Wikingerstätten : Weltkulturerbe in der Warteschleife

Das Wikingerdorf Haithabu ist auch ein Anziehungspunkt für Familien. Foto: dpa
Das Wikingerdorf Haithabu ist auch ein Anziehungspunkt für Familien. Foto: dpa

Die Wikingerstätten Haithabu und Danewerk sollen nach Willen mehrerer Länder Unesco-Weltkulturerbe werden. Jetzt gibt es einen Rückschlag: Schweden macht bei der Anmeldung nicht mehr mit.

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05. Dezember 2012, 07:24 Uhr

Schleswig | Ein Berg von Papier - rund 1500 Seiten umfasst der Antrag, der erreichen soll, dass die schleswig-holsteinischen Wikingerstätten Haithabu und Danewerk bei der Pariser Unesco zum "Weltkulturerbe" erklärt werden. Erhoffte Auswirkungen für die Region: mehr Touristen, bessere Infrastruktur, jede Menge Fördermittel.
Doch dieser Effekt ist jetzt zumindest in Frage gestellt. Denn die Ländergemeinschaft aus Island, Norwegen, Dänemark, Deutschland, Lettland und Schweden, die diesen Antrag gemeinsam mit guten Chancen bei der Unesco im Januar 2013 einreichen wollte, hat eines ihrer wichtigsten Mitglieder verloren: Schweden. Wie erst jetzt bekannt wurde, hat sich das Königreich bereits Ende August aus dem Unesco-Projekt verabschiedet.

Offizielle Begründung bleibt aus

Und zwar bis heute "ohne jede offizielle Begründung", wie Claus von Carnap-Bornheim, als Leitender Direktor der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen (zu der auch Haithabu gehört) Federführer der deutschen Seite, betont. Auch deswegen sei er "tief enttäuscht". Zumal der Antrag schon einmal, "wegen schwedischer Bedenken", um ein Jahr verschoben worden sei. Jetzt gilt der Januar 2014, ein Jahr später als geplant, als neuer Termin.
Auch Kulturministerin Anke Spoorendonk (SSW) "bedauert den Ausstieg der Schweden", den "keines der anderen beteiligten Länder verstehen" könne. Sie vermutet, "dass innerschwedische Auseinandersetzungen in der archäologischen Fachwelt" den Schritt ausgelöst haben. In der Tat gibt es seit Juni dieses Jahres einen neuen obersten schwedischen Denkmalpfleger. Eine Stellungnahme von schwedischer Seite war nicht zu erhalten.

Werden Wikinger Chefsache?

Besonders betroffen zeigte sich der CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Börnsen. Der kultur- und medienpolitische Sprecher seiner Bundestagsfraktion ist Mitglied der deutschen Unesco-Kommission und engagierter Befürworter der Bewerbung zum "Weltkultuerbe". Die Verschiebung mache ihn "sehr besorgt", denn sie sei "ein Stück Vertrauensverlust" gegenüber der Unesco. Börnsen wünscht sich "eine zügigere Umarbeitung des Antrags" und fordert: "Ministerpräsident Albig muss das Projekt zur Chefsache machen!"
Schon seit 2008 wird die Bewerbung unter Federführung der Republik Island vorbereitet; 2011 hatten alle damals noch beteiligten Länder ihre Wikinger-Denkmale auf den nationalen Vorschlagslisten verankert. Das deutsche Interesse am Unesco-Siegel rührt nicht zuletzt daher, dass die bereits vorhandenen 32 deutschen Welterbestätten einen jährlichen Umsatz von etwa 50 Millionen Euro generieren.

"Kulturreller Leuchtturm in Schleswig"

Solch ein Zubrot wäre auch für die Touristen-Region rund um Schleswig hochwillkommen. Im nördlichen Landesteil gibt es bisher, abgesehen vom Welt-Naturerbe Wattenmeer, keine Unesco-Auszeichnung. Lübeck jedoch - die gesamte Altstadt wurde bereits 1987 als "Weltkulturerbe" anerkannt - macht damit, so weiß Unesco-Spezialist Börnsen, "beste Erfahrungen".
Um den "kulturellen Leuchtturm im Landesteil Schleswig nicht zu gefährden", schlägt Börnsen vor, ein zweites Eisen gleichzeitig ins Feuer zu legen: die Kapelle von Schloss Gottorf, original erhalten aus dem 16. Jahrhundert, Fokus der überregional wirksamen Gottorfer Hofmusik. Die Schlosskapelle ist bereits "vorläufig" als schleswig-holsteinischer Vorschlag der Kultusministerkonferenz gemeldet. Und auch aus Sicht der Landesregierung "könnte sie die Unesco-Kriterien erfüllen".
Gottorf-Direktor und Antrags-Koordinator Claus von Carnap-Bornheim allerdings ist von der Anmeldung seines Schmuckstücks bei der Unesco "nicht so begeistert". Er möchte jetzt daran gehen, den bisherigen Antrag abzüglich der schwedischen Komponente umzuarbeiten. Als Kompensation soll die "Rolle von Haithabu gestärkt" werden, neben der Wikingerstätte von Grobina in Lettland. Ob sich so die penibel nachforschende Unesco überzeugen lässt, bleibt offen. 40 Jahre nach seiner Ratifizierung steht es, jedenfalls im Norden, nicht besonders gut um das Unesco-Weltkulturerbe-Abkommen.

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