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Jan Christophersen : Schneeträume südlich von Bullerbü

vom

"Schneetage"-Autor Jan Christophersen aus Ulsnis an der Schlei erinnert sich an den seltenen Zauber einer weißen Weihnachtszeit.

Darauf hat keiner zu hoffen gewagt. Das ist auch kein Wunder, denn die letzte weiße Weihnacht für Schleswig-Holstein liegt eine ganze Weile zurück. Ich selbst kann mich, ehrlich gesagt, kaum daran erinnern. Wie die meisten habe ich mich mittlerweile damit abgefunden, dass es hier oben um den 24. Dezember herum im besten Fall bloß kalt ist oder aber matschig und ungemütlich. So ist das. Es wäre auch töricht, immer wieder die Hoffnung auf verschneite Weihnachten zu schüren, wenn doch die Erfahrung zeigt, dass dies so gut wie nie vorkommt. Wer in diesen Tagen Schnee haben möchte, der muss hier weg, rauf nach Skandinavien oder runter in die entgegen gesetzte Richtung. Im Allgäu hat man gute Chancen. Im Osten steigt die Wahrscheinlichkeit ebenfalls. Aber im nordischen Flachland hofft man meistens vergebens.

Nicht so diesmal. Wir haben ihn: Schnee. Es ist zugegebenermaßen nicht viel, es taut bedenklich, und wenn ich die Wettervorhersagen richtig verstehe, dann ist es nicht sicher, wie lange wir davon guthaben werden. Aber man soll nicht meckern und zufrieden sein mit dem, was da ist oder besser noch da ist. Mein dreijähriger Sohn bestätigte mir jedenfalls, dass Weihnachten mit Schnee besser sei als ohne. Und mit dieser Vorstellung ist er nicht allein. Es gibt wohl kein Fest, das eine derartige wetterbedingte Aufwertung erfährt. Woran liegt das? Schnee zu Silvester ist zwar angenehm, führt aber nicht zu einer Vervollkommnung der Feier. Und ob zu Ostern die Sonne scheint, ist auch nicht unbedingt entscheidend. Hauptsache, es regnet nicht. Aber weiße Weihnacht hat einen besonderen Reiz. Vielleicht weil es das Winterfest ist und Schnee dazugehört. Doch das wäre zu einfach. Der Schnee hebt die Stimmung noch einmal an. Es sieht nicht nur alles verändert aus, wenn es mit einer ordentlichen Schneeschicht überdeckt ist. Es klingt auch anders, riecht anders. Dazu die Lichter in den Fenstern und an den Tannenbäumen, schon ist man bei Astrid Lindgren und Bullerbü - dem Ideal eines Weihnachtsfestes für nicht Wenige.
Das programmierte Chaos

Dabei weiß ich nur zu gut, dass der gleiche Schnee an einem anderen Tag ein Ärgernis sein kann. Hier oben bricht ja beinahe reflexartig das Chaos aus, wenn die ersten Flocken fallen. Der Ablauf scheint vorprogrammiert. Sofort gibt es Sondersendungen auf dem Dritten. Live-Schaltungen auf die Inseln. Rotgesichtige Reporter, die ihre zotteligen Mikrophone festhalten, um von der Lage an den Küsten zu berichten. Karambolagen auf den Autobahnen. Am nächsten Morgen verschwommene Gestalten im Schneesturm auf den Titelseiten der Zeitungen. Dazu die Überschrift: "NICHTS GEHT MEHR - SCHNEETREIBEN FÜHRT ZU CHAOS." Und ich spreche nicht vom sogenannten Katastrophenwinter 1978/79, über den ich mich auf meiner Lesereise im zurückliegenden Jahr mit vielen Menschen unterhalten habe. Das ist jedes Mal so. Man kann hier oben einfach nicht mit dem Schnee. Aber man kann auch nicht ohne ihn. Denn wenn er nicht da ist, wird auch gemurrt.

Ich kann natürlich nur für mich sprechen. Ich genieße es, wenn ich aus dem Fenster schaue und die Landschaft schneeweiß vor mir liegt. Ich mag es, wenn ich vom Tannenbaum, bevor ich ihn in die Stube trage, die Flocken herunterschütteln muss und es drinnen von den Nadeln auf die Unterlage tropft. Wenn abends die Kerzen brennen, die Geschenke ausgepackt werden und draußen der Schnee herabrieselt, meinetwegen auch von Sturm begleitet, ist für mich soweit alles in Ordnung. Von mir aus kann es dann sogar gerne noch ein paar Tage so bleiben. Vielleicht habe ich dieses Jahr Glück. Man wird schließlich noch hoffen dürfen.

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erstellt am 25.Dez.2009 | 08:45 Uhr

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