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Sonntagskrimi aus Schleswig : "Tatort"-Komparse: Spuren sichern für Borowski

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Ove Jensen ist sh:z-Redakteur in Schleswig. Eigentlich. Am Sonntagabend ermittelt er mit Kommissar Borowski im "Tatort"- als Beamter der Spurensicherung. Bei den Dreharbeiten strich Sibel Kekilli dem Komparsen über den Arm.

shz.de von
erstellt am 14.Mai.2013 | 05:52 Uhr

Schleswig | Wenn am Sonntagabend ab 20.15 Uhr im Ersten der NDR-Tatort "Borowski und der brennende Mann" läuft, dann werden viele Schleswiger vor dem Fernseher nicht nur rätseln, wer wohl der Mörder ist - sie werden auch aufmerksam darauf achten, ob sie selber irgendwo durchs Bild huschen. Ich bin einer von diesen vielen Schleswigern.
Die Stadt hat in jüngster Zeit ja eine Reihe Film- und Fernsehproduktionen erlebt - von der ZDF-Krimiserie "Unter anderen Umständen" bis zum Fünf-Freunde-Kinofilm. Aber so viele Komparsen wie beim Tatort waren sonst nie im Einsatz. 375 waren es allein bei der Mordszene vor der A.-P.-Møller-Schule auf der Freiheit. Unter ihnen waren zahlreiche Schüler des dänischen Gymnasiums, aber das allein reichte nicht.

In einem Film mit dem Lieblings-Tatort-Kommissar


Also rief Kirsten Schultz von der Agentur Komparsenfischer bei uns in der Redaktion an, um über eine Meldung in der Zeitung noch mehr Leute zu finden. Aber damit allein gab sie sich nicht zufrieden, sondern sie fragte mich: "Herr Jensen, wann kann ich denn Sie endlich mal als Komparse gewinnen?" Ich schluckte kurz, und dann dachte ich mir: Wann, wenn nicht jetzt, wenn mein Lieblings-Tatort-Kommissar in der Stadt ist? Irgendwo in einer Menschenmenge rumstehen und nicht weiter auffallen, das werde ich schon schaffen.

Aber es stellte sich schnell heraus, dass es etwas komplizierter ist. Es fing damit an, dass Kirsten Schultz mir mitteilte, dass sie ein Ganzkörperfoto von mir benötige. Nur dann habe ich eine Chance, dass der NDR mich für die auswähle. Die Spusi, das ist die Spurensicherung. Das hatte ich schon mal irgendwo gehört. Während ich noch nachdachte, hatte mein Kollege Sven das Ganzkörperfoto schon gemacht. Kameras gehören ja zu den Dingen, die in einer Zeitungsredaktion überall herumliegen.

"Beim Film ist immer Chaos"


Also fand ich mich eines kalten Abends im Januar im Foyer der A.-P.-Møller-Schule auf der Freiheit ein. Es war ein Riesengewühl, und mittendrin entdeckte ich ein Schild, auf dem "Komparsenfischer" stand. Dort gab man mir einen Vertrag in die Hand, ich unterschrieb und hatte keine Ahnung, was ich als nächstes zu tun habe. Neben mir stand jemand, der schon häufiger als Komparse gearbeitet hatte. Auch er wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Aber das kümmerte ihn nicht. "Beim Film ist immer Chaos", sagte er. Die meisten Leute hier hatten schon etliche Komparsenrollen hinter sich. Manche auch schon beim Tatort, andere in irgendwelchen Werbeclips. Viele spielten regelmäßig in Theatergruppen mit. Nur ich war blutiger Anfänger.
Es war fast Mitternacht, das Foyer war deutlich leerer geworden, zwischendurch gab es Käsestangen, als man mich in einen Klassenraum im ersten Stock lotste. Dort war die Garderobe, in der ich meine Arbeitskleidung bekam: Einen dünnen hellblauen Spurensicherer-Anzug. Wie im Fernsehen. Aber genau dafür war er ja auch da.

Gummihandschuhe bei Minus zehn Grad


Dann ging es nach draußen auf die Freitreppe mit Blick auf die Schlei. Neben einer imaginären Leiche. Ich habe hinterher nachgesehen, wie kalt es in jener Nacht war. Minus zehn Grad. Ein Spurensichereranzug ist nicht wirklich die richtige Kleidung für sowas. Er hat nicht einmal Taschen, in die man die Hände stecken kann. Zu meiner Arbeitskleidung gehörten auch dünne Gummihandschuhe. Definitiv besser als nichts.
So stand ich dort und wusste wieder nicht, was ich als nächstes zu tun habe. Eine Stunde lang geschah gar nichts. Irgendwo am Rande des Schulgrundstücks war Licht. Dort schienen sie irgendwelche Szenen zu drehen. Man konnte die Hauptdarsteller erahnen, Axel Milberg und Sibel Kekilli. Polizeiautos, Rettungsfahrzeuge und der Leichenwagen eines Schleswiger Bestattungsunternehmens standen herum. Langsam rückte das Geschehen näher. Plötzlich standen Milberg und Kekilli neben mir. Axel Milberg sah zu mir und fragte: "Sind die Brandverletzungen die Todesursache?" Weit und breit war keine Kamera. Wir waren offenbar noch nicht auf Sendung. Ich murmelte irgendwas von "Erfroren".

Luftsprünge zum Aufwärmen


Es folgten ein paar weitere Probedurchgänge. Milberg redete ziemlich viel. Im Vergleich zu seiner Figur, dem spröden Kommissar Borowski, ist der Schauspieler eine echte Plaudertasche. Aus dem Gebäude trat eine blonde Frau, die auf Englisch rief, dass man ihr gesagt habe, sie solle rauskommen, jetzt aber nicht wisse, wohin. Es war Lisa Werlinder, die schwedische Schauspielerin, die in diesem Tatort eine Flensburger Kommissarin spielt. Ich machte Luftsprünge und hoffte, dass mich das irgendwie aufwärmt. Als die Kameras kamen, stellte Milberg wieder seine Frage nach den Brandverletzungen. Diesmal aber nicht an mich, sondern an Werlinder. Fünf Mal, sechs Mal, sieben Mal. Die Kamera stand jedes Mal woanders. Mir hatte jemand eine Pipette in die Hand gegeben und einen Koffer hingestellt, in die ich die Pipette zurücklegen sollte. Sechs Mal, sieben Mal. Und immer so leise, dass ich die Frage nach den Brandverletzungen nicht störe. Eine Frau vom Catering reichte Axel Milberg einen heißen Kakao. Er schenkte ihn mir. Der offizielle Komparsentee wurde erst eine halbe Stunde später ausgeschenkt.
Gegen zwei Uhr in der Nacht war meine Szene aus sämtlichen vorstellbaren Perspektiven abgedreht. Der Kommissar sagte: "Wir fahren jetzt ins Hotel. Die Komparsen gehen zu Fuß zurück in ihre Dörfer." Sibel Kekilli strich mir zum Abschied über den linken Arm.
Ich habe den Tatort, der am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten gezeigt wird, schon gesehen. Nicht als Komparse, sondern als Pressevertreter. Komparsen erfahren normalerweise erst im Fernsehen, ob sie tatsächlich im Bild sind. Ich habe mich gesehen. Für eine Sekunde. Und später noch einmal schemenhaft im Hintergrund. Aber Milbergs Frage nach den Brandverletzungen, die habe ich nicht mehr gehört.
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