Karl-Heinz Groth : "Sprache vermittelt auch Heimat"

Karl-Heinz Groth ist Schulleiter im Ruhestand, Autor zahlreicher plattdeutscher Bücher, Mitglied des Beirats für Niederdeutsch im Schleswig-Holsteinischen Landtag, des niederdeutschen Ausschusses des Schleswig-Holsteinischen Heimatbundes und des Plattdeutschen Rates. Zudem schreibt er seit 15 Jahren für den sh:z plattdeutsche Geschichten.  Foto: Peters
Karl-Heinz Groth ist Schulleiter im Ruhestand, Autor zahlreicher plattdeutscher Bücher, Mitglied des Beirats für Niederdeutsch im Schleswig-Holsteinischen Landtag, des niederdeutschen Ausschusses des Schleswig-Holsteinischen Heimatbundes und des Plattdeutschen Rates. Zudem schreibt er seit 15 Jahren für den sh:z plattdeutsche Geschichten. Foto: Peters

"Die Zukunft des Niederdeutschen liegt im Sprechen, nicht im pausenlosen Diskutieren", sagt Karl-Heinz Groth. Mit dem Plattdeutsch-Papst sprach Arne Peters.

shz.de von
17. April 2009, 08:12 Uhr

Herr Groth - in einer Studie der Göttinger Uni von 1984 haben 56 Prozent der Befragten angegeben, dass sie gut Plattdeutsch sprechen. 25 Jahre später ergab eine Auftragsarbeit des Instituts für Niederdeutsche Sprache (INS) Bremen, dass diese Zahl auf 14 Prozent gesunken ist. Auch wenn die Untersuchungen andere Methoden angewendet haben, sind ihre Ergebnisse doch bezeichnend. Worin liegt der Schwund des Plattdeutschen begründet?

Karl-Heinz Groth: Wir verzeichnen einen deutlichen Rückgang im Gebrauch der plattdeutschen Sprache, insbesondere bei den Unter-30-Jährigen. Die Nachkriegsgeneration war der Meinung, dass das Plattdeutsche ein Hindernis für ein erfolgreiches schulisches Arbeit ist und hat die Sprache deshalb nur zögerlich an ihre Kinder weitergegeben. Zwar ist die Landbevölkerung mit Landwirten, Fischern und Handwerkern weiterhin eine Hochburg des Plattdeutschen. Aber durch den Vormarsch der technisierten und modernen Welt ist auch hier der tägliche Gebrauch des Niederdeutschen immer weiter zurückgedrängt worden. Auch Bauern sitzen heute vor dem Computer und sind gezwungen, Hochdeutsch oder sogar Englisch zu verwenden. Und durch die zunehmende Durchmischung von Land- und Stadtbevölkerung wird die Sprache oftmals nicht weiter gepflegt.

Wie kann man dem entgegenwirken?

Zunächst muss immer wieder öffentlich auf die Problematik eingegangen werden. Das tut unter anderem der Plattdeutsche Rat. Er ist zum ersten Mal 2002 von den Bürgern des Landes gewählt worden. Ihm gehören fünf Mitglieder an, darunter zwei Frauen und drei Männer. Der Rat verabschiedet Resolutionen, wenn es um eine Position im niederdeutschen Bereich geht.

Haben Sie ein Beispiel für so eine Position?

Wir haben die Schweriner Thesen, die vom Bundesrat für Niederdeutsch verabschiedet wurden, heftig diskutiert. Ein zentraler Punkt dieser Thesen ist die Forderung nach einem eigenständigen Schulfach Niederdeutsch. Diese Forderung ist abgeschwächt worden, weil sie zurzeit nicht umsetzbar ist. Bei einem eigenständigen Fach hätten Eltern Anspruch auf einen entsprechenden Unterricht. Das wäre einklagbar, es müssten ausgebildete Lehrer vorhanden sein. Ein solches Fach müsste an allen Schularten mit einer festen Stundenzahl pro Woche angeboten werden. Nur dann hat es einen Sinn. Das würde einige hundert Planstellen bedeuten.

Stattdessen haben wir einen revidierten Plattdeutsch-Erlass im Ministerium vorgeschlagen. Er gibt den Eltern das Recht, Plattdeutsch-Unterricht zu fordern, wenn bestimmte Voraussetzungen dafür geschaffen sind: Die Schule muss nachweisen, dass sie eine Lehrkraft mit niederdeutscher Kompetenz hat und dass mindestens zwölf Schüler diesen Unterricht wollen.

Das heißt, sobald zwölf Schüler in einer Klasse Plattdeutsch-Unterricht wollen, muss die Schule einen entsprechenden Lehrer vorhalten?

Ja - die Schule muss klarstellen, dass dieser Unterricht ordnungsgemäß durchgeführt werden kann. Das wäre ein gewaltiger Fortschritt, der auch realisierbar ist.

