Tatort-Kritik : Stiller Gast mit großer Leistung

Klaus Borowski (Axel  Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) lassen den Täter entkommen.
Klaus Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) lassen den Täter entkommen.

Ein Stalker kommt im Kieler Tatort "Borowski und der stille Gast" seinen Opfern extrem nah und lässt den Kommissar weit hinter sich.

Avatar_shz von
11. September 2012, 07:40 Uhr

Kiel | Als stiller Gast hat sich Kai Korthals Zutritt in das Leben junger Frauen verschafft. Ohne, dass sie es wussten - ein Stalking-Opfer ahnte es nur -, hat der beziehungsgestörte Psychopath so gut wie alles mit seinen Auserwählten geteilt. Selbst die Zahnbürsten der Frauen waren vor ihm nicht sicher. Ein wirklich starkes Bild, um zu verdeutlichen, wie nah der Täter seinen Opfern kam.
Der Darsteller Lars Eidinger brillierte im Kieler "Tatort" in der Rolle des Kai Korthals. Seine schauspielerische Leistung war extrem gut. Bereits nach weniger als zehn Minuten war dem Zuschauer klar, dass er der Mörder ist, während Kommissar Borowski noch im Dunkeln tappte ("Bild" verriet das Ende sogar bereits vor der Ausstrahlung). Die Frage war also nicht "wer?", sondern "wie?". Nach einem schlechten Schweizer Tatort vor zwei Wochen eine erfrischende Abwechslung bei der Erzählweise.
Nach Schüchternheit der Wahnsinn
Zunächst spielte Eidinger den schüchternen Postzusteller unscheinbar - wie man sich einen Stalker vorstellt - später, als er in Bedrängnis kam und die Frauen, die sein Interesse erweckten, ihm zu nahe kamen, brach bei ihm der Wahnsinn aus. Sein hemmungsloses Schauspiel drückte sich faszinierend in der Länge seiner Spuckefäden beim Schreien und Weinen aus. Wer den 36-jährigen Eidinger bis jetzt nicht kannte, wird den Schauspieler in Erinnerung behalten. Nach so einem Auftritt, wäre es nicht verwunderlich, wenn er auch in den Albträumen der Zuschauer die Hauptrolle übernehmen sollte.
Neben so einem Talent verblassen andere Mimen schnell. Regisseur Christian Alvart musste also darauf achten, dass die anderen Darsteller gegenüber Eidinger nicht wie Laien wirken. Aber der junge Filmemacher Alvart (38), der vor einer großen Karriere steht (dreht Til Schweigers ersten "Tatort"), hielt die Balance in seinem Ensemble aufrecht. Axel Milberg spielte seine Rolle als Kommissar Klaus Borowski gewohnt souverän und auch Sibel Kekilli lieferte eine solide Leistung ab. Zudem ließen eine gute Kamera (The Chau Ngo) und eine flüssige Montage (Sebastian Bonde) die Darsteller gut aussehen.
Trauer um den Passat
Die von Kekilli gespielte Sarah Brandt musste jetzt vor Borowski eingestehen, dass sie an Epilepsie leidet. Einer ihrer Anfälle wurde in dieser Folge mittels einer U-Bahn im Flur des Kieler Polizeireviers dargestellt, was die Zeitung "Express" dazu bewegte, diesen "Tatort" als "total irre" zu bezeichnen. Wobei man sich fragt, was ein Hamburger Verkehrsmittel in Kiel zu suchen hat. Borowski verriet Sarah Brandt nicht, forderte sie aber auf, den Polizeidienst zu beenden. Möglicherweise führte seine Meinung zur Einsatzbereitschaft seiner eigentlich gern gesehenen Kollegin dazu, dass er auch über seine Verantwortung nachdachte. Ein Kommissar, der immer als letzter am Tatort erscheint, weil sein Wagen mit dampfendem Motor stehen bleibt, kann im Ernstfall nicht für Sicherheit sorgen. So muss die Szene, in der Borowski seinen alten Passat erschießt, als Gnadenstoß für das zuletzt nicht mehr treue Dienst erweisende Gefährt angesehen werden. Viele Kieler "Tatort"-Fans werden dem Kult-Objekt lange nachtrauern.
Andere, denen Autos egal sind, werden keinen Gedanken für den Passat übrig haben. Sie wird etwas anderes beschäftigen: Der Tatort schloss mit einem offenen Ende ab. Der Mörder Kai Korthals kann bei einem Krankentransport ins Gefängnis entkommen. Die von ihm ins Auge genommene Sarah Brandt müsste demnach fortan in ständiger Angst leben. Ob die Kieler "Tatort"-Macher das in Zukunft berücksichtigen, wird sich bereits in einem Monat herausstellen. Dann - am 14. Oktober - läuft in der ARD die Folge "Borowski und der blinde Passagier".

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen