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"Nordseeküste 1933-1945" : "Reiseführer" in die braune Vergangenheit

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Ein historischer Reiseführer gibt einen Überblick über NS-Jahre an der Nordseeküste. Ein Rundumschlag zwischen Protzbauten, Bunkern und Protagonisten.

Elegant flaniert die große Blondine an der Westerländer Promenade entlang, ihr Halstuch weht im frischen Nordseewind. Schützend hält sie ihren großen Sonnenhut. Eine Strandidylle, die Fahnen wehen, die roten Fahnen mit schwarzem Kreuz. Dem Hakenkreuz. NS-Werbung für Urlaub auf Sylt - nur ein Bild-Beispiel aus dem historischen Reiseführer für die Nordseeküste von Martin Kaule.
Nach seinen "Ausflugstipps" in die braune Vergangenheit an der Ostseeküste hat Kaule den historischen Reiseführer "Nordseeküste 1933 - 1945" zusammengestellt. Reiseführer? Normalerweise zeigen sie aus Schleswig-Holstein knallgelbe Rapsfelder, hübsche Reetdachhäuser und sich sonnende Robben. Dieser nicht. Er zeigt die meist grauen Bilder der braunen Vergangenheit. Bunker statt sonniger Hofcafés, ein Abstecher zum Barackenlager Schwesing bei Husum, eine Erinnerung an das jüdische Kinderheim auf Föhr. Ein bombenzerstörtes Hamburg nach der Operation "Gomorrha" wird den hochtrabenden Plänen zur nie erfolgten Umgestaltung zur größten Deutschen Seestadt samt Aufmarschplätzen und "Kraft-durch-Freude-Hotel" gegenübergestellt.
Übersichtlich, mit bunten Klappkarten
In knappen, sachlichen Texte stellt Kaule die Schauplätze von Grausamkeiten der Nationalsozialisten vor, zeigt Fotos von Weihnachtsfeiern unter dem SS-Banner, die als "entartet" diffamierte Kunst von Emil Nolde oder eben das sommerliche Werbeplakat für Westerland. Alles nebeneinander, geografisch sortiert. Alles übersichtlich, mit farbigen Klappkarten - genau, wie es in einem Reiseführer sein sollte.
Der weitschweifige historische Hintergrund zur NS-Zeit fehlt: Ohne Einleitung startet der Reiseführer mit dem Hafen Helgoland. Auch der erhobene Zeigefinger kommt nicht vor - der Reiseführer gibt sich fast wie die neutrale Schweiz unter den Geschichtswerken. Oder eher wie das Liechtenstein, denn die Texte sind teils sehr kurz, schließlich muss die gesamte Nordseeküste von Ostfriesland bis nach Dänemark plus Hamburg in gut 120 Seiten mit Anhang abgearbeitet werden. Es sind in erster Linie Anregungen, sich mit den Relikten der Nazi-Zeit auseinanderzusetzen, diese überhaupt zu entdecken. Was steht wo, was wurde wann erbaut - wer wann verschleppt?

Musterbeispiel Adolf-Hitler-Koog
Den Dieksdanderkoog in Dithmarschen führt Kaule zum Beispiel auf, der damals noch Adolf-Hitler-Koog hieß und als Musterbeispiel gelten sollte. Als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme wurde er ohne Baumaschinen und große Geräte von etwa 1700 Arbeitern geschaffen. Ein damaliges Prestige-Objekt. Die NS-Presse rühmte die Landgewinnung - Hitler selbst weihte den Koog 1935 ein und legte dabei gleich den Grundstein für die Neulandhalle, die heute noch im Koog steht. Der große, klotzige Nazi-Bau - Versammlungs- und Festhalle, Wallfahrtsort, später Lazarett. Heute lädt dort die Kirche seit den 70er Jahren Jugendliche zu Ferien und Freizeit ein, was auch Kaule erwähnt.
Der historische Reiseführer beachtet aber kaum die heutige Rezeption der NS-Vergangenheit. Die Diskussion um den Verkauf der Nazi-Halle wird komplett ausgespart: Die Befürchtungen, Neonazis könnten dort wieder einen Wallfahrtsort errichten, die Forderungen, den Monumentalbau lieber gleich abzureißen. So fehlt es dem "Reiseführer" doch ein wenig an Hintergrund und Aktualität. Doch einen historisch-kritischen Anspruch erhebt Kaule auch nicht. "Ich will zeigen, dass es eben nicht nur schön ist am Urlaubsort", sagt der Informatiker aus Berlin. Er sei schon seit seiner Jugend von Bunkern fasziniert - es fing an mit einem Betonklotz auf Rømø. Edda Fensch von Christoph-Links-Verlag ergänzt: "Die Reiseführer sind etwas, das den Menschen etwas an die Hand gibt, dass sie nicht ratlos vor den Relikten der NS-Zeit stehen." Denn auch Schleswig-Holstein tut sich schwer mit seiner Vergangenheit. Manchmal weist nicht einmal ein Schild auf die Vergangenheit hin, manchmal möchte man ganze Hallen einfach abreißen. Aber vielleicht hilft es ja, wenn man die Orte und Protagonisten an der Nordseeküste ein bisschen näher kennen lernt.

(mn, shz)
Martin Kaule: "Nordseeküste 1933-1945. Mit Hamburg und Bremen. Der historische Reiseführer", Christoph-Links-Verlag 2011, ISBN: 978-3-86153-633-8.
Martin Kaule: "Ostseeküste 1933-1945. Der historische Reiseführer", Christoph-Links-Verlag 2009, ISBN:978-3-86153-521-8.

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erstellt am 12.Mai.2011 | 07:45 Uhr

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