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Alicia Bessette: "Weiß der Himmel von dir" : Trauer und Ziegenkäse

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Zell ist in Depressionen versunken, lässt nach dem Tod ihres Mannes niemanden an sich heran. In "Weiß der Himmel von dir" erzählt Alicia Bessette von Trauer und Wiederbeginn.

Ein Feueralarm ruft das halbe Dorf zusammen. Seit Monaten hatte Zell nicht mehr gebacken und jetzt schlagen ihr beim Vorheizen des Ofens Feuer und Rauch entgegen. Ein verstecktes Geschenkpaket war in der Röhre. Ein Geschenk ihres toten Mannes.
Nach dessen frühen Tod schafft es die 34-Jährige nicht mehr, sich wieder zu fangen. Sie verbringt ihre Tage damit, Kaffee in sich hineinzukippen und ihre medizinischen Zeichnungen, die sie an Buchverlage verkauft, anzufertigen. Aus dem Haus geht sie kaum, die alten Freunde ihres Mannes meidet sie, versinkt in Depressionen. Mehr als ein Jahr verbringt Zell mit ihrer Trauerzeit. Sie spricht fast nur noch mit dem Plastikskelett "Hank", das sie für ihre medizinischen Zeichnungen an einer Tür baumeln hat, und mit ihrem Greyhound "Captain Ahab", dessen Antworten sie sich mit uriger Seemannssprache selbst gibt.
Mit Backen wieder ins Leben
Dann lernt sie beim Feuer ihre neuen Nachbarn kennen, die in die andere Hälfte ihres Doppelhauses gezogen sind. Eigentlich haben sie keinen guten Start, denn als sich die neunjährige Ingrid neugierig das verkohlte Geschenk schnappt, schnauzt Zell die Kleine an. Doch immerhin spricht sie so erstmals mit den Neulingen - und trotz des ruppigen Starts schafft es die Kleine, Zell aus ihrem Schneckenhaus herauszulocken.

Das Mädchen hat es sich in den Kopf gesetzt, ihre vermeintliche Mutter, eine bekannte Fernsehköchin, kennen zu lernen. Sie bringt die schwermütige Zell dazu, bei einem Backwettbewerb der Kochshow mitzumachen. Ausgerechnet die Back-Niete Zell. Während der kulinarischen Experimente beginnt für Zell endlich die Verarbeitung des Unfalltodes ihres Mannes.
Ein leiser, langsamer Roman
"Weiß der Himmel von dir" von Alicia Bessette ist die Geschichte nach dem "Und sie lebten glücklich...". Nick wurde getötet, als er den Hurricane-Opfern von New Orleans helfen wollte. Auf der Baustelle einer Kirche wurde er unter Balken begraben. Bessette steigt ein Jahr nach dem Tod ein. Und doch ist Nick präsent. Immer wieder werden die letzten E-Mails des Mannes an seine Frau in die Geschichte eingeflochten. So bekommt der Leser einen Eindruck von dem Toten. Er ist nicht mehr da - und doch ist noch viel von ihm in dem kleinen verschneiten Bergdorf irgendwo in den USA.
Es ist ein leiser, langsamer Roman, den Alicia Bessette über die nicht enden wollende Trauer geschrieben hat. Nachdenklich und manchmal gnadenlos. Die Geschichte einer Frau, deren Hoffnungen mit ihrem Mann gestorben sind. Doch es ist auch die Geschichte eines Neuanfangs. Denn in kleinen, manchmal kaum spürbaren Schritten kommt Zell wieder ins Leben zurück. Die Geschichte an sich ist einigermaßen vorhersehbar. Die Freundschaft mit der kleinen Ingrid, die ersten Backerfolge, kleine Niederlagen - und auch eine ganz kleine Liebesgeschichte mit Ingrids Vater. Doch immerhin verkneift sich Bessette ein allzu glückliches Ende, ein neues "Und sie lebten glücklich..." Schließlich braucht Zell ihre Zeit für die Trauer, für kleine Schritte in Richtung eines neuen Lebens. Und am Ende wagt sie es sogar, in das verkohle Geschenk zu blicken.
Das Hörbuch wird sehr ruhig und nachdenklich gelesen von Schauspielerin Jessica Schwarz in einer rauen, manchmal verzweifelt klingenden Stimme. Die eingeflochtenen Emails von Nick liest Andreas Pietschmann, leider manchmal etwas hölzern - dennoch lockern sie die meist melancholische Stimmung etwas auf.

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erstellt am 28.Jan.2011 | 07:53 Uhr

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