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Wolfgang Herrndorf : Tschick: Ein Bestseller auf der Theaterbühne

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Schleswig-Holsteinische Landestheater erzählt die Geschichte aus Wolfgang Herrndorfs Roman.

Wer ein junges Publikum ansprechen will, der kommt heute an „Tschick“ nicht vorbei. Der gefeierte und mehrfach ausgezeichnete Bestseller von Wolfgang Herrndorf, der jetzt am Schleswig-Holsteinischen Landestheater Premiere hatte, schafft, was viele andere sogenannte Jugendromane nicht schaffen: Die einfühlsame Sicht auf das Innenleben junger Menschen, in Erzählton und Sprache authentisch. „Tschick“ ist wie ein Fenster, durch das Erwachsene auf das Leben Heranwachsender blicken können, ohne dass es bemüht wirkt oder falsch klingt.

Und dieses Leben, es könnte so schön sein. Die Ferien stehen vor der Tür und das tollste Mädchen der Klasse schmeißt eine Riesenparty. Doch Maik und Tschick sind nicht eingeladen und nicht nur das gibt den beiden 14-Jährigen das Gefühl, nicht dazu zu gehören. In einem geklauten Lada machen sich der Sohn hoffnungslos zerstrittener Eltern und der junge russische Aussiedler aus dem Staub. Mit unnachahmlichem Wortwitz und leiser Melancholie erzählt Wolfgang Herrndorf in seinem Roman „Tschick“ von Einsamkeit, Freundschaft und den wirklich wichtigen Dingen des Lebens. Robert Koall hat ein Theaterstück daraus gemacht.

Lautstark beklatscht wurde die Premieren-Inszenierung von Henning Bock im Slesvighus. Vor allem die vielen Jugendlichen im Publikum verfolgten das mit drei Personen sinnvoll knapp besetzte Spiel mit hörbarer Begeisterung. Denn Bocks Inszenierung ist schnell, witzig und laut. Schwankend zwischen Wut, Enttäuschung und Angst vor der eigenen Courage tigert Erzähler Maik (konzentriert: Johannes Fast) über die Bühne, die Martin Fischer mit einer multifunktionalen Schrankwand ausgestattet hat. Aus Schubladen und Klapptüren lassen sich daraus alle handlungstragenden Utensilien hervorzaubern – vom unvermeidlichen Schnapsvorrat für Maiks Mutter bis zum Lenkrad für den Lada, an dessen trauriges Ende ein plattgedrückter Kühlergrill im Regal erinnert. Für die Autofahrt reichen zwei Stühle und ein Sofa, das als Rückbank herhalten muss, wenn die beiden Desperados auf der Müllkippe Isa aufgabeln, ein verwahrlostes Mädchen mit kühnen Träumen von einer glamourösen Karriere. Thyra Uhde, die alle weiteren Nebenrollen mit grotesker Überzeichnung als Karikatur anlegt, lässt hier einmal leisere Töne mitschwingen, die dem meist polternden Spiel guttun. Auch Stefan Wunder, mit Rhomben-Pullunder und Kassenbrille als Maiks cholerischer Vater erschreckend brutal, bringt hinter cooler Lederjacken-Fassade und noch cooleren Sprüchen Tschicks unverhoffte Empfindsamkeit zum Leuchten. Kostbare zarte Momente, die der bisweilen klamaukigen Inszenierung ein wenig mehr Tiefe geben.

Trotz dieser kleineren Schwächen findet „Tschick“ sein Publikum – ein junges noch dazu. „Wir könnten das Stück wie ein Weihnachtsmärchen zwei Monate lang jeden Tag spielen – es wäre immer ausverkauft“, sagte Theaterpädagogin Janina Wolf. Die Schulklassen stehen Schlange, das muss ein Theater erst mal schaffen.


>Nächste Vorstellungen: Heute, 19.30 Uhr, Rendsburg; Mo, 10. Februar, 11 Uhr, Rendsburg.

 

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erstellt am 07.Feb.2014 | 08:51 Uhr

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