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"Wir knien nicht vor Wagner nieder"

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Der Brunsbütteler Tenor Klaus Florian Vogt über Leben und Werk Richard Wagners, der heute 200 Jahre alt geworden wäre

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erstellt am 22.Mai.2013 | 03:59 Uhr

brunsbüttel | Wenn in Bayreuth und Leipzig der 200. Geburtstag von Richard Wagner gefeiert wird, ist natürlich auch Klaus Florian Vogt dabei: Der Schleswig-Holsteiner, der auf der ganzen Welt als Wagner-Tenor gebucht wird, tritt heute am späten Abend bei einer Geburtstagsfeier in der Bayreuther Innenstadt auf. Im Interview spricht er über Wagners Musik und die Faszination der Bayreuther Festspiele.

Herr Vogt, Sie sind einer der meistgebuchten Wagner-Tenöre der Welt, machen Sie in diesem Jahr überhaupt etwas anderes als Wagner zu singen?

Ja, ich habe schon noch einige andere Konzerte im Kalender. Aber der überwiegende Teil des Jahres ist tatsächlich für Wagner reserviert.

Mal ehrlich: Wie fanden Sie Wagner, bevor Sie sich so viel mit ihm beschäftigt haben?

Die Musik Wagners hat mich sofort fasziniert. Das erste Stück, mit dem ich zu tun hatte, war das Siegfried-Idyll, das ich als Jugendlicher mit einem Orchester vom Hamburger Konservatorium gespielt habe. Die Musik hat mich schon damals sehr angesprochen.

Was macht seine Musik für Sie so besonders?

Sie ist unglaublich vielschichtig und deshalb sehr abwechslungsreich. Man kann jede einzelne musikalische Passage auf viele verschiedene Arten betrachten - und interpretieren. Das macht Wagner in meinen Augen so interessant.

Auch wenn Sie zum wiederholten Male den Lohengrin in Bayreuth singen?

Ja, auch da findet man immer wieder neue Möglichkeiten.

Erwarten Sie in diesem Jahr aufgrund der ganzen Wagner-Feierlichkeiten auch eine besondere Atmosphäre auf dem Grünen Hügel in Bayreuth?

Ja. Heute bin ich bei der großen Wagner-Gala in Bayreuth dabei und ich bin wirklich sehr gespannt auf die Atmosphäre dort. Das wird sicherlich einzigartig. Und bei den eigentlichen Festspielen ist die Stimmung ohnehin immer eine ganz besondere.

Was macht diese Atmosphäre aus?

Für mich als Mitwirkender ist das Besondere, dass alle, die dort hinkommen und mitwirken, mehrere Wochen im gleichen Boot sitzen. Daraus entsteht eine Mischung aus ernsthafter Arbeit und gemeinsamer Freizeit. Alle Mitwirkenden wachsen zu einer starken Gemeinschaft zusammen, deshalb kommen auch die meisten, die mal da waren, immer gerne wieder. Außerdem ist Bayreuth eine kleine Stadt, man trifft sich also ständig und spürt überall eine gespannte und erwartungsvolle Atmosphäre.

Und bekommen Sie in Bayreuth auch viel von der anderen, eher kritischen Sicht auf Wagner, sein Werk und die Festspiele mit?

Ja natürlich, auch das bekomme ich mit - und selbstverständlich kommen wir dort auch mit den Kritikern in Kontakt. Wobei ich sagen muss, dass ich die Kritik nicht ganz verstehen kann. Es findet in Bayreuth ja kein Personenkult statt. Wir knien dort nicht vor Wagner zum Gebet nieder, sondern wir führen so gut wie möglich sein Werk auf. Für mich jedenfalls ist das das Wichtige.

Trotzdem hat Wagners Musik bekanntlich etwas Bombastisches und Rauschhaftes, das nachweislich nicht immer zum Guten ausgelegt wurde.

Ich persönlich liebe gerade das Rauschhafte, das in dieser Musik drinsteckt. Und dass diese Elemente teilweise missbraucht wurden, dafür kann Wagner nichts. Sicherlich trifft seine Musik nicht jeden Geschmack, aber ich glaube, es gibt da auch viele Missverständnisse.

Sind Sie es manchmal leid, ihn verteidigen zum müssen?

Nein, verteidigen ist mir auch ein zu starkes Wort. Die Extreme in der Betrachtung von Wagner und seiner Musik macht die Sache auf der einen Seite natürlich auch wieder interessant; auf der anderen Seite würde ich mir aber auch wünschen, dass mehr Menschen diese fantastische Musik unvoreingenommen auf sich wirken lassen. Bei Wagner existiert eine Schwellenangst, die überhaupt nicht berechtigt ist.

Zumindest die Schwelle zu den Bayreuther Festspielen ist hoch; es ist als normaler Besucher nicht gerade leicht, Karten zu bekommen.

Das stimmt, aber ich habe das Gefühl, dass sich das gerade ändert.

Eine persönliche Frage: Wagner hat bekanntlich immer sehr auf das Aussehen seiner Protagonisten geachtet. Sie tragen Ihre Haare in perfekter, schulterlanger Heldentenor-Länge - haben Sie in Bayreuth eigentlich vertragliche Vorgaben, die ihr Äußeres betreffen?

Nein. Aber ich möchte auch nicht ein Held auf der Bühne sein, der 180 Kilogramm auf die Waage bringt. Da habe ich schon meine eigenen Ansprüche. Meine Haare allerdings schneide ich mir nicht ab, damit ich auf der Bühne keine Perücken tragen muss. Die langen Haare sind also reine Bequemlichkeit.

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