Schroffensteins: Wenn das Vorurteil regiert

Die Schroffensteins – eine Familie mit Problemen.
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Die Schroffensteins – eine Familie mit Problemen.

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11. Januar 2015, 19:35 Uhr

Zunächst ist alles vernebelt. Nicht nur der Bühnenraum, auch die Köpfe. Die Mitglieder der adeligen Schroffensteins sind seit langer Zeit zerstritten, verfeindet, aufgeteilt in zwei Häuser. Doch ein Erbvertrag bindet die Stämme aneinander: Stirbt ein Zweig aus, so erbt der andere alles. Was gedacht war, um Einheit zu bewahren, führt zu Misstrauen und Abneigung. Der jüngste Todesfall verstärkt das Misstrauen erneut und führt zum Racheschwur.

Die Tragödie „Die Familie Schroffenstein“ von Heinrich von Kleist, die nun am Schleswig-Holsteinischen Landestheater Premiere feierte (Regie: Wolfram Apprich), wirkt aktuell, obwohl sie über 200 Jahre alt ist. Denn die Schroffensteins interessieren sich nicht für wahre Fakten, sie stützen sich auf Vorurteile und Vermutungen – wie es ihnen derzeit die Pegida-Anhänger gleich tun. Die Angst, etwas zu verlieren, verleitet zu Misstrauen, die Vernunft bleibt auf der Strecke. Wo ein Kennenlernen eine Lösung der Probleme sein könnte, schafft man lieber seine eigenen Fakten. Dabei nimmt im wahrsten Sinne des Wortes die Bühnenkonstruktion (Martin Fischer) viel Raum ein. Eine gewaltige Wand symbolisiert die Trennung und Feindschaft der Familienzweige. Allerdings ist diese Mauer nicht starr, sie bewegt sich, was zu Situationen führt, in denen einem aufgrund der vorherrschenden Hassgefühle schwindelig werden kann. Aber die Beweglichkeit der Wand birgt auch Hoffnung in sich. Hin und wieder gibt sie Wege frei, die der Versöhnung dienen könnten. Doch dann folgen die Figuren doch nur wieder ihrem Misstrauen und schleichen sich versteckt an, um zu horchen, was gegen sie ausgeheckt werden könnte. Heimliche Blicke, die nicht jeder Zuschauer im Saal auf gleiche Weise bemerkt. Aufgrund der Bühnenkonstruktion erlebt man das Stück von jedem Sitzplatz aus unterschiedlich. Das ist wie in der wirklichen Welt, in der jeder Mensch die Dinge aus seiner eigenen Perspektive betrachtet.

Es ist bezeichnend, dass selbst die Hoffnungsträger Agnes und Ottokar aus der jüngsten Generation der verfeindeten Familien ihre Liebe auf Misstrauen aufbauen. Nach dem man gemeinsam Gift nahm, um dem anderen glauben zu können, dass kein böses Spiel gespielt wird, kommt es zum Lustspiel. Anders als bei „Romeo und Julia“, dem Shakespeare-Klassiker, von dem sich Kleist inspirieren ließ, um ein anderes Ergebnis zu entwickeln. Das sehenswerte Stück wühlt auf. Nach einem unterhaltsamem Theaterbesuch geht man mit einem matten Gefühl nach Hause. Warum muss es erst zum Schlimmsten kommen, bis jemand daran denkt, die Dinge zum Guten zu wenden?

Nächste Aufführungen: 16. Januar, 19.30 Uhr, Schleswig. 22. Januar, 20 Uhr, Neumünster, 27. Januar, 19.30 Uhr, Itzehoe. www.sh-landestheater.de


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