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Tipps für Autoren : Survival-Kit für den Schreib-Marathon

vom

Wie entsteht aus einer Idee eine Geschichte? Was hilft und was stört beim Schreib-Prozess? Die Hamburger Autorin Susanne Henke gibt Survival-Tipps für Nachwuchs-Schreiber.

shz.de von
erstellt am 20.Mai.2009 | 05:06 Uhr

Sie sitzen morgens am Frühstückstisch, frischer Kaffee dampft verführerisch vor sich hin, doch Sie sind völlig gefangen von der Kurzmeldung auf der letzten Seite Ihrer Tageszeitung. "Unbekannte Leiche in Kühlhaus entdeckt". "Das wäre eine Geschichte", denken Sie, schmeißen Ihr Laptop an und beginnen das Spiel.
Was wäre, wennder unbekannte Tote ein junger Journalist ist, dem seine engagierte Recherche über die Machenschaften des Schlachtereibetriebes das eiskalte Grab beschert hat.
Oder doch besser ein junger Rumäne, der seine noch jüngere Schwester aus den Händen skrupelloser Mädchenhändler befreien wollte, dessen Fall der engagierte Journalist verfolgt, dabei mehr als einmal beinahe selbst den Tod findet und schließlich gemeinsam mit einer ebenso engagierten Kommissarin den Zuhälterring sprengt.
Oder die Leiche ist ein illegal in der Schlachterei beschäftigter Flüchtling, der beim Absperren "vergessen" wurde. Oder ein eines natürlichen Todes gestorbener Rentner, den seine Frau im Kühlhaus versteckt hat, um ihn frischzuhalten, bis sie das Geld für die Beerdigung zusammengekratzt hat.
Wer – Was – Wie – Wo – Wann – Warum - Roman oder Kurzgeschichte, Drehbuch oder Theaterstück, mit den Antworten auf diese Fragen machen Sie aus Ihrer Idee eine Geschichte, deren Gerüst nicht mehr und nicht weniger als Anfang - Mitte - Schluss oder auch Hauptfigur - Konflikt - Lösung ist.
Wer
Ohne Figuren keine Story. Sie sind der Motor, die Existenzberechtigung Ihrer Geschichte Wer ist Ihre Hauptfigur? Was ist ihre größte Leidenschaft. Was treibt sie an? In welches Dilemma können Sie sie stürzen, damit eine spannende Geschichte daraus wird? Angenommen, Sie entscheiden sich für die alte Dame. Eine famose Frau, die der Liebe ihres Lebens einen würdigen Abgang verschaffen will. Sie haben ein handfestes Dilemma. Jetzt können Sie Ihrer Protagonistin Leben einhauchen. Taufen Sie sie auf einen Namen, der zu ihrer Persönlichkeit und ihrem Alter passt, (die große Zeit der Jean-Justins und Kevin-Marvins kommt erst noch) und der gut les- und sprechbar ist. Wie wäre es mit Clara Oppermann?
Und jetzt lernen Sie sie kennen: ihre Biographie, ihr Umfeld, ihre Stärken, ihre Schwächen, ihr Inneres, ihr Äußeres, ihre Sprache. Geht zum Beispiel sehr gut beim Tagebuchschreiben für die Hauptfiguren. Lebt sie in der Stadt, in der sie geboren wurde? Hat sie Geschwister? Hat sie studiert, einen Beruf? Wie hat sie ihren Mann kennengelernt? Wie haben sie geheiratet? Haben sie Kinder? Was isst sie am liebsten? usw. Kaum etwas davon werden Sie in Ihrer Geschichte niederschreiben, aber je mehr sie über Ihre Figur wissen, desto lebendiger können Sie sie gestalten, sie dem "Würde -sie-wirklich-Test" unterziehen und ihr maßgeschneiderte Hindernisse und Gegenspieler auf den Weg geben.
Was
Clara Oppermann versteckt ihren verstorbenen Gatten also im Kühlhaus und versucht das Geld für eine anständige Beerdigung aufzutreiben. Sie müssen jetzt zum Beispiel die Fragen beantworten
Wie
