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Musiker aus SH : Wie Bands ohne Label weiter kommen

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Viele regionale Bands versuchen, im Norden einen Markt zu finden. Der große Traum: Von der Musik leben zu können. Doch das hat seine Tücken.

Flensburg | Für viele Bands ist die Musik mehr als ein Hobby, es ist der Lebensinhalt, so etwas wie die Muttersprache. Und doch schaffen es die wenigsten, von ihrer Musik tatsächlich leben zu können. Abseits des Casting-Glitzers aus dem TV sehen die Karrieren etwas nüchterner aus. Manchmal gibt es für Live-Auftritte nur etwas Spritgeld.

Die Rockgruppe Vierpunkteins hat schon eine Reihe von Konzerten gemeistert, vom bunten Volksfest bis hin zur Vorband der brasilianischen Metalband Sepultura. Die Flensburger spielen ihre eigenen Songs – und oft fragen die Zuschauer, wo man die Musik denn herbekomme. Das Problem: Die Band hat zwar ein komplettes eigenes Album im Kopf – aber in den Händen hat sie noch nichts. Bisher fehlte den Flensburgern der Plattenvertrag. Jetzt wollen sie es auf eigene Faust versuchen. Ohne Label, aber mit viel Enthusiasmus.

Sänger Chrissi Becker sprudelt regelrecht vor Vorfreude, wenn er über die Pläne der Band spricht. Denn demnächst soll eine erste Single herauskommen. „Spuren im Sand“ heißt die Ballade, die von der Begegnung zwischen einem wohlhabenden Mann und einem Obdachlosen handelt. 

Der Song wurde bereits im Januar in einem Tonstudio aufgenommen. Mitten zwischen Kuhweiden bei Kropp (Kreis Schleswig-Flensburg) liegt das Cliffstudio von Roger Wahlmann, der als Musiker bei der Coverband Tin Lizzy spielt. „Als junge Band hatten wir auch Angst davor. Das kostet ja auch Geld“, sagt Chrissi Becker. 280 kostet ein Studiotag – und nicht immer reicht einer aus. Immerhin: Einen Song haben sie zusammen produzieren können. 

Doch mit der fertigen Aufnahme ist es noch kein Hit. Die Band ist gerade dabei, ein professionelles Video für Youtube zu produzieren. Denn auch über die Videoplattform halten die Musiker Kontakt zu ihren Fans oder erreichen neue Hörer. Das Video wurde in den vergangenen Wochen in Flensburg und Umgebung gedreht, demnächst soll es erscheinen, um das bisheringe Hausgemachte zu ersetzen.

Wie es dann weitergeht? Am liebsten mit dem ganzen Album. „Freischwimmer im Fluss der Zeit“ soll das dann heißen und eine Mischung aus deutschsprachiger Rockmusik und Surferfeeling werden. „Das wird so klasse, wir freuen uns so darauf!“, sagt Chrissy Becker.

Die nordfriesische Sängerin Catherine Jauer ist da schon zwei Schritte weiter: Sie hat bereits ihr zweites eigenes Album herausgebracht. Auch sie hatte zunächst versucht, bei Plattenfirmen weiterzukommen. Sie musiziert seit ihrer Kindheit, trat schon als Jugendliche mit ihrer Gitarre in Kneipen auf. Als sie aber merkte, dass die Vermarktung über Plattenlabels schwierig ist, gründete sie ihr eigenes und benannte es nach ihrem Hund. Im Herbst hat „Wookie Records“ ihr zweites Album „Hear the Sound“ herausgebracht.

Auch sie hat ihre Songs im Cliffstudio bei Kropp aufgenommen. Ihr Youtube-Video zur ersten Single „Eis“ ist ebenfalls „homemade“, aber sie ist ganz zufrieden damit. In den Plattenabteilungen der großen Elektronik-Märkte wird man ihr Album aber nicht finden, sagt die 36-Jährige. „Bei Saturn kriegst du die nicht rein“, sagt sie. „Dann müsste man das über einen Distributor laufen lassen, der zahlt dann für den Platz im Regal.“ Doch wer würde schon ein Album kaufen, „das kein Schwein kennt“, weil es nirgendwo vermarktet wird. „Pay to Play“, nennt die Musikerin das System. Je mehr man investiere, desto mehr würde die Musik bekannt. Und sie fügt etwas trotzig hinzu: „Den ganzen Quatsch macht man als Independent-Künstler nicht mit.“

