"Hasretim - Eine anatolische Reise" : Türkische Folklore in einem besonderen Projekt

Audiovisuell: Bilder von türkischen Sängern trugen die Musik. Foto: lukas
Audiovisuell: Bilder von türkischen Sängern trugen die Musik. Foto: lukas

Das Projekt "Hasretim - Eine anatolische Reise" ist eine Kombination und Konfrontation von volkstümlicher mit zeitgenössischer Musik.

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02. August 2011, 11:50 Uhr

Kiel | Lieder von Nachtigallen und dem Todesengel - so wird die Folklore betitelt, die der Gitarrist und Komponist Marc Sinan und Markus Rindt auf ihrer Fahrt entlang der türkischen Schwarzmeerküste entdeckt und aufgezeichnet haben. Wahre Schatzgräber! In ihrem Projekt "Hasretim - Eine anatolische Reise" ging es ihnen aber nicht um Volksmusik pur, sondern um ihre Kombination und Konfrontation mit zeitgenössischer Musik.
Was dabei herauskam, präsentierte jetzt ein Solistenensemble der Dresdner Sinfoniker mit türkischen und armenischen Gästen am wohl originellsten Abend des diesjährigen Musik-Festivals.
Großaufnahmen von Liedsängern
Auf fünfteiliger Großleinwand erwachten nach und nach die Umrisse einer Küstenlandschaft, von einzelnen Instrumenten improvisatorisch untermalt. Die audiovisuelle Grundlage bildeten dann Großaufnahmen von Liedsängern, sehr authentisch und vorwiegend melancholisch gestimmt, oft in prismatischer Brechung filmisch aufgeraut, aber eben nur aus der Konserve. Man hätte sie lieber live gehört. Insofern eine Enttäuschung. Was die Texte im einzelnen besagten, konnte man zwar vorher oder nachher im Programmheft nachlesen. Beim Hören aber verstand man als Deutscher kein Wort.
Als instrumentale Einbettung hat Marc Sinan in kreativem Umgang mit dem folkloristischen Material eine Art türkischer Rhapsodie komponiert, von Andrea Molino passgerecht mit den Videos verbunden und unter Jonathan Stockhammers Leitung von Dresdner und türkischen Musikern interpretiert. Da war auch genug Raum für Rolf Zielkes virtuoses, jazzorientiertes Klaviersolo, während sich das anfangs durchaus reizvolle meditative Fantasieren eines Armeniers auf der Zurna (eine Art Schalmei) zu sehr in die Länge zog.
Singstimmen und Instrumente vereinten sich zum Finale in "Sari gelin", dem berühmten türkischen Volkslied von der blonden Braut, das die Menschen der Region über Staats- und Völkergrenzen hinweg vereint. Die Melodie kommt mit den ersten fünf Tönen der Molltonleiter aus, steigt von der Quinte zum Grundton ab, prägt sich in acht Strophen unvergesslich ein. Da das pausenlose, kompakte Programm nur knapp anderthalb Stunden dauerte, wäre für einen Einführungsvortrag genug Zeit gewesen. Im Kieler Schloss trotzdem lebhafter Beifall für das Projekt, dem im November ein Sonderpreis der deutschen Unesco-Kommission verliehen wird.
(shz)

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