Finanzfrage : Von Museen bis WOA: Warum Kultur sich auszahlt

Herrlich unseriös: Im Paralleluniversum Festival ist fast alles erlaubt.
Foto:
1 von 2
Kultur muss sich stets Unwirtschaftlichkeit vorwerfen lassen und verliert damit in Augen von Kritikern ihre Daseinsberechtigung. Der Gegenbeweis: Das Wacken Open Air macht die Region nicht nur weltbekannt, sondern spült auch jede Menge Euros in die Gemeindekassen.

Werden die Kassen klamm, muss schnell der Bereich Kultur Federn lassen. Doch eine neue Studie zeigt: Die vermeintliche Schöngeisterei ist wirtschaftlicher als vermutet. Museen, Theater und Festivals bedeuten eine große „Wertschöpfung“ für Städte.

shz.de von
24. Juni 2014, 08:28 Uhr

Lübeck | Was tun, wenn öffentliche Haushalte Ebbe zeigen? Der Armut müsse man begegnen mit „Kultur, Kultur, Kultur“, forderte Björn Engholm jüngst auf einem Treffen des Beirats für das derzeit in Lübeck entstehende Europäische Hansemuseum. Objektiv ist Schleswig-Holsteins früherer Ministerpräsident als Mitglied des Museumsbeirats gewiss nicht, dass Kultur indessen nicht nur Geld kostet, sondern auch generiert, ist ein Tatbestand, den sich immer mehr Kulturschaffende und -betreuende auf die Fahnen schreiben. Stichworte wie „Umwegrentabilität“ und „Wertschöpfung“ erobern die Szenen.

Zwar ist die Beweisführung kompliziert (und teuer); was aber das Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) und das Wacken Open Air (W:O:A) schon einmal als Ergebnisse von Studien vorgelegt haben, ist in Leipzig für die städtischen Eigenbetriebe Oper, Schauspiel und Theater der Jungen Welt untermauert worden: Die öffentlichen Zuschüsse für Kultureinrichtungen sind indirekt eine Finanzspritze für die Stadt, ist das Ergebnis der von der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig durchgeführten Studie.

Rolf Bolwin, Direktor des Deutschen Bühnenvereins, ist hoch optimistisch. „Einmal mehr ist bewiesen: Die Kultur ist kein Zuschussgeschäft, sondern ein entscheidender Wirtschaftsfaktor“, sagt er mit Blick auf die Leipziger Studie, in der selbst pessimistische Szenarien ergeben, dass die Häuser mehr Geld in die Stadt bringen, als sie an Zuschüssen benötigen. Mindestens 1,03 Euro, im optimistischen Szenario 2,04 Euro bringt demnach zum Beispiel jeder für die Leipziger Oper eingesetzte städtische Euro vor allem durch Tourismus, Aufträge an die ortsansässige Wirtschaft und Steuerzahlungen an Umwegrendite. Bolwins Fazit: „Kürzungen der öffentlichen Kulturfinanzierung schaden also nicht nur der Kunst, dem Ansehen einer Stadt und deren Lebensqualität, sondern machen auch finanziell keinen Sinn.“

Ergebnisse wie die Leipziger sind für öffentlich geförderte Kulturunternehmen wahre Triumphe der Legitimation. Auch wo, wie in Schleswig-Holstein, kein zusätzliches Geld zu verteilen ist, werden die Bälle „Kultur als Standortfaktor“, „Umwegrentabilität“, „Wertschöpfungseffekte“ gespielt – beispielsweise im Protokoll einer Arbeitsgruppe des von Ministerin Anke Spoorendonk (SSW) angestoßenen Kulturdialogs, wo die schon etwas angestaubte SHMF– sowie die Wacken-Studie zu Ehren kommen. „Jeder öffentliche Euro fließt fast viermal zurück“, konnte das Musik Festival 2009 stolz vermelden, damals noch mit einem Landeszuschuss von 1,7 Millionen Euro ausgestattet. Exakt den Faktor 3,9 hatte die vom SHMF beauftragte TNS Emnid Medien und Sozialforschung GmbH ermittelt. „Inzwischen liegt der Faktor bei mehr als 4“, sagt Festival-Sprecherin Bettina Brinker, „denn der derzeitige Landeszuschuss liegt nur noch bei 1,2 Millionen Euro.“ Vor allem Bewirtungs- und Übernachtungsbetriebe profitieren vom Festival.

Dass Kultur Kohle bringt, weiß man in Wacken seit Jahren. 2012 hielt eine Wertschöpfungsstudie der Sport+Markt AG fest, dass der typische Fan von außerhalb Schleswig-Holsteins kommt, 4,4 Tage bleibt und insgesamt 400 Euro ausgibt.

Auch die Industrie- und Handelskammer hat die Bedeutung kultureller Angebote erkannt: „Kultur hat einen maßgeblichen Einfluss auf die Bildung und damit auf Gesellschaft und Wirtschaft. Kultur ist demnach schon lange kein ,weicher’ Standortfaktor mehr, sondern insbesondere für die Wirtschaft elementar. Eine reiche und lebendige Kulturlandschaft ist daher ein wichtiger Faktor für die Attraktivität von Wirtschaftsstandorten“, heißt es dort.

Auch deshalb setzt man in Lübeck auf das Europäische Hansemuseum, in dem rund 20 Millionen Hanseaten aus mehr als 180 Hansestädten ihre Geschichte dokumentiert finden. Engholm: „Das zeigt das touristische Potential, das hinter solch einem Haus steckt.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen