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Aufführung in Holstenhallen : West Side Story: Meisterleistung in Neumünster

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Das SHMF-Orchester begeistert das Publikum in den Holstenhallen mit der Aufführung des Filmklassikers. Die Leistung wirkt auch noch auf dem Parkplatz nach.

Neumünster | „I fell in love with Schleswig-Holstein“. Das Bekenntnis des großen Komponisten, Dirigenten und Initiator der Orchesterakademie des Schleswig-Holstein Musik Festivals ist SHMF-Geschichte – lebendige Geschichte, denn das in der Akademie sich jedes Jahr neu formende Festival-Orchester gäbe es so ohne Bernstein nicht. Am Freitag und Samstag brachte es unter Leitung von David Newman eine Meisterleistung in die Holstenhallen von Neumünster: die Musik zur grandiosen Verfilmung des Bernstein-Musicals „West Side Story“, live gespielt unter einer riesigen Leinwand.

Im Festival-Sommer 2014 wird die Kultur des Dankesagens besonders gepflegt. Es gab eine Verbeugung vor Justus Frantz, dem „Vater des Festivals“ mit einem Konzert zum 70. Geburtstag, es gibt Dankeschöns zu Dutzenden an den ursprünglich norddeutschen Komponisten, Dirigenten und Musikvermittler Felix Mendelssohn Bartholdy. Und nun kommt auch Leonard Bernstein zu außergewöhnlichen Ehren.

Mit dessen Sohn Alexander Bernstein an der Seite nimmt SHMF-Intendant Christian Kuhnt das Mikrofon für ein paar einleitende Worte in die Hand, in denen es vorrangig auch um Dank geht: an den Holstenhallen-Chef Dirk Iwersen, der die renovierte Halle 1 in einem organisatorischen Kraftakt zur „Royal Albert Hall des Nordens“ gemacht hat, an die Sponsoren, ans Publikum, das, soviel verrät Kuhnt schon gut 14 Tage vor Festival-Ende, für einen neuen Besucherrekord gesorgt hat, und an das Festival-Orchester, dem er zugehört hat in den vergangenen Tagen. „I fell in love with it“, zitiert und rezitiert er; dieses Orchester sei magisch. Der Dank an Leonard Bernstein, ohne den es Songs wie „Maria“, „America“, „I Feel Pretty“, „Tonight“, ohne den es auch das Festival-Orchester so nicht gäbe, schwebt ohnehin im Raum.

Und dann geht es mit den ersten Tönen der Ouvertüre mächtig, aber niemals übermächtig los. „Tonight“ und „Maria“ klingen an, Film ab, die Geschichte um ein Liebespaar zwischen zwei rivalisierenden Jugendgangs, das ins New York der 1950er Jahre übertragene „Romeo und Julia“-Thema, die Mutter aller Musicals, in ihrer Kino-Version aus dem Jahr 1961 mit Natalie Wood und Richard Beymer in den Hauptrollen, nimmt Fahrt auf - und geht direkt an die Emotionen.

Man möge die Taschentücher parat haben, hat Kuhnt vorab geraten und wohl gewusst, wovon er spricht. Großartige Musik großartig zu Bildern gespielt, die 53 Jahre nach Entstehen trotz technisch bescheidenerer Mittel noch immer mühelos mit heutigen Ansprüchen mithalten können, tränken die Halle 1. Die Magie, die der Intendant im Vorwege angekündigt hat, erweist sich nicht als Schmeichelei, sondern eher vorsichtige Vorbereitung auf das Geschehen. Dass sein Instrument hervorragend beherrscht, wer in diesem Orchester Platz findet, darf erwartet werden. Dass ein Klangkörper, der sich ja kaum auf gemeinsam erarbeitete Routine berufen kann, zu solch selbstbewusster Homogenität fähig ist, grenzt jedoch an ein Mirakel: Es ist, als sei der Geist Bernsteins unter die Künstler gefahren, jenes Bernstein, der die Orchesterakademie 1987 quasi aus dem Nichts ins Leben des gerade von seinem Freund Justus Frantz geborenen Schleswig-Holstein Musik Festivals gerufen hatte: „Let’s make music as friends“, war Bernsteins Credo, es steht weiß auf den schwarzen T-Shirts der Orchesterakademiker.

Das Festival ist in diesem Jahr nah bei diesen Wurzeln. Und Bernstein, das erschüttert bei den Neumünsteraner West Side Story-Nächten ebenso wie das bittere Ende, ist mit der Geschichte von Gewalt und Gegengewalt ganz nah am aktuellen Weltgeschehen. Das Publikum ist gepackt. Als Newman sich nach dem letzten Ton zu ihm umdreht, sieht er sich einer stehend enthusiastisch applaudierenden Menge gegenüber. Die Botschaft ist angekommen und wirkt nach bis in das eigentlich enervierend zähe Geschehen auf dem Parkplatz, wo Tausende sich auf den Heimweg machen: Der Reißverschluss, der im Drängel-Deutschland sonst nie funktioniert – hier klappt er ganz ohne Wächter.

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erstellt am 16.Aug.2014 | 13:32 Uhr

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