemalt haben, die dann später übergestrichen wurden. Da hat Herr Klähn mit der Verplattung richtig Glück gehabt", sagt Ulrich Luckhardt, Leiter der Galerie der Klassischen Moderne und nennt die Angelegenheit einen Sturm im Wasserglas - zumal das von Klähn gestaltete Treppenhaus gar nicht mehr öffentlich zugänglich sei. Und eine Freilegung sei mit erheblichen Kosten verbunden, die Finanzsituation der Kunsthalle schwierig.
Argumente, die Schmidt kennt, aber nicht gelten lässt: "Man sollte das Werk zumindest für einige Wochen freilegen, um es einmal umfassend zu dokumentieren." Die Kosten könnte man über Sponsoren abdecken.
Kultursenat: "Die Beteiligten sollen direkt miteinander sprechen"
Längst ist der Streit um Klähns Kunstwerk auch im Büro der Hamburger Kultursenatorin Karin von Welck angekommen. Dort nehme man zwar grundsätzlich keinen Einfluss darauf, welche seiner Kunstwerke ein Museum wann und wie präsentiert, "aber wir würden es sehr begrüßen, wenn die Kunsthalle und Herr Klähn direkt miteinander sprächen, um dieses Thema zu klären", sagt Behördensprecherin Ilka von Bodungen.
Auf einen von der Kunsthalle versprochenen Anruf ihres Direktors Hubertus Gaßner wartet Klähn allerdings seit Monaten - vergeblich. Er selbst will nicht anrufen: "Herr Gaßner will die Sache aussitzen, deshalb habe ich ein Problem mit ihm." So dreht sich dieser erstaunliche Konflikt um Kunst, Eitelkeit und Deutungshoheit, der schon seit längerem in der Stadt köchelt, weiter. Wolfgang Klähn hofft zwar, seine Wand noch einmal zu sehen, "aber wirklich daran glauben kann ich nicht mehr". Geblieben sind ihm von seinem Wandbild nur ein paar Schwarz-Weiß-Fotos - und die Farben im Keller.

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