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Kim Frank im Interview : "Wer gefallen will, wird nie eine Ikone werden"

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Der Ex-Frontmann der Band "Echt" ist zurück: Mit "27" gibt der Flensburger Kim Frank sein Debüt als Autor. Im Interview spricht er über Popularität, Musik und Literatur.

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erstellt am 05.Mai.2011 | 12:28 Uhr

Nach den Songtexten für dein Soloalbum "Hellblau" bist du mit "27" von Lyrik zu Prosa übergegangen. Welche Gemeinsamkeiten hast du zwischen beiden Bereichen entdeckt?
Ich bin der Meinung, es hat überhaupt nichts miteinander zu tun, weil das eine einen viel größeren Bogen nimmt. Ich habe ja auch damals keine Gedichte geschrieben, sondern Songtexte. Da gibt es dann einen Chorus, der sich immer wiederholt. Das heißt, man ist ein bisschen in der Pop-Struktur gefangen. Darin hält man sich die meiste Zeit auf, um den Hörer nicht vor den Kopf zu stoßen und ihn schneller erreichen zu können. Ein Buch dagegen hat keine Struktur. Es gibt keine Regeln, wie ein Roman aufgebaut sein muss. Das ist bei einem Popsong ein bisschen schwieriger. Eigentlich haben die Beatles sozusagen alles an Strukturen vorgegeben, und in denen kann man sich jetzt austoben.
Wann und wie hast Du begonnen, das Buch zu schreiben?
Ich habe einfach angefangen, ohne es zu beschließen. Das ist einfach so passiert. Ich hatte das Bedürfnis, etwas zu schreiben. Das war auf meiner letzten Festival-Tour, da hat man in der Regeln wenig zu tun, weil man im Schnitt nur zwei bis drei Termine in der Woche hat. Da gerät man schnell in einen Nacht-Rhythmus. Da habe ich viel Whisky getrunken und geschrieben. Irgendwann hatte ich 120 Seiten und habe aufgehört. Und dann wurde es plötzlich ernst, weil ich eine Lektorin kennengelernt habe, die mich fragte, ob ich mir vorstellen könne, zu schreiben. Als ich ihr dann mein Skript gezeigt habe, ging alles ganz schnell. Da wurde ich dann sofort verhaftet. Ich wollte das am Anfang gar nicht und habe mit vielen Freunden darüber gesprochen. Denn wenn ich etwas schreiben möchte, kann ich das ja auch für mich tun. Aber ich bin schon der Typ, der für solche Dinge einen Termin braucht, sonst mache ich sie nicht fertig. Ich hatte am Anfang ein totales Sammelsurium, habe komplett durcheinander geschrieben und am Ende alles zusammengefügt. Das war dann ein großer Schock - aber das sagen alle über ihre erste Fassung. Und dann ging die Arbeit los. Ich habe einen Monat lang von morgens bis abends nichts anderes gemacht. Das Lektorat hat dann für den letzten Feinschliff gesorgt - und mit der finalen Version war ich richtig glücklich.
Schreibst Du wie Deine Romanfigur Mika in einem hübsch gebundenen Notizbuch oder doch eher am Computer?
Am Computer. Aber ich befolge die Stephen-King-Regeln. Mein Schreibtisch steht vor einer kahlen Wand. Da hängt nichts und da habe ich auch kein Fenster. Es gibt keinen Weg zum Flüchten. Wenn ich schreibe, dann sorge ich dafür, dass ich alles in unmittelbarer Nähe habe, damit ich sitzen bleiben muss.
In den Zeilen der Musiker in dem Buch heißt es: "Hab keine Angst nicht hier, nicht vor mir". Wird daraus vielleicht noch einmal ein Song?
Nein, ich mache ja keine Musik mehr. Dieses Solo-Projekt hat mich nicht glücklich gemacht. Ich habe für mich festgestellt, dass ich kein Sänger bin - sondern Sänger einer Band. Das war ein riesiger Unterschied. Ich mochte den Fokus auf meine Person einfach nicht. Im deutschen Pop-Business ist es leider so, dass es wenig um Musik geht, sondern sehr viel um die Persönlichkeit. Als wir noch als Band unterwegs waren, konnte man das viel besser auf alle Mitglieder aufteilen. Das war als Solokünstler anders. Auch die Presse hat zu dieser Zeit extrem versucht, mich auseinanderzunehmen. Hat versucht, zu entlarven, wo es meiner Meinung nach gar nichts zu entlarven gab. Das haben sie dann am Ende auch geschafft - man schafft ja alles, wenn man es nur irgendwie will. Das hat mir sehr weh getan. Da konnte ich mich auch nicht gegen wehren und da hatte ich auch keine Band, auf die ich mich berufen konnte. Das ist einfach nichts für mich. Solange es in Deutschland keine Popmusik gibt, ohne Popstar sein zu müssen, mache ich da nicht mehr mit.
