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Schriftsteller aus Eckernförde : Wilhelm Lehmann, der vergessene Autor

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Eckernföder Autor und Lehrer Wilhelm Lehmann war in den 1960er Jahren einer der wichtigsten deutschen Lyriker - heute ist er nahezu vergessen. Ein Verein will das ändern.

shz.de von
erstellt am 30.Apr.2014 | 11:56 Uhr

Die beiden Herren, die sich im Frühjahr 1962 in Eckernförde zum Gespräch trafen, waren Schriftsteller – der eine bereits von großer Bedeutung für die deutsche Literatur, der andere auf dem Weg dorthin: Wilhelm Lehmann (1882-1968) empfing den jungen Siegfried Lenz bei sich zu Hause. Lehmann war der, über den man damals sprach, ein gefeierter Lyriker vor allem, Lenz sollte seine wichtigsten Werke – „Deutschstunde“ (1968) und „Heimatmuseum“ (1978) – erst Jahre später veröffentlichen. Heute ist Lenz ein berühmter Autor, eine der literarischen Größen Deutschlands, mehrfach ausgezeichnet für sein Werk und Ehrenbürger Schleswig-Holsteins. Wilhelm Lehmann dagegen ist nahezu vergessen.

Wer die Werke der beiden, die 1962 in Eckernförde an einem Tisch saßen, vergleicht, der wird feststellen, dass es durchaus Gründe gibt, warum der eine den anderen überflügelt hat. Lenz schreibt lebendig und humorvoll, Lehmanns Prosa dagegen ist eher umständlich und angefüllt mit Symbolik. Lehmann zu lesen ist nicht einfach, aber: Lehmann zu lesen lohnt sich.

Aus diesem Grund hat sich vor zehn Jahren auch die Eckernförder Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft gegründet, die einmal im Jahr (das nächste Mal am 9. und 10. Mai) eine Tagung zu Ehren des Schriftstellers veranstaltet. Die Gesellschaft will Lehmanns Werk wissenschaftlich erschließen und es vor allem bekannter machen. In der Gesellschaft tummeln sich viele Literaturwissenschaftler und Lehmann-Experten aus ganz Deutschland, darunter auch der Schauspieler und Verleger Hanns Zischler, der ein Hörbuch von Lehmanns Roman „Der Provinzlärm“ eingesprochen hat. „Das Werk Lehmanns hat es verdient, bekannter zu werden“, sagt Zischler.

In diesen Wochen etwa, da des Beginns des 1. Weltkrieges vor 100 Jahren gedacht wird: Der Eckernförder Schriftsteller hat diesen Krieg in seinem Roman „Der Überläufer“ thematisiert, aus autobiografischer Sicht. Lehmann wurde mehrere Jahre von der Angst beherrscht, einberufen zu werden. Als er 1918, im letzten Kriegsjahr, tatsächlich zum Frontdienst bestellt wurde, beging er Fahnenflucht – was ihm allerdings erst im zweiten Versuch gelang.

Seine Gedanken und Erlebnisse, den Schmutz, den Lärm, die Todesangst hat Lehmann in seinem Weltkriegs-Roman verarbeitet, den er zwar 1927 beendete, der allerdings erst 1962, dem Jahr des Treffens mit Lenz, erstmals veröffentlicht wurde. Das Buch galt bis dahin als „unpatriotisch“ – eine erstaunliche Feststellung in einem Land, das sogar noch einen zweiten Weltkrieg entfacht hatte.

Der Eckernförder Autor erzählt im „Überläufer“, der auch in einer Gesamtausgabe der Lehmann-Werke im Klett-Cotta-Verlag erschienen ist, die Geschichte von Hanswilli Nuch, eines jungen Mannes, der – wie Lehmann selbst – von der Front flieht; die Abkehr von den Schlachtfeldern des Krieges ist dabei gleichbedeutend mit der Abkehr von der Zivilisation, die solche blutigen Konflikte zulässt. Die Natur erscheint als der einzig wahrhaftige Lebensraum, in dem schon der junge Nuch zu der Bestimmung der eigenen Existenz zurückfindet: „Er taperte vergnügt schräge von einer Seite zur andern, faßte eine grüne Raupe um den Leib und setzte sie auf einen Strauch, sah einer Schnake zu, die wie gelähmt an einem grauen Wackerstein klebte. Ihn interessierte hier alles.“

Diese Naturergebenheit, die zum zentralen Lebenszweck der menschlichen Existenz erhoben wird, war dem damaligen Gast im Eckernförder Autorenhaus nicht ganz geheuer: Siegfried Lenz hinterfragte kritisch das zentrale Motiv in Lehmanns Werk, so recht einig wurden sich die beiden in dieser Sache am Ende nicht. Der Hausherr jedenfalls war nicht von seinem naturalistischen Ideal abzubringen: „Mögen wir uns streiten über das Woher und Wohin des Menschen. Er bleibt mir immer im Banne dieser Grundmächte, die ihn produziert haben und die ihn eines Tages wieder zurücknehmen werden.“

Die Zivilisation dagegen, das wird auch im „Überläufer“ deutlich, verfälscht den Menschen. Nuch hat Angst vor der Stadt, seine Mitstudenten werden als schwächliche Egoisten beschrieben, er fühlt sich unter ihnen wie ein Verbannter. Schlimmer als das Leben in der Stadt ist nur der Krieg, der sogar die Natur mit seiner ganzen Gewalt verschlingt: „Nuch sah die Chaussee mit entsetzlich zerschlagenen Bäumen. Sie lief einsam, von allem Lebendigen verlassen, von Granaten durchwühlt. Auf dem heidigen Boden stand eine zerrissene Brombeere, er pflückte eine regensaure Frucht.“ Bei soviel Symbolik kann auch die Literatur schon mal einen sauren Beigeschmack bekommen, nicht nur Lenz hatte Schwierigkeiten mit dem Idealisten Lehmann, dessen radikale Hinwendung zur Natur durchaus als frühe grüne Bewegung bezeichnet werden kann.

Peter Rühmkorf (1929-2008) spottete über die „Rückkehr des Mythos aus dem Geist der Kleingärtnerei“. Damit hat der scharfzüngige Hamburger Schriftsteller überzogen und Lehmann Unrecht getan – schon allein, weil er dessen Arbeiten aus einem späteren Kontext heraus beurteilte.

Lehmanns Literatur kann nur aus der Perspektive seiner Zeit betrachtet werden, einer Zeit, in der Kriege den Rhythmus des Lebens ebenso bestimmten wie rigide gesellschaftliche Konventionen. Dann bleibt zwischen regensauren Früchten und Kleingärtnerei eine Menge Raum für ein literarisches Werk, das es verdient hat, die Zeit zu überdauern.

 

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