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Interview mit Fettes Brot : Rap, Bier und feuchte Luft

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

von
erstellt am 26.Jan.2014 | 16:24 Uhr

Wir sind hier in eurem Studio, zugleich die Schaltzentrale von Fettes Brot. Welche Geheimnisse dürfen diese vier Wände nicht verlassen?
König Boris (KB): Wenn wir Dir das verraten, wäre es ja kein Geheimnis mehr. (lacht)
Björn Beton (BB): Wir sitzen hier ständig mit unseren Leuten von der Plattenfirma. Es geht um viel Geschäftliches. Das sollte kein fremdes Ohr mithören.

Doktor Renz (DR): Andererseits würde ich mir manchmal wünschen, dass die Leute mitkriegen, was wir alles so absagen. Eine Band definiert sich ja nicht nur darüber, was sie tut, sondern auch darüber, was man eben nicht macht, weil man es aus stilistischen und inhaltlichen Gründen nicht wahrnehmen will. Ganz große Geheimnisse haben wir aber nicht. Kurz bevor eine Platte fertiggestellt wird, habe ich immer Angst, dass hier mal einer alles rausholt und das Material zum Spottpreis vorveröffentlicht.

Das Studio liegt mitten in St. Pauli. Werdet ihr von der Umgebung abgelenkt oder inspiriert?
KB: Eher Letzteres. Wir arbeiten hier zu recht normalen Bürozeiten. Oft gehen wir danach nach Hause und machen Feierabend. Manchmal juckt uns aber der Hobel und wir haben Lust, noch ein bisschen loszuziehen.
BB: Oft kombinieren wir beides. Erst die Arbeit, danach zum St.Pauli-Spiel oder in eine Kneipe.
KB: In unseren aktuellen Songs kommen ja auch einige Bars vor.

Eure neue Platte heißt „3 is ne Party“: Was ist das beste Partygetränk?
KB: Für mich bleibt es nach wie vor Bier.
DR: Wenn wir feierlich eine Party starten, finde ich es auch toll, einen Sekt auf  Eis zu trinken.
BB: Wenn ich mit dem Wodka anfange, weiß ich, jetzt sind alle Schotten auf und es geht ab.

Was war denn euer schlimmstes Partyerlebnis?
KB: Schlimm ist relativ. Am nächsten Tag ist es oft schlimm, dass die Party überhaupt stattgefunden hat. Eine der heftigsten Partys haben wir definitiv mit den Russen erlebt.
DR: Schrecklich schön, könnte man sagen.
KB: Mit Möbelduschen und Platzwunden. Daran kann ich mich noch erinnern.

Wen würdet ihr gerne mal auf eure Party einladen?
KB: Jay-Z wäre sicher ein Kandidat.
DR: Aber wenn Beyoncé mitkäme, müsste sich das Kindermädchen um Blue Ivy kümmern. Wahrscheinlich sitzen dann beide den ganzen Abend artig in der Ledercouch und schlürfen ihren Champagner. Und wenn sie fertig mit dem Essen sind, bringen sie ihren Teller höflich in die Küche.
BB: Ich halte ja Cameron Diaz für eine echte Partykanone. Kann sein, dass ich verblendet bin durch ihre Filme, wenn sie da in Hot Pants mit ihrem Po wackelt. Aber ich glaube, mit der kann man gut abfeiern. Mit Kate Winslet wahrscheinlich auch: Die dreht selber Zigaretten und flucht wie ein Pferdekutscher.

Mit „Josephine“ habt ihr wieder mal einen Song über ein Mädchen auf der Platte. Sind diese Figuren real oder reine Hirngespinste?
DR: Uns faszinieren die Namen, die all das vereinen, was wir sie sagen lassen wollen. Bei „Emanuela“ war es eine selbstbewusste Latina, die weiß, was sie will und Männerherzen bricht. Die Machos sind da schnell mit ihrem Lateinamerikanischen am Ende.
BB: Bei „Josephine“ ist der Wunsch in der Person definiert, dass es mehr Frauen geben sollte, die sich trauen, ein Mikro zu nehmen und loszulegen.
KB: Frauen sind immer ein großes Thema für uns. Starke Frauen-Charaktere reizen uns.

