zur Navigation springen

Lesestoff : Rathenau - aus der Epoche erklärt

vom

Historiker Lothar Gall gelingt eine großartige Biografie über Walther Rathenau, eine der schillernsten Persönlichkeiten des ausgehenden Kaiserreichs.

shz.de von
erstellt am 08.Jul.2009 | 01:54 Uhr

Dem Frankfurter Historiker Lothar Gall ist das gelungen, auf was viele Leser sicher schon lange gewartet haben. Er hat es geschafft, eine Biografie zu schreiben, und die Person aus ihrer Zeit heraus zu erklären. Walther Rathenau, eine der schillernsten Persönlichkeiten des ausgehenden Kaiserreichs und der frühen Weimarer Republik hat bislang viele Biografen gereizt – aber keinem ist ein wirklich schlüssiges analytisches Porträt des Architekten der gezielten Kriegsbewirtschaftung und des Vertrages von Rapallo gelungen.
Doch Lothar Gall schafft es, weil er eben weit weniger die Person in den Focus nimmt, sondern den Sohn des AEG-Gründers Emil Rathenau als (politische) Elite einer neuen bürgerlichen Bewegung erfasst, die für einen gesellschaftlichen Aufbruch am Ende des Kaiserreichs stand und mit Namen von Kulturgrößen wie Gerhart Hauptmann, Max Reinhardt bis hin zu Emil Nolde verbunden ist. Walther Rathenau, der als Jude immer etwas außerhalb der Gesellschaft stand, als intellektueller Vordenker eines neuen Zeitgeistes, fast gar eines Revolutionärs, der am Ende mit seinen Ideen nie eine entscheidende Mehrheit erreicht hat und durch ein Attentat an der weiteren praktischen Erprobung seiner Gedanken eines neuen und durchaus positiv gemünzten Volksstaates gehindert wurde – das ist neu.
Gewiss glättet Gall ein paar Ungereimtheiten in Rathenaus Biografie, um seine These durchhalten zu können. Und am Ende des Buches wird er doch wie in seinen früheren Büchern über den Banker Hermann Josef Abs und den Reichskanzler Otto von Bismarck zu narrativ – aber dennoch bleibt das Buch über Walther Rathenau ein großer Wurf.
Lothar Gall: Walther Rathenau. Porträt einer Epoche, C.H.Beck, ISBN-10: 3406576281, ISBN-13: 978-3406576287, 22, 90 Euro

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen