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Interview mit „Borowski“-Autoren : So kommt die Spannung in den Kiel-Tatort

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Das Kölner Autoren-Duo Eva und Volker A. Zahn erklärt, was einen „echten Borowski“ ausmacht. Und warum es zu viele Krimis im Fernsehen gibt.

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erstellt am 25.Mär.2015 | 19:49 Uhr

Ohne zu viel zu verraten: Worum dreht es sich bei den „Kindern von Gaarden“?
Volker A. Zahn: Unser Krimi dreht sich um ein großes Problem, das Kiel hat, nämlich die Kinderarmut. In Kiel-Gaarden, wo unsere Geschichte spielt, leben rund siebzig Prozent der Kinder unter 15 Jahren in Familien, die auf Sozialleistungen angewiesen sind.

Eva Zahn: Wir wollten aber von Anfang an kein klassisches Sozialdrama erzählen, sondern auf spannende Weise illustrieren, wie sich Kinderarmut in einem scheinbar wohlhabenden Land wie Deutschland manifestiert. Es geht nicht um einen Mangel an Essen oder Spielsachen, sondern um eklatante Vernachlässigung und Unterversorgung, vor allem emotional und sozial.

Sie selbst wohnen ja in Köln – wie haben Sie sich denn in das Kieler Problemviertel hineinversetzt?
Volker A. Zahn: Das ist ja nicht unser erster Tatort, der nicht in Köln spielt. Wir versuchen immer, ein Gefühl für den Ort zu entwickeln, an dem eine Geschichte spielt. Aber dann lassen wir uns von unserer Story und unseren Figuren treiben. Und in diesem Fall natürlich auch vom Format, also von den Kommissaren.

Waren Sie denn für die Recherche in Gaarden unterwegs, haben dort vielleicht sogar Vorbilder für die Figuren getroffen?
Eva Zahn: Unsere Figuren sollen immer auch eine Wahrheit erzählen, aber sie sind in den meisten Fällen rein fiktiv. Die Kinder, die wir beschreiben, wachsen in einer wenig behüteten Umgebung auf, und es ist unter Pädophilen nicht unüblich, diesen Mangel an Zuwendung auszunutzen. Mitarbeiter der Beratungsstelle „Berliner Jungs“ warnen sogar neuerdings vor dieser neuen Masche von Sexualtätern: nämlich ihre Wohnungen zu Jugendtreffs umzufunktionieren. Allein in Berlin soll es über zwanzig solcher Wohnungen geben.

Wie bekommt man denn das Kieler Flair in einen Tatort?
Volker A. Zahn: Für mich transportiert sich das Kiel-Gefühl in diesem Format ganz besonders über den gebürtigen Kieler Axel Milberg, seine spröde, unaufgeregte Art ist im angenehmsten Sinne norddeutsch.

Eva Zahn: Spannend war für uns natürlich auch der Stadtteil Gaarden. Ein so genannter „Problembezirk“, aber eben keine seelenlose Trabantenstadt, sondern mit wunderschönen Häusern gesegnet, nah an der Förde gelegen, eigentlich ein gemütliches „Veedel“, wie man hier in Köln sagt. Dass sich ausgerechnet in diesem Stadtteil soziale Probleme derart massiv konzentrieren, ist schon sehr besonders.

Sie sind ja nicht die einzigen Autoren für die Kieler Tatort-Reihe, wie hat Ihnen denn der letzte gefallen, bei dem Borowski im Crystal Meth Milieu ermittelt?
Volker A. Zahn: Die Macher der Kiel-Tatorte trauen sich etwas, es gibt kein Schema F, nach dem die Krimis funktionieren sollen, und deshalb wird man bei Milberg & Co. immer wieder überrascht. Entweder durch einen außergewöhnlichen, leicht schrägen Drogen-Krimi wie in „Borowski und der Himmel über Kiel“ oder durch die besonderen Erzählformen des von uns sehr geschätzten Kollegen Sascha Arango  („Borowski und der Engel“, „Borowski und die Frau am Fenster“) – oder eben, wie in unserem Fall, durch einen Krimi, der auf möglichst spannende und berührende Weise von den sozialen Problemen in dieser Stadt und dieses Landes erzählt.

Sie durften an der Vergangenheit der Sarah Brandt weiterschreiben. Hatten Sie da völlig freies Feld?
Eva Zahn: Nein. Das kann man nur in enger Absprache mit der Redaktion und natürlich mit Sibel Kekilli machen, da stellen wir uns als Autoren ganz in den Dienst des Formats.

Volker A. Zahn: Abgesehen davon: Wir machen ja nur zwei, drei Türchen in die Vergangenheit der Sarah Brandt auf. Man muss als Autor eines Reihen-Formats immer aufpassen, dass man eine Geschichte mit starken Episodenfiguren nicht durch das Privatleben der Kommissare überfrachtet oder damit vom Haupt-Plot ablenkt. Aber wenn man die privaten Probleme einer Hauptfigur geschmeidig in die Story einarbeitet, finde ich es nicht problematisch, Privates mitzuerzählen.  