Ist das nicht ein Papiertiger? Nach dem alten Beschluss sind Schulen auch schon angehalten, dort das Plattdeutsche in den Unterricht zu integrieren, wo es sich anbietet, wie zum Beispiel im Heimat- und Sachunterricht. Das wird schon jetzt kaum beachtet.

Wir hoffen, dass es kein Papiertiger wird, sondern dass wir jetzt auch das Ministerium verpflichten können, die Ausbildung angehender Lehrkräfte im Fach Niederdeutsch stark zu beschleunigen. Bisher haben wir nur eine Professur für Niederdeutsch an der Universität Kiel für die Gymnasien. Doch auch an der Universität Flensburg müsste eine solche Professur eingerichtet werden, um Lehrer entsprechend auszubilden. Das ist zurzeit fraglich - aus finanziellen Gründen und weil die Nachfrage dafür zu gering ist. Aber es gibt eine Überlegung, über die Kieler Professur Angebote in Niederdeutsch in Flensburg durch Fachleute vorzuhalten - als eine Art Kooperation zwischen den Universitäten.

Eine Politik der kleinen Schritte?

Ja. Uns ist aber der Spatz in der Hand immer noch lieber als die Taube auf dem Dach.

Gibt es nur den Weg über die Schulen und Universitäten, um das Plattdeutsche mehr zu verankern?

Nein, das ist nur ein Teil. Die Aufnahmebereitschaft für neue Sprachen ist vor allen Dingen in den Kindergärten sehr groß. Wir müssen uns aber die Frage stellen, ob wir ausgebildete Kindergärtnerinnen haben. Und da gibt es erste Ansätze: Der Plattdeutsche Rat befasst sich intensiv mit der zusätzlichen Ausbildung von Kindergärtnerinnen. Ein Mitglied des Rates, Marianne Ehlers, ist da schon mit Erfolg tätig geworden.

Kann man das Plattdeutsche auch außerhalb von Institutionen fördern?

Die plattdeutsche Sprache kann sich aus dem Sumpf eigentlich nur selbst am eigenen Schopf herausziehen: Und zwar indem all die, die die plattdeutsche Sprache für so wichtig erachten, sie auch sprechen - und zwar bei allen Veranstaltungen. Absichtserklärungen sind wunderbar, nur müssen sie umgesetzt werden. Gerade die, die der plattdeutschen Sprache mächtig sind, sollten eine größere Verantwortung übernehmen. Es gibt 58 plattdeutsche Vereine und Verbände im Schleswig-Holsteinischen Heimatbund mit einigen Tausend Mitgliedern. Diese könnten zum Beispiel als Externe im Unterricht zur Vermittlung der Plattdeutschen Sprache eingesetzt werden. Sie müssten vorher natürlich geschult werden.

Welche Erfolge kann der Plattdeutsche Rat vorweisen?

Wie schon gesagt, sind wir kurz davor, eine mögliche Kooperation des Seminars der Kieler Universität mit Flensburg umzusetzen. Das halten wir durchaus für einen Erfolg. Ein zweiter Erfolg wäre es, wenn der schon erwähnte Erlass, der konkrete Forderungen nach Plattdeutsch in der Schule enthält, vom Ministerium positiv beschieden würde.

Der ganz große Wurf ist uns aber noch nicht gelungen: die Ausbildung von Lehrern im Fach Niederdeutsch. Mecklenburg-Vorpommern ist uns da ein bisschen voraus. Dort hat man soeben eine zweijährige Ausbildung für Lehrkräfte in Niederdeutsch abgeschlossen. 80 Lehrer sind dort mit einem entprechenden Diplom ausgezeichent worden.

Wie sehen Sie die Zukunft?

Wenn unsere Bemühungen Früchte tragen und mehr Lehrer ausgebildet werden und der plattdeutsche Teil unserer kulturellen Identität nicht nur wahrgenommen, sondern in den Köpfen manifestiert wird, dann habe ich um die niederdeutsche Sprache keine Angst. Entscheidend ist, dass die Schulen erkennen müssen, wie wichtig das Niederdeutsche für die künftigen Erwachsenen ist, die in einer zunehmend "unbehausten" Welt leben. Sprache vermittelt auch Heimat. Das müssen wir immer wieder deutlich machen. Und das geschieht durch den Gebrauch der Sprache. Die Zukunft des Plattdeutschen liegt im Sprechen, nicht im pausenlosen Diskutieren. Wir müssen die Menschen auffordern zu sprechen.

Haben Sie einen Tipp für alle, die gern Plattdeutsch sprechen möchten, aber sich nicht trauen, weil sie denken, dass ihr Plattdeutsch zu schlecht ist?

Musst keen Bang hem. Snack as di de Snabel wussen is, so as int Ingelsch ok. Dor büst du ok nich perfekt.

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