Auch nicht privat?
Nein, ich bin kein Hobby-Mensch. Das konnte ich noch nie. Ich habe es als Kind versucht, aber es ging immer schief.
Aber Deine ehemalige Band "Echt" war ja zunächst auch ein Hobby.
Das stimmt, aber es war ein komisches Hobby. Wir haben das erstaunlich ernst genommen. Wir haben dreimal die Woche geprobt - für nichts. Wir hatten keine Auftritte oder dergleichen. Aber die Arbeit wurde sogar im Zeugnis berücksichtigt. Da gab es dann einen Verweis "Kim Frank ist sozial aktiv in der Rock-AG". Und irgendwann hingen dann die goldenen Schallplatten im Lehrerzimmer.
Ist es Absicht, dass abseits der einen genannten Zeile keinerlei Songtexte in dem Buch vorkommen?
Ja. Ich war mir am Anfang gar nicht sicher, woher meine Hauptfigur kommt. Deshalb wusste ich auch nicht, ob ich englische Songtexte nehme und die deutsche Übersetzung daneben stelle, oder ob ich sie komplett in Englisch lasse, oder vielleicht nur deutsche Texte auswähle. Irgendwann habe ich gemerkt, dass das überhaupt nicht interessiert. Weil es viel schöner ist, dies der Fantasie des Lesers zu überlassen. Daher wird auch nie der Musikstil erwähnt. Ich bin der Meinung, dass es eine solche Ikone, wie ich sie in dem Buch beschreibe, in Deutschland gar nicht geben kann. Die Deutschen sind einfach zu bedacht darauf, politisch korrekt zu sein und allen zu gefallen. Jemand, der gefallen will, wird nie eine Ikone werden. Eine Ikone kann nur jemand sein, der ist, wer er ist und dafür "aus Versehen" geliebt wird.
In dem Buch steckt jede Menge Schonungslosigkeit: Sex, Onanie, Drogen, Gewalt. Gehört so etwas zwangsläufig in einen Rockstar-Roman?
Das weiß ich gar nicht. Auf alle Fälle steht das Buch in der Tradition von Büchern, die ich als Jugendlicher gelesen habe. Das Schonungslose hat mir immer sehr gefallen. Wir reden ja über einen Zeitraum, der mit 18 Jahren beginnt. Und in dieser Zeit ist man recht schonungslos. Da benennt man die Dinge einfach. Ich mache das nicht, um zu provozieren und ich hoffe, es klingt auch nicht so.
Ein großes Thema in deinem Buch ist Angst. Wovor hast du persönlich Angst?
Vor dem Tod zum Beispiel.
Die 27 hast du ja erfolgreich überstanden. War das für Dich damals ein Thema?
Es ging so. Während dieser Zeit habe ich gerade an dem Buch geschrieben, deshalb war das natürlich ein bisschen unheimlich. Aber bei mir war es eigentlich eher die 24. Ich weiß nicht, warum, aber die war brutal. Da dachte ich wirklich jeden Tag, dass ich sterbe.
Romanfigur Mika hofft, etwas zu schaffen, was den Tod überdauert. Hast Du diesen Wunsch auch?
Wir sind mit dem "Echt"-Titel "Du trägst keine Liebe in Dir" im April wieder auf Platz 79 der Charts eingestiegen. Ich glaube, das beantwortet die Frage.
Wie war denn euer damaliges Leben als Rockstars?
Das war alles. Es war langweilig und es war aufregend. Es war ermüdend und es war kraftgebend. Wie das Leben so ist. Aber es ist natürlich schon so, dass du zwangsläufig sehr abgeschottet wirst - um dich zu schützen und um andere zu schützen. Das führt auf alle Fälle zu einer gewissen Einsamkeit, die ich auch in dem Buch beschreibe.
Mikas erstes Titelbild war ein "Schnappschuss danach" auf dem Rolling-Stone-Cover. Dich kennen wir noch mit blond gegelten Haaren auf dem Cover der BRAVO. Hättest Du auch lieber einen cooleren Start gehabt?
