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Husumer Filmtage : Rainer Bock: Die beste Nebenrolle

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Husumer Filmtage feiern Rainer Bock: Der gebürtige Kieler ist einer der bekanntesten deutschen Schauspieler, obwohl er nur selten Hauptrollen spielt.

shz.de von
erstellt am 01.Okt.2015 | 19:52 Uhr

Husum | Am Donnerstagabend wurden die Husumer Filmtage eröffnet. Im Mittelpunkt des Festivals steht in diesem Jahr der Schauspieler Rainer Bock, der in Kiel geboren wurde und erst nach Jahrzehnten am Theater für den Film entdeckt wurde. Die Rolle als Arzt in Michael Hanekes „Das weiße Band“ war sein Durchbruch. Seitdem hat er eine eindrucksvolle Karriere hingelegt: Bock, der von 1985 bis 1988 am schleswig-holsteinischen Landestheater engagiert war, kann sich seine Rollen mittlerweile aussuchen, er hat bereits mit Steven Spielberg und Quentin Tarantino gedreht.


Herr Bock, Ihnen ist bei den Husumer Filmtagen eine Werkschau gewidmet. Haben Sie aus Ihrer Zeit beim Landestheater noch Erinnerungen an die Stadt?
Ja. Ich kann mich noch sehr gut an die Theater-Abos Husum-Stadt und Husum- Land erinnern. Und ich erinnere mich an eine besondere „Räuber“-Aufführung in der Stadt: Nach einer dreiviertel Stunde fiel auf der Bühne ein Schuss, der den Feueralarm auslöste. Die Feuerwehr hat dann 20 Minuten gebraucht, um den Alarm wieder auszuschalten. Leider haben wir die Szene wiederholt, als wir weitergespielt haben – der Alarm ging wieder los.

Klingt nach einem langen Abend…
Ja und es war außerdem ein witziger Abend, so etwas vergisst man nicht.

Was ist von Ihrer Theater-Zeit in Schleswig-Holstein noch geblieben?
Ich rede heute oft mit Axel Prahl, mit dem ich ja zusammen am Landestheater war, darüber, dass die Zeit sehr prägend für uns war. Nicht nur, weil die Menschen dort oben nach der Tagesarbeit immer noch voller Begeisterung ins Theater gekommen sind, sondern auch, weil wir oft gezwungen waren, unsere Rollen selbst zu erarbeiten. Das hat uns später in unserem Beruf unheimlich geholfen.

Klingt nach einer guten Ausbildung.
Für junge Schauspieler ist es wichtig, an solchen Bühnen zu arbeiten. Man lernt dort, Demut vor dem Job und Disziplin zu haben: Wir haben damals 28 Vorstellungen im Monat gespielt und zwar an vielen verschiedenen Orten.

Sie sind in Kiel aufgewachsen und leben jetzt in München. Wie ist heute Ihre Verbindung in den Norden?
Ich bin Schleswig-Holsteiner und habe immer Sehnsucht nach dem Meer. Das hat für mich was mit Heimat zu tun, obwohl ich mich in München sehr wohl fühle. Ich glaube fest daran, dass ein Mensch mit der Region, in der er geboren wurde, für immer verbunden bleibt. Darf ich kurz eine Geschichte erzählen?

Klar.
Als ich meine Eltern endgültig verloren hatte und eines Morgens in Kiel an ihrem Grab saß, dachte ich: Jetzt ist meine Kindheit vorbei, ein Gedanke, den wohl viele haben, deren Eltern gerade gestorben sind. Ich hing also meinen Gedanken nach, als es plötzlich hinter mir in der Hecke raschelte und ein Mann vor mich trat. Er war behangen mit drei Fotoapparaten und zwei Stativen und, wie sich schnell herausstellte, ein früherer Klassenkamerad von mir, der auf diesem Friedhof Tiere fotografierte. Er setzte sich neben mich auf die Bank und erzählte mir zwei Stunden lang, was aus unseren Klassenkameraden und Nachbarn geworden ist. Anschließend habe ich gedacht: Das Schicksal hat mir jemanden geschickt, der mir ein neues Gefühl von Heimat vermittelt.

Haben Sie noch Kontakt zu ihm?
Im Moment nicht. Eigentlich hatten wir uns verabredet, aber das hat bislang leider noch nicht geklappt.

Sie waren lange am Theater engagiert und sind erst sehr spät, im Jahr 2003 mit fast 50 Jahren, ins Filmgeschäft gewechselt. Das ist eine eher ungewöhnliche Karriere für einen Schauspieler...
Als ich jung war, habe ich das Drehen nie in Erwägung gezogen. Dass sich das später geändert hat, hing eng mit dem Erfolg des Filmes „Das weiße Band“ von Michael Haneke zusammen. Danach stand ich auf einmal auf eine Weise im öffentlichen Fokus, die ich gar nicht beeinflussen konnte. Und dann kamen die Rollenangebote. Diese Entwicklung hat etwas mit Glück zu tun, aber auch mit der Entscheidung, ganz auf den Film zu setzen und dabei die richtigen Angebote auszuwählen.

Sie spielen in vielen Kino-Produktionen zentrale Nebenrollen. Machen Sie oft die Erfahrung, dass mehr Menschen Ihr Gesicht kennen als Ihren Namen?
Ja, auf jeden Fall. Dass habe ich besonders in diesem Jahr gemerkt, weil fast alle Filme, die ich im vergangenen Jahr für das Fernsehen gedreht hatte, im ersten Vierteljahr gesendet wurden. Deshalb war mein Gesicht oft zu sehen, und ich wurde anschließend verhältnismäßig oft angesprochen, was mir sonst eher nicht passiert. Meinen Namen kannten 95 Prozent dieser Menschen nicht, aber irgendwie war ich ihnen in Erinnerung geblieben – was mich natürlich sehr freut.

Gibt es eigentlich eine Rolle, die Sie gerne mal hier oben spielen würden?
Ich arbeite gern im Norden, aber eine bestimmte Rolle wüsste ich jetzt nicht. Obwohl: Ich habe Axel Milberg schon mal mit einem Augenzwinkern gefragt, ob der Kieler Tatort für mich verbotenes Gelände ist. Das hat terminlich nie gepasst.

Sie waren noch nie im Tatort Ihrer Heimatstadt zu sehen?
Nein, aber ich denke, Axel Milberg wird das noch ein paar Jahre machen, da wird es bestimmt noch Gelegenheiten geben.

Dafür haben Sie unlängst den ehemaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Kai-Uwe von Hassel gespielt.
Ja, das stimmt, das war in einer RTL-Produktion über die Starfighter-Affäre. Die sollte eigentlich im März gesendet werden, aber dann fiel genau in diese Woche die furchtbare German-Wings-Katastrophe. RTL hat die Sendung dann, was ich absolut richtig fand, aus dem Programm genommen. Ich glaube, es läuft jetzt irgendwann im Oktober.

In Husum wird gerade eine Werkschau Ihrer Filme gezeigt. Gibt es einen, den Sie besonders empfehlen können?

Vielleicht den Film über den Dichter Georg Trakl. Ich hoffe, da gehen ein paar Menschen rein, weil es ein sehr gelungenes Werk ist, das sich leider, wie viele Filme dieser Art, nicht sehr lange im Kino gehalten hat.
 

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