In eurem Video zu „KussKussKuss“ feiert ihr eine Party auf dem Bolzplatz und gebt den kleinen Kindern Bierflaschen in die Hand.

Nicht gerade vorzeigepädagogisch...
BB: Nein, aber das ist doch die Kunst der Provokation. Ich bin wirklich verwundert, wie ernst viele Leute das nehmen. Ich habe ja im Video auch keine Schlange als Pimmel, das sieht nur so aus.
DR: Fehlt nur noch, dass es eine Online-Petition gegen uns gibt nach dem Motto: Gebt den Kindern kein Bier mehr.
KB: Die Leute ein bisschen zu ärgern und zu gruseln, finde ich völlig ok.
Wie waren in der Kindheit eure ersten Zugänge zu Musik?
DR: NDR2 hören, Cassetten aufnehmen.
BB: Meine Eltern haben zuhause immer viel Musik gehört, Folk und Liedermacherkram auf Deutsch. Sie haben mich auch auf entsprechende Konzerte mitgenommen. Später habe ich Rap entdeckt, das war die erste Musik, mit der man die Eltern so richtig ärgern konnte. Liefen bei uns Wader und Degenhardt, fuhr ich Run DMC und die Beastie Boys auf. Am besten hat mir an denen die Lautstärke des Schlagzeugs gefallen.
KB: Ich war im Schulchor, wurde aber in die hintere Reihe gestellt. Damals habe ich ja noch nicht gesungen (lacht). Mit zwölf habe ich in einer Schülerband Bass gespielt, konnte das aber eigentlich gar nicht richtig. Ich habe immer so getan und mich ganz gut durchgeschummelt. Mit dieser Haltung ist ja letztlich auch Fettes Brot entstanden nach dem Motto: Was die anderen können, können wir auch.

Eure musikalischen Vorbilder?
DR: Die erste Band, für die ich mich wirklich begeistern konnte, hieß De la Soul. Deren Platte „3 Feet High and Rising“ war ein Meilenstein. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, das ist eine Musik, die mit mir zu tun hat. Mit meinem Schulfreund Toby, der später mit Fünf Sterne und anderen Rappern nationale Bekanntheit erlangte, kamen wir auf die Idee, wie man das selbst herstellen könnte. Da haben wir angefangen, Musik mit der Pausentaste zu machen.

Wie geht das?
DR: Während die Platte läuft, loopt man eine coole Stelle, indem man sie immer wieder auf Cassette überspielt. Daraus entstanden selbst produzierte Sampler mit englischen Raps, die unter Kumpels kursierten. So habe ich auch diese beiden Kollegen hier kennengelernt.
BB: Ich fand auch De la Soul ganz toll, gleichzeitig wegen ihrer Radikalität aber auch Public Enemy. Als wir uns kennenlernten, fingen die Ersten an, auf Deutsch zu rappen. Für mich löste das auf einmal eine Menge Probleme, als ich gemerkt habe, das geht ja auch in meiner eigenen Sprache und ich muss mich nicht mehr besonders anstrengen, englische Slang-Wörter zu lernen. Genauso haben wir Rap und HipHop verstanden: Es muss einen gewissen Echtheitscharakter haben, etwas, das aus einem selbst kommt und das Leben um dich herum abbildet. Man kann damit der Jugendkultur seinen eigenen Stempel aufdrücken.

