Sylt : Schräg und schroff: Strandgut-Kunst

Spaß am Schleifen: Zwischen Heckenrosen und Dünen entstehen die Kunstwerke des Kampener Strandchefs. Foto: syltpicture
1 von 2
Spaß am Schleifen: Zwischen Heckenrosen und Dünen entstehen die Kunstwerke des Kampener Strandchefs. Foto: syltpicture

In Kampen auf Sylt fertigt Greg Baber seine Kunstwerke aus schroffem Strandgut. Ein Teil des Erlöses geht an den Küstenschutz.

Avatar_shz von
19. Juli 2011, 07:42 Uhr

kampen | Sein Revier ist der Flutsaum, auf dem der Kampf der Gezeiten um jeden Zentimeter Sand täglich neu ausgefochten wird. Verstärken Wind und Mond die Macht der Flut, zieht Greg Baber eine besondere Energie zum Sonnenaufgang an den Strand. Nicht an irgendeinen Strand, sondern an die mondäne, vom imposanten Roten Kliff eingefassten Sandterrasse von Kampen auf Sylt. Die legendäre Buhne 16, noble Marken in den Schaufenstern Reet bedachter Friesenhäuser und auf den Parkstreifen zwischen Pony und Kupferkanne, die teuersten Immobilienpreise der Republik: "Kampen lebt sein Image, aber es bietet so viel mehr als Playboys und Partys", sagt Baber.
Man müsse sich Zeit nehmen, für ausgedehnte Streifzüge. Dann verliere die Nobeldestination ihre Arroganz. "Die echten Kampen-Liebhaber sind fasziniert durch die Schätze, die die Natur hier auf engstem Raum zwischen Watt, Heide und Kliff bietet." Baber muss es wissen. Seit 26 Jahren ist er der Chef von allem, was zum Kampener Strand zählt: hunderte Körbe, Dutzende Mitarbeiter inklusive der professionell trainierten Rettungschwimmer, aller Wege und Anlagen. Baber ist auch Herr des Strandguts, das die Flut auf dem feinen weißen Sand zurück lässt.
Im Bann der Verwitterung
Diese Funde haben den gebürtigen Amerikaner, der auf Sylt den Traum seines Vaters von einem Leben in Europa wahr macht, zum gefragten Künstler geformt. Mit den alten, als Wellenbrecher ausgedienten Eisenbuhnen fing es an. "Bestes Zeug", lautet der Kommentar Babers beim Blick auf die ersten geborgenen Buhnen, deren Unterbau im Feindsand einen hervorragenden Konservator fand. Doch fasziniert ist der studierte Meeresbiologe vom unbewahrten Material. Gezeichnete, verwitterte, von Salz, Sand und Strömung deformierte Stücke ziehen Baber in den Bann. So zeigen sich die 80 Jahre alten, bis zu zehn Meter hohen Buhnenreste, die der Flutsaum nur nach heftiger Gegenwehr wieder frei gibt, in ihren der Luft ausgesetzten Teilen. Sie lassen ihn beginnen zu formen, zu fantasieren, zu schweißen. "Eisen und Holz - das gehört zusammen."
Die dramatisch, schräg und schroff wirkenden Resultate der ersten künstlerische Intensivphase stellt Baber vor fünf Jahren aus - natürlich in Kampen, am Strand, vom Schaum der flutenden Nordsee umhüllt, mit der seine Skulpturen zu einem magisch ursprünglichen Ganzen verschmelzen. Gäste, Insulaner und Kunstexperten sind gleichermaßen begeistert vom Strandgut, das durch seine schlichte Veredelung die Fantasie des Betrachters von allen Grenzen befreit. "Jeder sieht in ihnen etwas anderes. Ich habe sie nach dem benannt, was ich in ihnen erkenne", sagt der "Abteilungsleiter Strand". Und das ist unter anderem "Evolution", "Mother Nature does its best" oder auch "Kampen forever and ever" - eine Liebe, die einen Job, ein Leben überdauert, jeden Tag neu, zeitlos schön von der Natur modelliert.
Der Küstenschutz ist ein massiver Eingriff in die immer währenden Kreisläufe. Das weiß auch Baber. Er hält die vielen Millionen Euro für die Sylter Sandvorspülungen dennoch für angemessen. Ohne sie sind das Rote Kliff und der Wellenbrecher Sylt nicht zu halten. Ein großer Teil der Erlöse seiner beliebten Skulpturen fließt deshalb in den Küstenschutz. Baber hat erlebt, wie das Naturparadies von heftigen Stürmen gebeutelt wurde, wie sich Wellenberge in das Kliff nagten und ein Stück Sylt unwiederbringlich mit ins Meer nahmen. Das müsse durch weitere Vorspülungen, die den Angriffen des Meeres genügend Nahrung bieten, verhindert werden. Denn Kampen ist für Baber zum schönsten Arbeitsplatz der Welt und zum Zuhause geworden, in dem seine drei Kinder groß wurden, das er nie mehr verlassen will. "Wie New York oder Berlin einmalige Weltstädte sind, ist Sylt eine einmalige Weltinsel", sagt er. Vielleicht musste es erst einen Naturverliebten, so wie das Meer ständig bewegten Amerikaner von Seattle über London, Kiel und Helgoland nach Sylt spülen, um den Schleswig-Holsteinern das zu sagen.
(wer, shz)

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen