Schleswig-Holstein Musik Festival : Ungewöhnliche Töne zum Auftakt

Zauber vom Dirigentenpult: Präzise dirigierte Semyon Bychkov das NDR-Sinfonieorchester.  Foto: Lukas
Zauber vom Dirigentenpult: Präzise dirigierte Semyon Bychkov das NDR-Sinfonieorchester. Foto: Lukas

Das Schleswig-Holstein Musik Festival ist in Lübeck eröffnet worden. Intendant Rolf Beck weist Spekulationen über das Festival-Ende zurück.

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11. Juli 2011, 08:52 Uhr

Lübeck | In sich gekehrt, der Welt etwas entrückt, strich Leonidas Kavakos über die Seiten seiner Violine - zart, gefühlvoll. Sein Blick war über weite Teile gen Boden gesenkt. Fast als spiele der Grieche nicht in der 2000 Zuschauer fassenden Musik- und Kongresshalle in Lübeck, sondern in einem sehr viel kleineren Saal.
Ja, für das diesjährige Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF) hatten sich die Macher mit Ludwig van Beethovens D-Dur-Violinenkonzert einen Auftakt mit leisen, mit sehr ungewöhnlichen Tönen gewählt. Es sei so, als wollten die im Pianissimo eingesetzten Pauken sagen: "Aufgepasst, hier geschieht Unerhörtes!", erklärte auch Festivalintendant Rolf Beck zu Beginn des Konzertes. Und das Ergebnis war ein sehr intimes Musikerlebnis.
Technisch brillant
Zum Ende, im Rondo-Satz, steigerte sich Kavakos noch einmal ins Virtuosenhafte. Technisch brillant und dabei keine Sekunde arm an Ausdruck im Spiel. Die Tempi schnellten in die Höhe, hinein in die 16tel-, 32tel- und Tremolo-Figuren. Allerdings verharrte der ungeheure Spannungsbogen, den der 43-Jährige dabei aufbaute, gleich einem halb vergessenen Versprechen im musikalischen Raum. Eine Auflösung, einen Abschluss fand er nur zum Teil in den letzten Takten der van Beethovenschen Komposition.
Mit klar definierten Gesten lenkte Semyon Bychkov das NDR-Sinfonieorchester. Der 58-Jährige bleibt zweifelsohne einer der großen seines Faches. Versteht er es doch vom Dirigentenpult aus einen Zauber zu beschwören, der weit über Bühne und Orchestergraben hinaus wirksam ist. Und Peter Tschaikowskys vierte Sinfonie bot reichlich Gelegenheit für diesen - dank des tiefgründigen Konfliktes, der das gesamte Stück prägt, dieses Widerstreits zweier Prinzipien. Hinzu kommt das Fatum-Thema, mit dem Tschaikowsky eine der bedeutsamsten Melodien der Musikgeschichte geschaffen hat. Der verdiente Applaus für die Leistung der NDR-Sinfoniker folgte.
Eigenwillig, aber gelungen
Zweifelsohne: Der Auftakt des diesjährigen SHMF mag eigenwillig sein. Gelungen ist er dabei allemal. Und womöglich wird sich das diesen Sommer so noch häufiger sagen lassen, wenn es gemäß des Länderschwerpunktes heißt: "Merhaba Türkiye". "Ich freue mich, dass Ihnen in der nächsten Zeit die geschichtsträchtige Kultur unseres Landes vielseitig und reichhaltig nahe gebracht wird", hatte der Kultur attachée der Türkei, Gözde Sahin, bereits im Vorfeld des Festivals gegenüber unserer Zeitung erklärt. Zusammen mit dem Generaldirektor des türkischen Kulturministeriums, Cumhur Güven Tasbasi, wohnte sie am Sonntag dem Eröffnungskonzert bei.
Dass es das letzte gewesen sein könnte, wurde dabei von Beck verneint. Medienberichte über ein mögliches Aus des Festivals, dessen Zuschüsse seitens der Landesregierung zuletzt gekürzt worden waren, wies er als unseriös und unbegründet zurück.
(til, shz)

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