sie überhaupt auf das Kühlhaus kommt, wie sie ihren Mann dorthin schafft und was sie alles unternimmt, um Geld aufzutreiben. Wer hilft ihr, wer stellt sich gegen sie? Wie reagiert sie auf die Zeitungsmeldung?
Wo
spielt die Geschichte - Dorf, Kleinstadt, Großstadt. Wo steht das Kühlhaus? Wo will der Gatte bestattet werden. Sie brauchen keine epischen Ortsbeschreibungen, aber was ist charakteristisch an dem Ort des Geschehens? Wie prägt er die Menschen, die dort leben? Umzingelt von Bergen ist doch einfach etwas anderes als freier Blick aufs Meer. Menschen, die an "Auslauf" gewöhnt sind, bewegen sich anders, als auf eine Zweizimmerwohnung Beschränkte. Das meteorologische Klima lässt das seelische nicht unberührt.
Wann
trägt sich das alles zu? In der heutigen Zeit? Vor zwanzig Jahren? Achten Sie darauf, dass Sie Ihre Protagonisten modisch, technisch, gesellschaftlich und sprachlich dieser Zeit anpassen. Wenn Clara 1990 achtzig ist, hat sie zwei Weltkriege erlebt, aber kein Handy zur Fernsteuerung der Kühlhausverriegelung zur Hand. Und die Krankenkassen hatten die Sterbeversicherung noch nicht abgeschafft. Außerdem entscheiden Sie, welchen Zeitabschnitt Sie für Ihre Story wählen. Möchten Sie einen Generationenroman daraus machen und mit Claras Großmutter anfangen oder Ihre Geschichte mit dem Ableben ihres geliebten Ehegespones beginnen?
Warum
Sie wissen, dass Clara gar nicht anders kann, als ein Gesetz nach dem anderen zu überschreiten, um ihrem Mann den Abschied zu geben, den er sich gewünscht hätte. Wenn Sie Clara zeigen, wie sie ist, erfahren es auch Ihre Leser.
Ein kleines Beispiel: Die Frau saß am Fenster. Sie wirkte nervös.
Oder - Sie setzte sich, schob den Salzstreuer an den Rand, strich den Rock glatt, rückte den Stuhl näher an das Fenster, strich erneut über ihren Rock, stellte die Handtasche auf den Boden, warf einen Blick in die Scheibe, nahm die Handtasche auf den Schoß, zückte die Puderdose. Drei Tupfer auf die Nase, dann verstaute sie die Puderdose wieder, stellte die Tasche ab, rückte den Stuhl, strich über den Rock, schob den Salzstreuer wieder auf Anfang.
Wer macht sie nervöser?
Survivaltips
Bevor Sie loslegen: Fragen, fragen, fragen
Wenn Sie nicht wissen, wie kalt es in einem Kühlhaus sein muss, damit eine Leiche schön frisch bleibt, fragen Sie jemanden, der sich damit auskennt. Das Internet ist eine wahre Schatzkiste. Unübertroffen ist der persönliche Kontakt. Die meisten Menschen erzählen ausgesprochen gerne von ihrem Fachgebiet. Und Sie bekommen richtig schönes Futter für Ihre Geschichten – und jede Menge Anregungen für neue.
Ein System für Ihre Notizen
Laufende Meter Klopapier oder ins Handy getippt. Die Hauptsache ist, Sie kreiren für sich selbst eine Methode, bei der Sie alles, was zu einer Geschichte gehört, sofort wiederfinden. Ich selbst nutze Karteikarten, sind handlich für unterwegs, Akkuunabhängig und vor allem lassen sie sich so schön hin und herschieben, um die Reihenfolge der Szenen (oder der Stories für ein Buch oder eine Lesung) zu bestimmen.
Schreibraum und -zeit
Machen Sie es sich so einfach wie möglich. Egal, ob Sie lieber jeden Tag eine halbe Stunde schreiben oder eine Woche lang rund um die Uhr, am heimischen Schreibtisch, in der U-Bahn oder auf der Freibadwiese, sorgen Sie dafür, dass Sie so ungestört sind, wie Sie es brauchen und alles dabei haben, was Sie benötigen. Sie wollen ja nicht den Fluss ihrer Kreativität stoppen, nur weil Ihnen vor Durst die Zunge am Gaumen klebt, der Akku leer ist oder die Nachbarin mal kurz ihre Kinder bei Ihnen parken will.
