Rendezvous der alten Hits bei Kieler Operettengala

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08. Juni 2012, 03:59 Uhr

Kiel | Wer meint, im unterhaltsamen Musiktheater habe das Musical endgültig die Operette abgelöst, der irrt sich gewaltig. Immerhin leisten sich München und Dresden sogar noch eigene Operettentheater. Aber davon einmal abgesehen: Die Nachfrage besteht immer noch, und zur Operettengala war jetzt das Kieler Opernhaus so gut wie ausverkauft. Allerdings mit Zuschauern der älteren und mittleren Generation, die vielleicht nostalgisch auf Operetteninszenierungen vor dreißig oder fünfzig Jahren zurückblicken. Jetzt werden hier nur noch die Rosinen serviert, der ganze Kuchen höchstens mit der "Fledermaus" und der "Lustigen Witwe".

Beide Klassiker durften im Potpourri der Operetten natürlich nicht fehlen. Als Gast von der Metropolitan Opera repräsentierte sie Angela Meade stimmlich hervorragend. Mit zwei unverwüstlichen Evergreens, Rosalindes temperamentvollem "Csárdás" und Franz Lehárs "Vilja-Lied". Figürlich wäre sie wohl weniger für diese Rollen geeignet. Mit dem anderen Gast dagegen, dem polnischen Tenor Tomasz Zagorski, waren Sou-Chong im "Land des Lächelns" und René im "Grafen von Luxemburg" in jeder Weise perfekt besetzt. Im Duett harmonierten Meade und Zagorski makellos. Wegen einer leichten Indisposition trat Zagorski den Hit "Dein ist mein ganzes Herz" an den hauseigenen Tenor Sung-Kyu Park ab, den das überhaupt sehr beifallsfreudige Publikum mit einer wahren Ovation bejubelte.

Hinter den festlich gekleideten Chordamen in bunten Roben und den Herren von Orchester und Chor wollte Daniel Karasek als Chef des Hauses nicht zurückstehen und erschien selbst auch im Frack. In launiger Moderation warfen er und Chefdramaturgin Cordula Engelbert sich die Bälle zu, um an den Inhalt der Stücke zu erinnern. Mit sorgfältig dosierter Ironie, die ja keineswegs die ganze Gattung der Operette madig machen durfte.

Sie hatten allen Grund, ein bisschen stolz auf das eigene Ensemble zu sein. Auf Susan Gouthro mit einem Air von Sullivan, der einzigen Rarität des Abends, und ihr Duett mit Michael Müller aus Kálmáns "Csárdásfürstin". Auf ein Quintett mit den unwelkbaren "Rosen in Tirol". Auf die auch nicht mehr taufrische, aber von Hanna Herfurtner er frischend vorgestellte Christel von der Post, gleichfalls aus Zellers "Vogelhändler". Auf weitere bewährte Nummern aus dem "Zigeunerbaron", der "Nacht in Venedig", Offenbachs "Pariser Leben", Ray monds "Maske in Blau" und Abrahams "Blume von Hawai". Auf den von Barbara Kler einstudierten, in Bestform antretenden Chor. Auf die Philharmoniker unter Mariano Rivas, mit fein austarierten Stilunterschieden bei den Sprüngen von einem Stück zum nächsten. Dieses Programm mit seiner Wunschkonzert-Atmosphäre hätte zwar vor fünfzig oder auch achtzig Jahren ähnlich ablaufen können, aber es findet offenbar auch heute noch begeisterte Abnehmer. Auf Wiedersehen in drei Monaten, im "Weißen Rössl" am Wolfgangsee!

Die Operettengala wird wiederholt am 23. Juni, 20 Uhr, im Kieler Opernhaus.

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