Warum brauchtet ihr keinen langen Anlauf wie so viele andere Bands?
DR: Das liegt wohl auch an der Sprengkraft von deutscher Rap-Musik, die damals so neu war. Die Fantastischen Vier hatten mit „Die da" gerade einen veritablen Hit hingelegt. Natürlich sind da die Menschen in der Musikindustrie aufgeschreckt, mit den Dollarzeichen in den Augen herumgerannt und haben zeitweilig erschreckende Beispiele von Bands gesignt in der Hoffnung, sie werden jetzt die nächsten Fantastischen Vier. Wir haben davon letztlich ja auch profitiert, dass Leute auf uns aufmerksam geworden sind und gedacht haben: Hey, das ist so neu, innovativ und spannend, ganz anders als die Musik, die wir sonst so gehört haben. Zum Glück haben wir relativ schnell die richtigen Leute kennengelernt, mit denen wir heute zum größten Teil immer noch zusammenarbeiten. Da bestand von Anfang an eine Mischung aus Ahnungslosigkeit, Neugier, Abenteuer und großem Vertrauen, weil wir mit ihnen eine Sprache gesprochen haben.
BB: Das hat auch dazu beigetragen, schnell durchzustarten, weil gleich alles geklappt hat, gut vorbereitet wurde und wir vernetzt waren. Das Musikfernsehen spielte damals ebenfalls eine große Rolle und hat uns mit unseren Clips wie etwa zu „Jein“ nach vorne katapultiert.

Wann hattet ihr das Gefühl, davon leben zu können?
KB: Unsere Ansprüche waren ja damals nicht so groß. Wir haben noch Zivildienst gemacht oder in Bars gejobbt, und kamen damit auf rund 1000 Mark monatlich. Die Band brachte jedem noch mal 500 Mark. Das hat dicke gereicht zum Leben und war mehr Geld, als ich jemals zuvor in meinem Leben gesehen hatte. Insofern konnten wir auf eine bescheidene Art davon ganz gut leben. Ich habe noch zuhause gewohnt und konnte sogar von dem verdienten Geld etwas abgeben. Der Rest ging für Koks, Mädchen und Partys drauf (lacht). Nein, ist Spaß jetzt.

Musstet ihr euch oft Vergleiche mit Fanta 4 gefallen lassen?
KB: Das gab es, aber wir haben nicht darunter gelitten. Uns war daran gelegen, eine eigene Sache auf die Beine zu stellen. Wir haben uns irgendwo verortet zwischen den Fantastischen 4 und Advanced Industry, also zwischen den Poppern und den Politrappern.
BB: Ich habe das gar nicht so in Erinnerung, dass ständig Vergleiche gezogen wurden. Wir selber haben uns immer in einem HipHop-Zusammenhang mit gewissem Underground-Anspruch verortet, während die Fantastischen 4 schon längst im Pop und Mainstream angekommen waren, allein durch die Art und Weise ihrer Präsentation und durch die Werbung, die sie mit Hohes C damals gemacht haben. Uns war damals auch daran gelegen, zu zeigen, dass Rap-Musik in Deutschland nicht nur Fanta 4 und Fettes Brot ist, sondern dass es in jeder Stadt gute Rapper gab. Unsere erste Tour haben wir mit der „Klasse von 95“ gemacht. Das war ein Konglomerat aus fünf bis sieben Bands, die abends festivalartig von Stadt zu Stadt gezogen sind.

Ihr seid seit über 20 Jahren im Geschäft und mittlerweile für zwei Generationen zuständig. Eine schwierige Gratwanderung, was Texte und Sprache angeht?
DR: Ab und zu denken wir darüber nach. Bei „Am Wasser gebaut“ hatten wir den Eindruck und erhielten auch so ein Feedback, dass viele Familien – die Eltern so alt wie wir, die Kids 13/14 – gleichermaßen damit etwas anfangen konnten. Aber wenn der Ton der nächsten Platte dann wieder etwas rauer und derber ist, denkt man kurz darüber nach: Kriegen die jetzt alle einen Schreck und fallen aus ihren Fahrradkindersitzen?
BB: Selbst schuld. Wir schreiben ja nicht drauf, dass es um Lyrik geht. Ist ja klar, dass wir nicht ein Blatt vor den Mund nehmen. Ich glaube, Kinder können das ganz gut abstrahieren. Die hören eh nur raus, was sie interessiert. Das andere überhören sie oder fragen nach, was ein „schwules Mädchen“ ist. Letztlich trägt das auch zur Aufklärung bei. Das, was wir sagen, ist zwar manchmal ein bisschen derb, hat aber immer einen sympathischen Kern.

