Rauer Ton auf Schloss Gottorf

'Still gestanden': Wilhelm Voigt (Uwe Kramer) führt seine Soldaten an.   Foto: Landestheater
"Still gestanden": Wilhelm Voigt (Uwe Kramer) führt seine Soldaten an. Foto: Landestheater

Bei den Sommerfestspielen des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters tritt der "Hauptmann von Köpenick" vor historischer Kulisse auf

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17. Juni 2013, 03:59 Uhr

schleswig | Was lange währt, wird endlich gut: Regenbedingt feierten die Sommerfestspiele des Landestheaters einen Tag später als geplant Premiere - dafür aber eine äußerst umjubelte. Der "Hauptmann von Köpenick" macht sich gut im Innenhof von Schloss Gottorf.

Das gilt in mehrfacher Hinsicht. Nicht nur angesichts der Begeisterung des Publikums, das Beifall sogar trampelte. Keine andere Stadt im Land wäre besser geeignet als Schleswig, Carl Zuckmayers bissige Persiflage auf den preußischen Beamtengeist vorgesetzt zu bekommen. Als langjährige Provinzialhauptstadt war es im Norden das Zentrum genau desjenigen wilhelminischen Obrigkeits-Wahns, die der "Hauptmann" an den Pranger stellt. Und von einer Behörden-Mentalität hat sich an der Schlei bis heute mehr gehalten als anderswo. Dann ist da noch die Authentizität der Spielstätte: Wenn militärische Kommandos durch den Schlosshof hallen und Soldaten über denselben exerzieren - dann wird die Ära des Schlosses im 19. und frühen 20. Jahrhundert lebendig, in der Gottorf als Kaserne diente.

Gelungen ist die Step-By-Step-Technik, die die Besucher in die Welt des Stücks hineinholt: Vor dem Schloss macht die preußische Polizei Jagd auf Falschparker. Nach dem Platznehmen im Hof droht ein Aufseher an, während der Aufführung zu überprüfen, ob jeder auf dem Sitz mit der korrekten Nummer sitzt. Und der knüppelschwingende Gefängnisdirektor im ersten Akt wechselt mit seinen bösen Blicken zwischen seinen Sträflingen und den Zuschauern hin und her.

Unfreiwillig erhält die Hauptfigur Wilhelm Voigt (unvergleichlich verhärmt verkörpert von Uwe Kramer) hier im Zuchthaus das Rüstzeug für ihren legendären Coup. Nur, weil der Gefängnischef mit den Insassen aus lauter Langeweile Militär spielt, kennt Voigt die Details, mit denen er sich nach seiner Entlassung als falscher Hauptmann einen Soldatenzug gefügig macht. Dabei will er seine neue Freiheit eigentlich nur für ein ganz normales Leben nutzen. Doch vor lauter Formalismus blockiert der Beamtenstaat sich bei der Resozialisierung selbst: Eine Beschäftigung im einst erlernten Schusterberuf wird Voigt versagt, weil er nirgendwo fest gemeldet ist - und eine feste Adresse inklusive Pass wird ihm vorenthalten, weil er keine Arbeit hat. So entsteht die Idee, sich eine Hauptmannsuniform beim Schneider zu besorgen und allein durch die Autorität des Stoffs zum Bestimmer zu werden.

Bei allen komödiantischen Aspekten dieser Absurdität geht das Tragische in der Inszenierung von Ingo Putz nicht unter. Sie meistert den schmalen Grat zwischen Ernst und Unterhaltung. Die Ohnmacht des Individuums bleibt im Fokus. Werktreue im besten Sinn ist das. Ging es dem Autor bei der Uraufführung 1931 beim Erstarken des Nationalsozialismus doch vor allem um diese Warnung. Die Uniformen waren da zwar andere als das schnieke Gewand des kaiserlichen Zeitalters. Aber der Uniform-Fetischismus blieb doch derselbe.

Verzichtbar wären die Kulissenbilder, mit denen das Gottorfer Sommertheater erstmals seit Langem arbeitet. Szenen wie die in der Amtsstube oder dem Wohnzimmer von Voigts Schwester, wo er zwischenzeitlich Unterkunft findet, beziehen aus den Requisiten und dem Spiel der Darsteller genug Lebendigkeit. Zumal der Höhepunkt, die Besetzung des Köpenicker Rathauses durch den falschen Hauptmann, ja auch ganz aus der vorhandenen Szenerie heraus atmet. Da wandelt sich die Fassade des Ost-Flügels ebenso einfach wie effektvoll zum Verwaltungspalast: Ein Dutzend Fenster wird erleuchtet und jeweils von Soldaten oder Verwaltungsleuten eingenommen. Hübsch, wie der Bürgermeister und sein Kämmerer so auch bildlich vom Trupp des falschen Hauptmanns in die Zange genommen sind.

Dass das Rathaus am Ende gar nicht für die erhoffte Passausgabe zuständig ist, sondern das Landratsamt - das lässt das endlose Bürokratie-Gestrüpp wieder zuwuchern, an dem nicht nur Voigt verzweifelt. Als wäre nie etwas gewesen, hat die Militär-Blaskapelle das letzte Wort. Zum gefühlt 100. Mal marschiert sie da durch den Schlosshof. In einem Endloskreislauf hat sie bereits das ganze Stück durchzogen. Eigens das Geltinger Blasorchester hat das Theater dafür eingespannt. Ihre Persiflage auf das Pseudo-Militärische der Marschmusik wird wohl am längsten von dieser schön schlanken 90-Minuten-Inszenierung des "Hauptmann" in Erinnerung bleiben.

Angesichts manch mehrjähriger Wiederholung von Sommerstücken des Landestheaters in früheren ruhigen Zeiten ist es nicht selbstverständlich, dass die Bühne in ihrer gegenwärtigen Struktur-Krise überhaupt eine neue Inszenierung gibt. Sie hat viele Zuschauer verdient. Nicht aus Mitleid, sondern weil Könner am Werk sind.

Weitere Termine: 20., 21., 22., 23. sowie 27., 28., 29. und 30. Juni, Beginn um 20.30 Uhr.

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