Eva Zahn: Die Zuschauer sind in dieser Hinsicht ja auch eher gespalten: Die einen lieben den puren Krimi ohne störende Nebengeräusche, die anderen möchten mehr über die Helden und ihre Backstory erfahren.

Jubiläum für Borowski: Am 29. März spielt Axel Milberg zum insgesamt 25. Mal den kauzigen Kommissar aus Kiel. Seine Kollegin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) ist zum neunten Mal dabei. Im sozialen Brennpunktviertel Kiel-Gaarden wird ein wegen Pädophilie vorbestrafter Alkoholiker erschlagen aufgefunden.
Jubiläum für Borowski: Am 29. März spielt Axel Milberg zum insgesamt 25. Mal den kauzigen Kommissar aus Kiel. Seine Kollegin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) ist zum neunten Mal dabei. Im sozialen Brennpunktviertel Kiel-Gaarden wird ein wegen Pädophilie vorbestrafter Alkoholiker erschlagen aufgefunden. Foto: dpa

Wie nah ist denn der Tatort an Ihrem Original-Drehbuch dran? Mussten Sie da noch viel umschreiben?
Eva Zahn: Wichtig ist, dass unsere letzte Buchfassung verfilmt wird. Vorher wird immer viel diskutiert und auch umgeschrieben, aber am Ende müssen Autoren und Regisseur sich einig sein. Es gibt allerdings Regisseure, mit denen wir zehn Jahre reden könnten, ohne auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Bei Florian Gärtner war das zum Glück anders. 

Volker A. Zahn: In „Borowski und die Kinder von Gaarden“ gibt es bei allem Schrecken ja auch die ein oder andere komische Stelle, und als Autor freust du dich einfach, wenn Regisseur und Schauspieler deinen Humor verstehen und umsetzen, das signalisiert, dass wir eine gemeinsame Sprache sprechen und einen ähnlichen Blick auf Figuren und Charaktere haben.

Apropos Humor: Hätte der Plot beispielsweise für einen Münster-Tatort komplett geändert werden müssen?
Eva Zahn: Für Münster finde ich das Thema zu schwer. Es geht um Kindesmissbrauch und Kinderarmut, nicht unbedingt Themen, aus denen man eine richtig komische Nummer machen kann.

Gibt es manchmal zu viel Krimi im Fernsehen?
Volker A. Zahn: Nicht manchmal – es gibt grundsätzlich zu viele Krimis! Da draußen wimmelt es von Themen, die darauf warten, auch im Rahmen einer Reihe oder Serie fiktional verarbeitet zu werden, ohne dass jemand gewaltsam zu Tode kommt. Die Sender tun sich diesbezüglich etwas schwer, die Zuschauer lieben eben Krimis, aber sie haben auch kaum die Möglichkeit, sich an anderen Erzählformen zu erfreuen. Insofern: Es gibt viel zu tun, packen wir’s an!

Eva Zahn: Keine Frage: Wir schreiben gerne Krimis – aber es ist doch ein Armutszeugnis, dass auf deutschen Mattscheiben fast jedes Problem mit Mord und Totschlag gelöst wird.  

Sie schreiben ja zu zweit – wie funktioniert das in der Praxis?
Volker A. Zahn: Wir arbeiten immer an mehreren Projekten gleichzeitig, und jeder übernimmt separat einen jeweiligen Arbeitsschritt auf dem Weg zum fertigen Buch. Zuerst einigen wir uns auf ein Thema und entwerfen dann gemeinsam den Zugang zur Geschichte. Darüber und vor allem über unsere Figuren diskutieren wir dann in mehrstündigen Sessions ausführlich, und wenn die Idee steht, wird sie aufgeschrieben. Und danach wird erneut diskutiert, frisiert, verbessert… solange, bis wir zufrieden sind. 

Reift in Ihnen schon eine Idee für einen neuen Kiel-Tatort?
Volker A. Zahn: Nein, wir sind im Gespräch mit der Redaktion, arbeiten aber gerade an einem neuen Mittwochs-Film für die ARD und bereiten auch noch ein Serien-Projekt vor. Aber es würde uns natürlich freuen, einen weiteren Kiel-Tatort schreiben zu können, ein tolles Format mit großartigen Schauspielern, auch jenseits von Milberg und Kekilli.

Verfolgen Sie die Tatort-Diskussion im Netz?
Volker A. Zahn: Es ist schön und gut, dass sich die Zuschauer mit den Filmen auseinandersetzen und darüber diskutieren. Was nervt, sind Pöbeleien, schlecht formulierte Polemiken, persönliche Angriffe, … braucht kein Mensch! 

Eva Zahn: Ich habe gestern die Twitter-Beiträge zum neuen Berlin-Tatort gelesen. Da wird oft einfach nur rumgemäkelt und rumgenölt, und wenn man weiß, wie viel Arbeit und Herzblut von allen Beteiligten in so einem Projekt steckt, dann sind solche Beiträge einfach nur ärgerlich – und es ist wahrscheinlich besser, wenn man sie erst gar nicht liest.

Tatort: „Borowski und die Kinder von Gaarden“, 29. März, 20.15 Uhr, ARD

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