„La Damnation de Faust“ in Lübeck : Premierenschock: Regiestar Anthony Pilavachi wirft hin

Brilliert als Faust vom ersten Ton an: der französische Tenor Jean-Noël Briend.
Brilliert als Faust vom ersten Ton an: der französische Tenor Jean-Noël Briend.

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17. Januar 2015, 12:59 Uhr

Ein verzweifeltes Genie auf Abwegen und eine Liebe, die Erlösung verspricht: Der Faust-Stoff ist fest auf den Bühnen der Welt und ganz besonders auf den deutschen verwurzelt. Jetzt hatte die eigenwillige Interpretation des Franzosen Hektor Berlioz, „La Damnation de Faust“ in der ebenso eigenwilligen Inszenierung von Anthony Pilavachi in Lübeck Premiere. Ein denkwürdiger Abend.

Formeln, Thesen und Axiome weiß auf dunkelblau geschrieben – der Kosmos des Wissenschaftlers Faust füllt die Bühne. Man ist im Kopf eines Genies. Mag es dort auch kompliziert zugehen, so gibt es wenigstens Erklärungen und Berechnungen für das, was die Welt im Innersten zusammenhält. Draußen aber pulsiert ein Leben, das in seiner Banalität bei Wein, Gier und Gesang einem wie Faust unerreichbar bleibt. Da mag Méphistophélès Hilfe verheißen, aber der Weg, der mit Sinnesfreuden gepflastert ist, führt in die ewige Verdammnis.

Musikalisch ist die Höllenfahrt ein himmlischer Abend. „Légende-dramatique“ hat Berlioz dieses Werk genannt, das sich zwischen Oper, Oratorium und Symphonie bewegt. Der französische Tenor Jean-Noël Briend, der den Berlioz-Faust schon in Stuttgart und München sang, ist vom ersten Ton an überzeugend. Lübecks Bass Taras Konoshchenko steht ihm, wenn auch mit etwas nasalem Französisch, stimmgewaltig zur Seite, und einfach betörend ist die Mezzosopranistin Wioletta Hebrowska als Maguerite, die einmal mehr ihre bewegliche Stimme wie selbstverständlich präsentiert. Wunderbar der Chor, dessen opulente Passagen zu den Höhepunkten des Abends gehören. Im Orchestergraben führt Ryusuke Numajiri seine Philharmoniker sensibel durch die emotional aufgeladene Nacht.

Frust und Lust, ein Faust am Rande des Nervenzusammenbruchs, Sinnesfreuden, die die Grenze zur Vergewaltigung überschreiten, Pilavachi und sein Regie-Team verlangen dem Publikum einiges ab. In atemberaubender Geschwindigkeit galoppiert man psychoanalysierend durch Ödipales. Maguerite taucht als Geliebte und als die Mutter auf, die die große, beileibe nicht nur geistige Liebe des Kindes Faust ist. Dieses Kind, in staunenswerter Dichte gespielt von Jöran Rohlf, ist immer präsent. Méphistophélès erscheint als die Verkörperung des moralischen Abgrunds, der immer schon zu Faust gehörte. Er ist die innere Versuchung, die mit der äußeren – David Winer-Mozes als Teufel – korrespondiert. Pilavachi fordert mehr als Spielfreude vom Bühnenpersonal, er kitzelt Schauspielkunst heraus. Im Hintergrund machen Videos derweil die Sinnes-Wogen zur Flut. Man ist mittendrin im Faust’schen Kopf und hat längst aufgegeben, alles zu verstehen.

Pilavachi, der in Lübeck insbesondere mit seinen „Ring“– Inszenierungen zum Regie-Star wurde, ist auch hier ein großer, wenn auch beängstigend verwirrender Wurf gelungen, wie die Schleswig-Holstein am Sonntag berichtet. Noch verwirrender war seine Unterbrechung des donnernden Schluss-Beifalls: Lächelnd, aber unüberhörbar entnervt erklärte er dem verblüfften Publikum, dass der „Faust“ seine 18. und letzte Produktion an der Trave sei. Zu wenig Klasse, zu wenig Freiheit – ein Pilavachi lässt sich nicht deckeln.

Nächste Aufführung: Sa., 24. Januar, 19.30 Uhr. Theater Lübeck (Großes Haus), Beckergrube 16. Theaterkasse: 0451 399 600.


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