Theater in Schleswig-Holstein : Rette sich, wer kann!

Schwandt, Grisebach, Karasek
Schwandt, Grisebach, Karasek

Die drei großen schleswig-holsteinischen Theater kämpfen um ihre Existenz - aber auf ein gemeinsames Rettungskonzept können sie sich nicht einigen.

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28. April 2011, 08:25 Uhr

Kiel/Rendsburg | Ein Vorschlag sorgt für Aufregung: Erneut ist der geschäftsführende Direktor des Lübecker Theaters, Christian Schwandt, mit einer Idee an die Öffentlichkeit gegangen, die mit den anderen Häusern im Land nicht abgestimmt war. Er will einen Regionaltarifvertrag für die Theatermitarbeiter in Norddeutschland entwickeln. "Wenn wir einfach die Tarifabschlüsse abwarten, werden wir von den Mehrkosten überrollt", sagt Schwandt.
Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. "Wir sind erstaunt und befremdet über diese Aussagen und weisen Ihren Vorschlag zurück", heißt es in einer Stellungnahme der Schleswig-Holsteinischen Orchester-Konferenz (SHOK). Finanzpolitische Lösungen seien nur im Dialog zwischen den Theatern und der Politik zu erreichen: "Wir fordern Sie auf, diesen Weg des gemeinsamen Dialogs zu gehen und in Zukunft von Aufsehen erregenden Einzelaktionen abzusehen." Der Kieler Generalintendant Karasek ist gegen eine Zweiklassengesellschaft im öffentlichen Dienst: "Warum sollen Behördenmitarbeiter Tariferhöhungen bekommen, Theaterangestellte aber nicht?" fragt er.

Jeder rettet sich selbst
Der Generalintendant des Landestheaters, Peter Grisebach, steht dem Vorschlag aus Lübeck dagegen aufgeschlossener gegenüber: "Wenn auf diesem Weg eine Dynamisierung der FAG-Mittel erreichbar ist, so dass steigende Personalkosten endlich wieder durch die Theaterträger ausgeglichen werden, dann halte ich den Regionaltarif vertrag für ein geeignetes Instrument, den zukünftigen Finanzbedarf des Landestheaters einzugrenzen, ohne das Angebot reduzieren zu müssen."
Trotzdem macht sich Schwandt mit seinen Alleingängen nicht viele Freunde in der schleswig-holsteinischen Theaterwelt. Dabei stehen die Theater mit ihren Finanzproblemen tatsächlich allein, obwohl es eigentlich ein großes Miteinander zur gemeinsamen Rettung aus der stetig schwelenden Finanzkrise geben sollte. Doch derzeit rettet sich jeder selbst, so gut er kann.
Seit das Land beschlossen hat, die Mittel aus dem kommunalen Finanzausgleich (FAG), die den wesentlichen Teil der Haushaltsmittel ausmachen, nicht mehr den Tarifentwicklungen im öffentlichen Dienst anzupassen, schlingern die Theater in eine bedrohliche finanzielle Schieflage. Das Problem: Mit jedem neuen Tarifabschluss werden die Mitarbeiter teurer. Aus Eigenmitteln lassen sich diese Finanzierungslücken nicht schließen - trotz Sparmaßnahmen im Theaterhaushalt und der Erhöhung der Abonnement-Zahlen.

Geld aus dem europäischen Topf
Beim Landestheater hat man deshalb vor einigen Tagen einen neuen Rettungsplan erstellt. Der Aufsichtsrat hatte in Rendsburg zur Klausurtagung geladen, die Stimmung unter den Teilnehmern war nicht gut. "Einige sind mit dem Gedanken da rein: Jetzt ist es soweit, jetzt müssen wir eine Sparte absprengen", erinnert sich Jörn Klimant, Dithmarscher Landrat und Vorsitzender des Aufsichtsrats. Auch bei ihm selbst sei der Optimismus eher verhalten gewesen. Zu düster waren die finanziellen Aussichten.
Dreieinhalb Stunden tagten die Anwesenden, dann öffneten sich die Türen wieder - "mit dem Ergebnis, dass wir wieder Zeit gewonnen haben", sagt Klimant. Zeit vor allem für die Musiksparte des Landestheaters, denn diese wäre wesentlich vom Abbau betroffen gewesen.
Jetzt soll Geld aus dem großen europäischen Topf abgeschöpft werden. "Wir denken über ein Interreg-Projekt nach", sagt Klimant. Die Europäische Union fördert mit diesen Interreg-Mitteln grenzüberschreitende Projekte. Deshalb geht der Blick jetzt über die dänische Grenze hinweg in Richtung Norden, nach Sonderburg. Dort ist, wie in Flensburg, ein Orchester beheimatet - das Sonderjylands Orchester. "Wir könnten aus den zweien eines machen, und darüber hinaus auch im Verwaltungsbereich zu sammenarbeiten", nennt Klimant die Eckpunkte des Konzepts. Entstehen soll laut Landestheater-Generalintendant Grisebach ein Orchester der A-Kategorie, mit etwa 100 Musikern - dann würden in beiden Orchestern insgesamt 24 Stellen wegfallen.
Der Personalvertreter im Aufsichtsrat und Flensburger Betriebsratsvorsitzende Heiko Constien nennt die Dänemark-Offensive eine "interessante Idee" - aus künstlerischer Sicht. "Allerdings bin ich gegen eine Zusammenlegung der Orchester, wenn es nur um Kostengründe geht."
Aber darum wird es wohl auch gehen, denn laut Klimant müssen bis Dezember 2011 die Eckwerte einer möglichen Kooperation mit dem dänischen Orchester stehen, "sonst kommen wir um einschneidende Maßnahmen nicht mehr herum". Das be stätigt auch Intendant Grisebach: "Bei der jetzigen Finanzlage müsste ich spätestens nach der Spielzeit 2013/2014 das Musik theater auflösen, um die Personalkosten des Landestheaters auszugleichen." Die Frage lautet demnach: Wie erreicht man in der jetzigen Struktur die Spielzeit 2016/2017, die, laut Grisebach, als frühestmöglicher Termin für eine Zusammenlegung der beiden Orchester angenommen wird. "Sollte bis dahin eine Insolvenz der Landestheater GmbH zu verhindern sein, halte ich das schon für einen großen Erfolg", sagt er.