Doch auch die vermeintlich freie und unabhängige digitale Vermarktung birgt ihre Tücken: „Es kennen einen dadurch dann viel mehr Leute, aber finanziell zahlt sich das nicht aus mit den 0,000-Centbeträgen von Spotify und Co.“, sagt die Sängerin. „Alle wollen Musik hören, aber keiner will dafür bezahlen.“ Stattdessen verkauft die Musikerin ihre CDs in erster Linie bei ihren Live-Auftritten. „Aber ich denke, je mehr Leute einen bei Spotify mal gehört haben, desto mehr kommen auch zu den Konzerten“, sagt sie.

Der digitale Markt wurde inzwischen sogar wieder vom klassischen Vinyl überholt. Der lag Vinyl-Umsatz in der letzten Novemberwoche bei ca. 2,9 Millionen Euro. Digitale Käufe erwirtschafteten dagegen 2,5 Millionen Euro, meldete unlängst die britische „Entertainment Retailers Association“ (ERA) und begründet das mit dem Streaming-Markt. Das Geld landet also bei den Plattformen und weniger bei den Künstlern.

Beim Radioprogramm setzt man aber noch auf den klassischen Weg über einen Plattenvertrag. „Ohne Label ist es schwierig, bei uns in die Rotation aufgenommen zu werden“, sagt Patrick Ladendorf, Sprecher bei R.SH. Eine spezielle Sendung für Neuentdeckungen gebe es beim größten Radiosender in SH nicht. Roger Wahlmann hingegen findet die mangelnde Beachtung für regionale Künstler im Mainstream-Radio bedauerlich. „Manchmal entgehen den Sendern richtige Shootingstars“, sagt er. „Die spielen lieber, was sicher ist und womit man Werbung vermarkten kann.“

Dennoch können auch Newcomer im Programm landen: Wenn man beispielsweise einen Erfolg bei Youtube hat, kann man das Material an die Musik-Redaktionen mailen, die dann den Song anhören und überlegen, ob er gespielt werden kann. Ladendorf fallen spontan zwei regionale Newcomer ein, die es ins Programm geschafft haben: Die Band „Jeden Tag Silvester“ aus Bad Oldesloe, die 2015 beim Bundesvision Songcontest für SH antrat und der Eutiner Sänger Vincent Weiß, der durch Deutschland sucht den Superstar bekannt wurde.

Für Labelgründer Lars Lewerenz stellt sich die Frage nach den großen Radiosendern, nach dem Platz im Saturnregal gar nicht erst. „Die verkaufen doch in erster Linie Pfannen“, sagt der Hamburger. „Die Zeiten vom physischen Handel sind vorbei. Und beim Radio reicht uns der Kontakt zu Melle von Delta, mehr muss man hier nicht kennen.“ In seinem Indie-Label Audiolith landen zwar auch immer wieder Demos von Bands – „so zwischen 0,5 und drei pro Woche“, aber er sagt, meist komme man gar nicht über die Musik zusammen, sondern über die Menschen. „Wir gucken uns die Menschen an, ob wir mit denen klar kommen“, sagt er. „Mal gucken, was die so für Utopien und Visionen haben. Wir wollen nicht mit Arschlöchern zusammen arbeiten.“ Meist laufe das über Freunde: „Wir haben nie Bands gesucht“, sagt er. Jungen Bands empfiehlt Lewerenz, den „Content am Start“ zu haben. Viele Konzerte spielen, auf Youtube oder Bandcamp Songs einzustellen. „Dann entwickelt sich das“, meint er. Einen Platz im Handel oder im Radio bekomme man damit wahrscheinlich nicht, gibt er noch zu bedenken. „Aber es ist doch die Frage, ob man sowas überhaupt will.“

Anmerkung der Autorin: Die Emailadresse der R.SH-Redaktion wurde auf Wunsch des Senders entfernt.

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erstellt am 09.Dez.2016 | 17:38 Uhr

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