Schreibblockade ist ein anderes Wort für "Ich habe jetzt keine Lust". Einfach dranbleiben. Jeder hat mal einen schlechten Tag. Wenn allerdings die Story hakt, weil Sie Clara Oppermann zum Beispiel einen Sohn angedichtet haben, den Sie jetzt leider überhaupt nicht gebrauchen können, hilft nur eines: Umschreiben
Mitwisser
Kurz nachdem Sie die Kühlhausmeldung gelesen haben, haben Sie einer Freundin die Idee zu Ihrer Story erzählt. Die fand es eigentlich besser, wenn die alte Dame die Leiche ist und die Pflegerin des Mannes die Sache mit dem Kühlhaus in die Hand nimmt. Daraufhin haben Sie noch eine weitere Person ins Vertrauen gezogen. Die wünschte sich, dass der alte Herr sich zwecks Freitods selbst in das Kühlhaus begibt. Und der Dritte, den sie gefragt haben, wollte die Variante mit den Mädchenhändlern Warten Sie mit dem Präsentieren lieber, bis Sie wissen, welche Geschichte Sie erzählen möchten. Wenn Sie dann jemanden finden, der Ihnen während des gesamten Schreibprozesses immer wieder geduldig zuhört, die richtigen Fragen stellt (ja, die gemeinen, die die Schwächen aufzeigen) und das, ohne sich einzumischen, Sie seine Geschichte schreiben zu lassen, hegen und pflegen Sie ihn oder sie nach Kräften. Wenn Sie ein Gruppenmensch sind, können Sie sich auch einer Schreibgruppe anschließen - von Kuschelkurs bis Fightclub ist da für jede Mentalität etwas zu finden.
Testleser & Kritik
Clara Oppermann hat ihr Werk vollbracht. Mit Chuzpe, Charme und manchmal ganz schön drastischen Maßnahmen hat sie das Geld für die Beerdigung ihres Mannes zusammenbekommen. Trauerfeier, der Pfarrer spricht, schaut salbungsvoll in die Kamera des anwesenden Fernsehteams, Erde klatscht auf den Sarg - Ende. Sie haben alles gegeben, Ihre Geschichte ist fertig. Fürs Erste. Je länger das Manuskript, desto größer die Betriebsblindheit. Bevor Sie es auf den Weg bringen, helfen Testleser, Logikfehler, Stilblüten, Langatmiges, Unverständliches zu enttarnen. Ideal sind unabhängige Geister.
Kühlhaus, die Vierte
Sie möchten die alte Dame ermorden, Sie wünschten sich, Sie hätten diese Meldung über das Kühlhaus nie gelesen, denn Sie sitzen gerade an der vierten Fassung Ihres Manuskripts. Halten Sie durch. Es lohnt sich! Lassen Sie sich nicht beirren. Lesen und lauschen Sie, wie andere es machen (Meine ganz persönlichen Lieblingsautoren zum Thema Schreiben: Jack Bickham, James Frey, Sol Stein, Syd Field, Elizabeth George, Dorothy L. Sayers, Patricia Highsmith), suchen Sie sich die für Sie passenden Tips raus und finden Sie Ihren eigenen Weg. Schreiben bedeutet Freiheit, denn Sie allein entscheiden, wer was wie wo wann und warum tut – und wie Sie dabei vorgehen. Sie sind der Boss!


Susanne Henke lebt mit ihrem Mann in Hamburg und spürt seit 2005
hauptberuflich der Frage nach: "Was wäre, wenn ?" Antworten finden Sie
in ihren "Bissigen Stories", in denen sie ihre Figuren mit wenigen
Strichen zum Leben erweckt - einem Leben, das selten die Hoffnungen der
Protagonisten, oft jedoch die Schadenfreude des Lesers befriedigt.
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