Arbeitsgruppe ohne Ergebnisse
Doch nicht nur das Landestheater steht vor gravierenden Einschnitten, sondern auch die Häuser in Kiel und Lübeck.
Deshalb hatte der Landtag im vergangenen Jahr die schwarz-gelbe Regierungskoalition beauftragt, Gespräche über die Zukunft der Häuser zu initiieren. Eine Lenkungsgruppe unter der Leitung von Kulturminister Ekkehard Klug wurde gebildet, die wiederum ihre Aufträge an eine Arbeitsgruppe um Kultur-Staatssekretär Eckhard Zirkmann erteilt. Doch in der Umsetzung hakt es gewaltig. Die Arbeitsgruppe kam bislang nur einmal zusammen, die Intendanten der drei Häuser sollten Kooperationsmöglichkeiten und damit Einsparpotenziale finden. Das Ergebnis? Gleich Null. Die Theaterleute wollen nicht die Arbeit der Politik machen: "Wenn die Lenkungsgruppe selbst keine Vorschläge hat, warum sollten wir die dann machen", sagt etwa der Generalintendant des Kieler Theaters, Daniel Karasek. Er nennt die Situation der Theater ein "Armutszeugnis für das Land. Wenn die Dynamisierung der FAG-Mittel dauerhaft entfällt, werden alle Häuser straucheln". Noch aber hat Karasek die Kieler Stadtpolitiker hinter sich. Als Oberbürgermeister Torsten Albig den Vorschlag einbrachte, das Theater solle versuchen, drei Millionen Euro einzusparen, stellte sich die Politik quer. Für Karasek eine Bestätigung seiner Arbeit, auch wenn er weiß: "Ewig kann es so nicht weitergehen."

Land sieht Kommunen in der Pflicht
Zu einem ähnlichen Schluss ist man im Kieler Ministerium für Kultur und Bildung gelangt: "Es ist klar, dass bei reduzierten Budgets die jetzigen Theaterangebote künftig nicht mehr vorgehalten werden können", heißt es dort. Die Kommunen seien als Träger in der Pflicht, ihre Theater angemessen zu fördern. Das sehen die Gesellschafter des Landestheaters anders: "Der Landtag beschränkt sich bei seinen Aktivitäten auf die Einsetzung von Arbeitsgruppen, und auch der Minister hat keine eigenen Lösungs vorschläge", bemängelt der Aufsichtsrats-Vorsitzende Klimant.
So wird die Verantwortung seit Monaten hin und her geschoben, von den Theatermachern zur Politik, von der Politik zu den Theatermachern und Gesellschaftern. Erfolge wie Kosteneinsparungen und erhöhte Zuschauerzahlen helfen den Theatern nur kurzfristig, weil die Personalkosten weiter wachsen.
Schwandt, der in Lübeck mehr für die Zahlen und weniger für die Kunst zuständig ist, wird also weiter an seinen Vorschlägen festhalten - schließlich scheint er mit seinen Ideen bei der Politik durchzudringen. Schon einmal hat er an den anderen Theatern vorbei einen Lösungsvorschlag für die Finanzkrise der Theater lanciert - indem er eine leistungsabhängige Verteilung der FAG-Mittel forderte. Dafür bekam er reichlich öffentliche Schelte, fand aber auch an entscheidender Stelle Gehör: "Ab 2013 ist geplant, die Verteilung der FAG-Theaterzuweisung durch leistungsbezogene Anreize in einer neuen Richtlinie zu modifizieren", heißt es aus dem Kieler Kultur-Ministerium.
Dann werden die Diskussionen wieder losgehen, vorausgesetzt, die Regierungskoalition und ihre Idee überstehen die Wahl im Jahr 2012 - und die Theater können ihre Finanzlöcher bis dahin erfolgreich stopfen.
(mas, shz)

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