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„Soul Kitchen“ – oder Wie ein Film Realität wird

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts


Welch eine Ironie der Stadtgeschichte: Da hat Fatih Akin vor vier Jahren mit „Soul Kitchen“ einen höchst erfolgreichen Film gedreht, der nicht zuletzt auch ein Plädoyer für schützenswerte Heimatorte in einer zunehmend unberechenbareren Welt sein sollte – und nun wiederholt sich die Story seines Kinoklassikers in der Realität. Denn just der Soulkitchenhalle in Wilhelmsburg, dem zentralen Drehort seiner Geschichte um ein Schnitzel- und Frikadellenrestaurant, das den Spekulationen eines Immobilienhais zum Opfer fallen soll, droht nun der Abriss. Und wie auf der Leinwand kämpft auch auf der Elbinsel eine Gruppe Künstler und Einheimischer gegen Kommerzialisierung und Gentrifizierung.
Hatten doch seinerzeit nach Ende der Dreharbeiten Wilhelmsburger Bewohner die mehr als 100 Jahre alte Halle in ein nichtkommerzielles Kulturzentrum verwandelt: Konzerte, Tanz, Theaterproben und Kulissenbau, Diskussionen, Ausstellungen – Woche für Woche kamen hunderte Menschen hier zusammen und sorgten nicht nur für Partystimmung, sondern auch für Kultur in dem bis dahin eher „toten“ Viertel. Mehr als 30 000 Besucher in drei Jahren zählten die Macher, die damit entscheidend zur Belebung beitrugen, der Stadt rund 18 000 Euro an Mieteinnahmen für eine leerstehende Immobilie bescherten und obendrein noch deren Renovierung in die Hand nahmen. Alles bestens fand man offenbar auch im Senat, der die kultige Location sogar in seine Imagebroschüren aufnahm.
Bis irgendjemand im SPD-Senat und der mit der Verwaltung betrauten städtischen Sprinkenhof AG auf die Idee kam, das Gelände einer „höherwertigen gewerblichen Nutzung“ zuzuführen – oder einfach ausgedrückt: Richtig Kohle statt Kultur zu machen. Trotz laufender Betriebsgenehmigung wurde auf einmal im Juni ein Gutachten hervorgezaubert, das Einsturzgefahren attestierte und die umgehende Schließung samt zugeschweißter Türen nach sich zog. Dass die Veranstalter nicht einmal mehr Zeit hatten, ihr Equipement, Technik und Schallplatten auszuräumen: Die Genossen Politiker scherte es ebenso wenig wie die Tatsache, dass sie selbst dereinst in vorderster Reihe für die Umwandlung alter Industriedenkmäler in Kulturstätten für alle kämpften.
Heute sind es eher die anderen Parteien, die sich für künstlerische Freiräume stark machen, wie sie jüngst Gängeviertel-Sprecherin Christine Ebeling bei einer Diskussion auf Kampnagel forderte: „Man sollte darüber nachdenken, ob nicht auf den einen oder anderen Euro verzichtet werden kann. Denn Kultur soll nichts erbringen – es geht vielmehr darum, die Erwirtschaftungskette zu durchbrechen.“ Doch Sprinkenhof AG und Senat kümmert es nicht, dass das Soulkitchen-Kollektiv partout nicht weichen will, vielmehr seit Juli auf der angrenzenden Freifläche ins „Exil“ gegangen ist und dort einen alternativen Veranstaltungsraum geschaffen hat: Bis Sonntag soll das Gelände geräumt sein, dann rollen die Abrissbagger. Es sei denn, Protest und Petition der Kulturveranstalter zeigen doch noch Wirkung – dann könnte sich Akin am Ende gar als cineastischer Prophet erweisen: In „Soul Kitchen“ beißt nämlich der Immobilienspekulant auf Granit und Kellner Lutz mischt mit seiner Band das Restaurant auf. Natürlich ohne Genossen.

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erstellt am 30.Aug.2013 | 16:00 Uhr

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