Diskussion : Schärfentiefe für die Kultur

Das Nordkolleg in Rendsburg.
Das Nordkolleg in Rendsburg.

Renommierte Referenten diskutierten in Rendsburg die Lage von Bildung und Kunst in Schleswig-Holstein. Ein Ergebnis: Kultur fängt schon im Elternhaus an.

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25. November 2013, 08:49 Uhr

Rendsburg | Hochschulprofessoren, Redakteure, Direktoren von Museen und Stiftungen, Landespolitiker, Verwaltungsfachleute, Kultur- und Wirtschaftsfunktionäre sowie gestandene und angehende Kulturmanager – 32 hochkarätige Referenten sind für zwei Tage nach Rendsburg ins Nordkolleg gekommen, um sich mit der aktuellen Lage der bundesdeutschen Kultur auseinanderzusetzen. Launiger Stargast: Kabarettist Gerhard Polt.

„Schärfentiefe – Worüber in der Kultur zu reden ist“ – der Titel stammt vom Drahtzieher der Tagung: Stephan Opitz, Professor für Kulturmanagement an der Kieler Universität im Studiengang Literatur und Medien sowie Referent des Kultusministeriums – und Mitautor des Bandes „Kulturinfarkt“, wo etwa der Schließung von Theatern das Wort geredet wird.

In einem Punkt waren sich alle einig: Wer nicht im Elternhaus mit Kultur in Berührung komme, sei dafür später schwer erreichbar. Karl-Jürgen Kemmelmeyer, Professor an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover: „Wir müssen das Augenmerk auf die Grundschule und die Früherziehung richten.“ Allerdings, so Birgit Mandel, Professorin für Kulturmanagement in Hildesheim, gelte es „spielerische und utopische Freiräume“ zu schaffen. Weil Lehrer hier zu sehr in den schulischen Kontext eingebunden seien, sollten lieber Externe die Kultur an Schulen vermitteln, denn es gelte weniger, feststehendes Kulturgut zu lernen, als Neugier zu wecken.

Dazu Ingrid Höpel, Professorin für Kunstgeschichte in Kiel und Dezernentin am Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen in Schleswig-Holstein: „Wir schreiben gerade neue Lehrpläne, da geht es nicht um einen erlernbaren Kanon, sondern um die Förderung von Neugier, Forschen und Wahrnehmungsvermögen.“

Zweites Hauptthema der Tagung: die Finanzierung der Kultur. Obwohl der bundesweite Umsatz der Kultur bei 800.000 Beschäftigten nur knapp hinter dem der Automobilindustrie rangiere, seien die Kulturetats „marginal“, sie würden nur den Kulturausschüssen als „Spielwiese“ dienen. Die seien eine nette „Community“ – aber eine intellektuelle Debatte würde nicht stattfinden, beklagt Peter Vermeulen, einstiger Kulturdezernent in Mühlheim an der Ruhr und derzeit Professor für strategisches Kulturmanagement. „Es ist ein eiskalter Verteilungskampf zwischen den Interessensgruppen dieses Landes“, beklagt auch Utz Schliesky, Direktor des Landtags Schleswig-Holstein. Patrik Glogner-Pilz, Oberrat für Kultur und Medienbildung in Ludwigsburg, resümiert: „Wir können nicht immer noch effizienter werden – sollte man nicht auch Kultureinrichtungen schließen?“ Und Armin Klein, der „Papst für Kulturmanagment“ aus Ludwigsburg und Mitautor des „Kulturinfarkts“, zitiert einen Niederländer: „Ihr Deutschen habt keine Kultur des Aufhörens“, man solle auch alte Zöpfe abschneiden, um Neues wagen zu können.

Als Hans-Julius Ahlmann von der Büdelsdorfer ACOGruppe sich mehr öffentliche Förderung für seine – fachlich umstrittene – Nordart wünscht, kontert Peter Hank, Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, dass mehr Geld für Kultur nur mehr „Halli-Galli“ schaffe.

Solche Meinungen treffen freilich auf Gegenpositionen, lassen Fragen aufkommen, warum Wirtschaftsförderung selbstverständlich sei, die Wertschätzung der Kultur aber immer wieder zur Disposition stehe, obwohl sie ein erheblicher Wirtschaftsfaktor sei. Claus von Carnap-Bornheim, Direktor der Stiftung Schleswig-Holsteinische Museen: „Es ist ja Geld genug da – aber wie dafür motivieren?“

Ganz lockere Antworten hält der Kabarettist Gerhard Polt. Er hat Wasser auf die Mühlen der Kulturstiftung der Länder: Er habe, erklärt Polt verschmitzt, ein Stück Weißwurstpelle, von Frau Merkel persönlich gepellt und mit Lippenstift dran: „Ich könnte das zu Sotheby's geben, so wie es die Frau von Thurn und Taxis macht – aber nein: Die Weißwurst gehört zu uns!“ Müssen uns also erst Kabarettisten über unsere kulturellen Werte aufklären?

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