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Wertvoller Goldschatz : Rätsel um unbekannte reiche Wikingerbraut von Haithabu

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Wer war die reiche „Dame aus Grab 318“? In der Wikingerstätte Haithabu machen Archäologen einen spektakulären Fund.

shz.de von
erstellt am 31.Mai.2017 | 17:42 Uhr

Busdorf | Bei der dritten Goldperle wird Grabungsleiter Sven Kalmring stutzig. Kann das wirklich sein? Letztlich vier Goldperlen und zwei fein gearbeitete Goldanhänger mit Edelsteinen (ein Bergkristall, ein Amethyst) finden der Archäologe und seine Mitarbeiter in Grab 318. Mittlerweile sind sie sich „zu 99 Prozent“ sicher: Der am Ostersamstag entdeckte Goldschmuck gehört einer reichen, einflussreichen Wikingerbraut, zu Grabe getragen etwa in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts in der ehemaligen Wikingerstätte Haithabu bei Schleswig.

Um die Wikinger ranken sich auch wegen der dürftigen schriftlichen Quellen zahlreiche Legenden. Historische Ausgrabungen können helfen, ein realistischeres Bild von den Vorfahren zu bekommen.

Der leitende Direktor der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen, Claus von Carnap-Bornheim, spricht von einem Sensationsfund. „Dieses Grab gehört zu den wichtigsten drei Prozent, die es in der Wikingerwelt gibt“, sagt er bei der Vorstellung der spektakulären Funde am Mittwoch. Knapp 80 Jahre nach einem Zwangsstopp bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs durch die Nazis setzten die Wissenschaftler in Busdorf die Arbeit eines finnischen Archäologen fort.

Vier Gräber hatten Archäologen vor dem Krieg entdeckt, aber nur zwei von ihnen ausgegraben. Damals fanden sie in dem Grab der unbekannten Frau bereits einen Goldanhänger. Der Rest des Goldes wurde seinerzeit wohl achtlos wieder zurückgeschüttet. „1939 hat man zwei Drittel der Gräber unbeachtet wieder weggegraben“, sagt Grabungsleiter Kalmring.

Der Goldschatz wurde am Ostersamstag entdeckt.

Der Goldschatz wurde am Ostersamstag entdeckt.

Foto: dpa

Seine Kollegen seien damals viel schneller, aber ungenauer vorgegangen. „Der Goldschmuck ist 1939 übersehen worden.“ Kalmrings Team trägt die Erdschichten nun Zentimeter für Zentimeter ab. Der Boden landet auf einem Sieb mit drei mal drei Millimeter kleinen Durchlässen.

Tausende kleine Funde haben die Archäologen bereits erfasst und in durchsichtige Plastiktütchen verpackt. „Wir wollen das gesamte Fundmaterial erwischen“, sagt Carnap-Bornheim. Eine derart „hochauflösende Grabungsmethode“ sei andernorts oft nicht möglich, weil beispielsweise nur schnell vor dem Bau einer Autobahn gegraben werde.

Die Archäologen sichern in Haithabu akribisch Material. Sie hoffen auf gut erhaltene Skelette der Wikinger zu stoßen, um später DNA- und Isotopen-Analysen vorzunehmen. Und um Fragen zu der Frau aus Grab 318 zu beantworten. Denn über die einstige Besitzerin des Goldschmucks ist bislang nichts bekannt. „Eine schriftliche Überlieferung zu ihr gibt es nicht“, sagt Carnap-Bornheim. Nur eines ist aufgrund des Schmucks für ihn klar: Es muss sich um eine sehr reiche Wikingerin mit großem Einfluss gehandelt haben.

Die fein strukturierten Goldperlen trug die „Dame aus Grab 318“ vermutlich als Collier an einem Leder- oder Textilband. Davon ist über die Jahrhunderte aber ebenso wenig erhalten geblieben wie von ihren Gebeinen. „Gold ist in der Zeit bei den Wikingern unglaublich selten“, sagt Kalmring. „Es war zur Wikingerzeit etwa zehnmal mehr wert Silber.“ Der Bergkristall hat offenbar aus den Alpen den Weg nach Nordeuropa gefunden. Der feinstrukturierte Schmuck wurde in Haithabu bearbeitet, glaubt Kalmring. „Der materielle Wert des Schmucks ist gering, der kulturhistorische Wert ist dagegen enorm.“ Kalmring und sein Team sind bei ihrer Arbeit aber „genauso interessiert an einem rostigen Nagel, an dem Holzreste dran sind“.

Sie wollen die Lebens- und Nahrungsgewohnheiten der Wikinger in der Spätphase der Siedlung im 10. und 11. Jahrhundert ergründen. 1066 wurde die Stadt zerstört. Auf dem anderen Ufer der Schlei wuchs fortan Schleswig. Noch bis Ende September wird unter den Augen der Besucher in einem 450 Quadratmeter großen Zelt gegraben. Vielleicht finden sie dabei noch heraus, wer die reiche Wikingerbraut war.

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