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Tschaikowski-Ballett : Premiere in Kiel: Dornröschen – auf links gedreht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Yaroslav Ivanenkos eigenwillige Interpretation des Märchens begeistert das Kieler Premieren-Publikum.

Kiel | Alle zwei Jahre ein Tschaikowski-Ballett: Das, sagt Kiels Ballettdirektor und Chefchoreograf Yaroslav Ivanenko, hätte er sich früher nie vorstellen können. Nach „Der Nussknacker“ und „Schwanensee“ hat jetzt „Dornröschen“ Premiere gefeiert – gefeiert im wahrsten Wortsinn, denn diese dritte Choreographie zur Musik des großen Russen ist Ivanenkos schönste: Die Fortschreibung klassischen Balletts mit modernen Ideen.

Keine Sorge. Ivanenko nimmt diesem Ballett nichts, was es gerade in den Wintermonaten so attraktiv macht: „Dornröschen“ bleibt eine zauberhafte Geschichte für lange Abende, an der die ganze Familie ihre Freude haben kann; nichts Elitäres dabei, nichts, das sich dem Verstand oder gar dem Gefühl verschließt oder sich von der ersten, 1890 in Sankt Petersburg mit der Choreografie von Marius Petipa uraufgeführten Version distanziert. Und doch ist es eine eigene, durchaus eigenwillige Interpretation, die in Kiel zu besichtigen ist.

Ivanenko dreht das Ursprüngliche quasi auf links. Hatten Tschaikowski und Petipa vor 125 Jahren die abschließende Hochzeit von Dornröschen mit ihrem Märchenprinzen mit einem Kostümfest feiern lassen, bei dem die Gäste als Figuren aus anderen Kunst- und Volksmärchen verkleidet waren, eröffnet Ivanenko das Ballett mit Andersens „Mädchen mit den Schwefelhölzchen“, das frierend einem rauschenden Fest bei Hofe zusieht. Um den Prinz dreht es sich da, aber auch um die neugeborene Prinzessin Aurora, die mit Feenwünschen beschenkt wird. Insgesamt drei Handlungsebenen sind mit armem Mädchen, Königshof und Feenwelt auf die Bühne gebracht und durchdringen sich zusehends. Das kleine Mädchen sticht sich an einer Rose, schläft ein und erwacht in einer Welt, in der alle Mädchenträume erfüllt werden. Ein schöner Traum – oder war die kalte Welt ein Alptraum?

Vorweihnachtlich verzuckert könnte solch eine Geschichte schnell werden. Doch Ivanenko hat schon mit den anderen Tschaikowski-Choreographien gezeigt, wie viel kluge Menschenkenntnis in märchenhaften Charakteren steckt. Und so stehen neben der hinreißenden Aurora alias Dornröschen (Katherina Markowskaja) und ihrem Prinzen (Shori Yamamoto) die gute Fliederfee (Maiko Abe) und besonders die vermeintlich böse Fee Carabosse im Brennpunkt. Als hätte es immer so sein sollen, ist Carabosse in Kiel ein Mann, in der Premiere mit betörender Präsenz getanzt von Amlicar Moret Gonzalez – eine im wahrsten Kostüm-Sinn dunkle Verführung, sinnlich bis in die Zehenspitzen. Und nicht aus der Welt zu schaffen, wie das Ende zeigt.

Es sind großartige Bilder, die auf der Bühne des Opernhauses gelingen. Die Kostüme (Heiko Mönnich) wagen viel fließenden Stoff, die Bühne (Lars Peter) unterstützt mit wenigen beleuchteten Elementen, die Rahmen für die märchenhaften Welten bilden, und manchmal augenzwinkernd ein „Ja“ zum Sentimentalen kitzeln: Da ist etwa der Kinderwagen, in dem das ersehnte Baby Aurora schläft, hell erleuchtet, da postiert am Ende das Prinzenpaar auf einem runden Podest, wie Zuckerpüppchen auf einer Hochzeitstorte. Es ist auch diese Prise Humor, die Kiels „Dornröschen“ vor Übersüße bewahrt. Man spürt die Achtung vor dem Ursprung. Im Orchestergraben unterstützt Georg Fritzsch dies aufs Beste. Ein Höhepunkt des Abends ist selbstverständlich das Rosen-Adagio im 1. Akt. Und es ist ein Zeichen des choreographischen Könnens (und der musikalischen Leitung), aus Nummern wie dieser keinen nostalgischen Schmalz triefen zu lassen. Das Premierenpublikum dankte mit lauter Begeisterung.

Nächste Aufführung: Sa., 31. Oktober, 20 Uhr. Opernhaus Kiel, Rathausplatz 4. Kartentelefon: 0431/901901.

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