Wenn die Angst zum Alltag wird

Die Idylle trügt: Während Sonnenanbeter am Elbstrand liegen, produziert das Kernkraftwerk Brokdorf hinter dem Deich Atomstrom.  Foto: thede
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Die Idylle trügt: Während Sonnenanbeter am Elbstrand liegen, produziert das Kernkraftwerk Brokdorf hinter dem Deich Atomstrom. Foto: thede

"Das Ding am Deich": Antje Hubert präsentiert ihren Film über den Widerstand gegen Atomkraft auf dem Festival Augenweide in Kiel

shz.de von
22. März 2012, 03:59 Uhr

Kiel/Brokdorf | Sein Traum von einer heilen Welt ist zerstört. Das wird dem Milchbauer Ali Reimers jeden Morgen klar, wenn er aus dem Fenster schaut. Das Atomkraftwerk Brokdorf in der Nähe seines Hofes ist schlichtweg nicht zu übersehen. Als junger Mann kämpfte er an der Seite anderer Dorfbewohner und tausender Umweltaktivisten gegen den Bau und die Inbetriebnahme des Meilers an der Elbe. Nun scheint es so, als hätte er resigniert. "Das Ding steht da und wir haben versagt, es zu verhindern."

Dies hat Reimers der Filmemacherin Antje Hubert erzählt. Die Hamburgerin hat viel Zeit in persönliche Gespräche mit den Anwohnern des Atomkraftwerks investiert und einen Film über das Leben mit der ständigen Gefahr gedreht. "Das Ding am Deich" feiert am Sonntag, 25. März, auf dem heute beginnenden Filmfestival Augenweide in Kiel seine Schleswig-Holstein-Premiere.

Das Thema Atomkraft, das Antje Hubert in ihrem Film behandelt, gewinnt nur hin und wieder in den Medien Aktualität. Wenn zum Beispiel Demonstrationen stattfinden oder verrostete Fässer mit Atommüll gefunden werden wie in Brunsbüttel. Doch für die Nachbarn eines Meilers ist es seit fast vier Jahrzehnten ein Dauerthema. Deutlich wird das dem Zuschauer an einer Szene, in der fünf Männer bei Schnee vor dem Tor des Atomkraftwerks um eine Kerze stehen und singen. An jedem sechsten Tag im Monat treffen sie sich hier um 14 Uhr, um ihr Missfallen auszudrücken - und das seit 1986. Damals ging das Kraftwerk ans Netz, wenige Monate nach dem Super-Gau von Tschernobyl.

Szenen wie diese hat Antje Hubert gemeinsam mit ihrer Kamerafrau Barbara Metzlaff beobachtet und aufgenommen. Zusammen mit den Interviews der Zeitzeugen und alten Aufnahmen der Protestaktionen auf den Feldern der Wilstermarsch ist eine ergreifende und informative Dokumentation entstanden.

Zu Wort kommen dabei nicht nur Atomkraftgegner. Der damalige Bürgermeister von Brokdorf, Eggert Block, verteidigt das Kraftwerk, das Steuereinnahmen beschert, auch heute noch. "Kann man doch nicht ablehnen so etwas", sagt der Politiker. Es brachte "wunderschöne Arbeitsplätze" in eine wirtschaftlich schwache Region. Sagt er und schluckt.

Der heutige Bürgermeister der Nachbargemeinde Wewelsfleth, Ingo Karstens, kämpft dagegen während des Interviews mit den Tränen. Er glaubt an ein verstärktes Aufkommen von Krebserkrankungen in der Bevölkerung, die nahe des Kraftwerks wohnt. Beweisen konnte er es noch nicht. "Ich gebe nicht eher Ruhe, bis ich weiß woher das kommt", sagt Karstens, dessen Frau an Krebs gestorben ist.

Für ihren einfühlsamen Umgang mit Protagonisten wie Karstens erhielt Antje Hubert auf dem Max-Ophüls-Festival im Januar den DEFA-Förderpreis. In der Begründung der Jury heißt es: "Die Regisseurin zeichnet sensibel und hoch emotional ein Stück Lebensweg, der durch den beharrlichen Kampf um Demokratie und Mitbestimmung geprägt ist. Die kontinuierliche Dokumentation über diesen langen Zeitraum sowie die Fülle an Archivmaterial und Zeitzeugengesprächen machen den Film zu einem in dieser Art einmaligen Zeitzeugendokument der jüngeren deutschen Geschichte."

Das liegt auch daran, dass Antje Hubert die Laufzeitverlängerung, die Fukushima-Katastrophe und den Start der Energiewende dokumentiert. Der Atomausstieg bis 2022 ist beschlossen. Vielleicht kann Ali Reimers wieder an seinen Traum von einer heilen Welt glauben. Allerdings geht es ihm noch nicht schnell genug: "Da kann noch ne Menge passieren."

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