Das habe ich mir ja nicht ausgesucht. Wäre auch komisch, wenn ein 15-Jähriger auf dem Rolling-Stone-Cover gewesen wäre. Wenn ich mein Leben betrachte, dann ist das alles in Ordnung, so wie es war. Wir haben ja über die Jahre hinweg eine Entwicklung geschafft. Manchmal bin ich allerdings verwundert, über das Bild, das Menschen von mir haben. Ich bin der Meinung, dass ich nie etwas großartig Uncooles gemacht habe. Einige Leute haben Leseproben meines Buches erhalten und waren erstaunt, dass ich schreiben kann. Da wundere ich mich dann schon ein wenig und denke mir: Wieso? Ich bin doch kein Blödmann. Aber diese Betrachtung ist natürlich jedem selbst überlassen.
Haben Deine ehemaligen Bandkollegen das Buch gelesen?
Bislang nur einer, Kai. Er fand es gut, aber er war auch ein bisschen verstört. Für die anderen war die Tatsache, dass ich ein Buch schreibe, keine Überraschung. Die kennen mich ja. Mich hat das alles mehr überrascht als meine Freunde.
Dein Buch ist auch eine eindeutige Kritik am Showgeschäft. Ist dir die Branche zu wenig echt?
Ich habe mich noch zurückgehalten. In meinen Augen ist es auch eher eine Kritik an der Medienlandschaft. Ich habe viele schlechte Erfahrungen mit der Presse gemacht. Es hängt auch stark davon ab, was man macht. Die Popmusik-Presse ist beispielsweise viel extremer als die Film-Presse. Die Boulevard-Presse ist widerum ganz anders als der Feuilleton - letzterer ist allerdings keinen Deut besser, wenn man betrachtet, was die Redakteure dir antun können. Können. Nicht müssen. Es gibt sehr faire Boulevard-Redakeure und es gibt sehr faire Feuilleton-Journalisten. Aber es gibt auch überall das Gegenteil. Viele Leute verstehen auch einfach nicht, dass ich nicht in der Presse stattfinde, wenn ich nichts veröffentliche. Mein Lebensziel ist ja nicht, in der Zeitung zu stehen. Diese "Stattfind-Sucht" hat sich irgendwie ausgebreitet. Das ist so überhaupt nicht das, was ich will.
Hast Du in letzter Zeit viele Presseanfragen bekommen?
Ja. Der Tiefpunkt meines Lebens war, als ich für die vorletzte Staffel vom RTL-Dschungelcamp angefragt wurde. Da dachte ich wirklich: Wenn das die Betrachtung meiner Person in Deutschland ist, dann wandere ich aus. Letztens hat mich jemand angeschrieben und gefragt, ob ich nicht Lust hätte, als Kandidat bei "Das Supertalent" mitzumachen. So etwas macht mir dann schon ein bisschen Angst. Denn wenn das die Wahrnehmung ist, die man von mir hat, dann läuft hier irgendetwas ganz verkehrt. Dann gehe ich woanders hin und fange noch mal ganz von vorn an.
Was hältst Du grundsätzlich von Castingshows wie "Deutschland sucht den Superstar"?
Ich liebe diese Sendungen. Das ist bestes Entertainment. Die einzigen Dinge, die ich im Fernsehen gucke, sind Kulturzeit, Nachrichten, "Wer wird Millionär" und Castingshows. Aber die aktuelle DSDS-Staffel ist leider wirklich schlecht. Was ist los mit deutschen Castingshows? Muss man sich Sorgen machen? Jetzt wird auch noch die schlechteste Form des Fernsehens in ihrer Form schlecht (lacht).
Gehen wir noch mal zurück in deine Vergangenheit. Du bist in Flensburg geboren. Verbringst Du noch viel Zeit an der Förde?
Nein, nicht mehr. Derzeit wohne ich in Hamburg, aber ich habe vor einiger Zeit noch einmal in Schleswig-Holstein gelebt. Momentan verbringe ich mein Leben zur Hälfte in Hamburg und zur Hälfte in Berlin.
Hattest Du in Flensburg bestimmte Lieblingsecken?
Flensburg ist der Knaller! Aufgewachsen bin ich gegenüber vom Volkspark. Da gehst du die Treppe herunter und bist direkt am Hafen. Vom Hafen ist es nicht weit bis nach Solitüde. Ich bin quasi am Strand aufgewachsen. Gelebt habe ich später allerdings in einem ganz kleinen Dorf zwischen Flensburg und Kappeln. Wo genau habe ich allerdings nie verraten.
(skr, mn, shz)

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