In „Crazy World“ geht ihr direkt auf die Welt eines Elfjährigen ein, der alles von Pussy Riot bis Bunga Bunga verstehen muss. Ist die Welt komplizierter geworden als noch vor 20 Jahren?
KB: Schneller geworden, trifft es besser. Die Informationen fließen wesentlich schneller. Das Gefühl der Überforderung kennt ja jeder.
DR: Ich glaube, dass künftige Generationen der Menschen riesige Köpfe haben müssen, weil das Gehirn immer mehr verarbeiten und zwangsläufig wachsen muss.
BB: Ich behaupte genau das Gegenteil. Der Kopf bleibt genau gleich groß. Und ich werde Millionär damit, dass ich den Leuten Informations-Filter anbieten werde. Was kindgerecht, familiengerecht und überhaupt menschlich sein soll, kann man vorher genau festlegen. Darüber erhält man Informationen. Ob nun im Dschungelcamp Kakerlaken gegessen werden oder in Pjöngjang ein Sack Reis umfällt, kann man dann herausfiltern.
KB: Ihr habt ja komische Vorstellungen. Siehste, die beiden sind erwachsene Männer und wissen überhaupt nicht, wo es lang geht. Wie soll das erst ein Elfjähriger schaffen?

Wer von euch ist denn Fan von Insterburg und Co.?
BB: Fan kommt von fanatisch und das wäre übertrieben. Ich bin derjenige, der als Kind das Album von den Eltern kannte und Insterburg gehört hatte. Allerdings kennen wir natürlich alle drei den Song "Ich liebte ein Mädchen".

Eine Hommage?
DR: In gewisser Weise ja. Aber wir haben den Song trotzdem bis zum Schluss infrage gestellt. Wir haben den irgendwann mal als Toursong dabei gehabt und wollten ihn kombinieren mit allen Städten der Tour. Nach kurzer Analyse haben wir uns gesagt: Wir nehmen den Song jetzt mal richtig auf, zumal uns die Idee überzeugte, Hamburger Stadtteile zu verarbeiten. Und wir dachten uns, solange wir darüber lachen können, können andere auch darüber lachen. Das ist eh das Motto der Platte. Man ist ja seine eigene Kontrollinstanz, man kann nicht direkt immer das Internet befragen.
KB: Der Song ist auch kein Cover, sondern wir nutzen die Möglichkeit, der Idee unseren eigenen Stempel aufzudrücken.
BB: Es gibt aber auch Ideen, die man verwirft, weil man eben nicht genug Eigenes daraus machen kann. Das wäre uns auch zu billig.

Ihr seid so lange zusammen, hattet jeder eure Solophasen und habt wieder zusammengefunden. Habt ihr das Gefühl, ein Familienunternehmen zu sein, das noch lange so weiter existieren wird?
KB: Ein Familiengefühl haben wir auf jeden Fall. Was das für die Zukunft bedeutet und wie lange wir zusammen Musik machen, kann ich schwer prognostizieren. Als wir angefangen haben, hat keiner geglaubt, dass wir es überhaupt so lange machen werden. Wir haben nach wie vor viel Spaß an unserer Musik. Insofern stehen die Zeichen nicht schlecht, dass wir noch die eine oder andere Platte machen werden.
DR: Man lernt ja auch Toleranz gegenüber den Eigenarten der Mitmenschen. Es ist zwar manchmal hart, wenn im Bus geschnarcht wird. Aber auch darüber kann man hinwegsehen, wenn alles andere stimmt (lacht).

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