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Helmut Schmidt wird 95 : Politik, Privates und viel Pflichtgefühl

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Helmut Schmidt feiert seinen 95. Geburtstag. Ein Film versucht, der Seele des Altkanzlers näher zu kommen als je zuvor. Gleich fünf Schauspieler zeigen den Menschen Schmidt.

Hamburg | Wie sich einem Unnahbaren nähern? Wie hinter die Fassade des lebenden Denkmals Helmut Schmidt blicken, dem – laut aktueller Umfrage – wichtigsten und beliebtesten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland? Der NDR und Produzentin Katharina Trebitsch haben einen bemerkenswerten Versuch gewagt – und gewonnen. Ihr Dokumentarspiel „Helmut Schmidt – Lebensfragen“ legt mit einer Mischung aus Interview, Originalaufnahmen und Spielszenen bislang verborgene Facetten des Privatmannes frei. Ein Geschenk zum 95. des Altkanzlers am 23. Dezember – für ihn, mehr noch für die Zuschauer. Das Doku-Drama ist am Geburtstag des Porträtierten ab 21.45 Uhr im Ersten zu sehen.

Wohl keiner der zahlreichen Filme über den Elder Statesman, Weltökonom und „Zeit“-Herausgeber kommt dem Menschen so nahe wie dieser, der seine stärksten Momente immer dann hat, wenn die Kamera sich an die Gesichtszüge Schmidts heftet. So als er am Schreibtisch in seinem Haus am Brahmsee einen Punkt fixiert. Ganz ungewohnt trägt er Pullover, vor ihm ein Teebecher, um ihn ewiger Zigarettenqualm. Hoch interessiert studieren die trüben Augen Fotos aus privaten Alben, die Schmidt eigens für die TV-Produktion geöffnet hat: der Steppke an seinem zehnten Geburtstag, der junge Soldat im Zweiten Weltkrieg, inniges Miteinander mit der jungen Loki.

Dazu kommen aus dem Off „Lebensfragen“ zu Kindheit, zum Vater, zum Politikerleben und immer wieder zu Grundüberzeugungen, punktgenau gestellt von „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. „Was ist das Wichtigste im Leben?“ Rationalist Schmidt überlegt und formuliert das Credo eines Beinahe-Jahrhundertlebens: „Sich Aufgaben zu stellen, sie zu begreifen und dann bestmöglich zu erfüllen.“ Solch preußisches Pflichtverständnis ist der Öffentlichkeit weiß Gott nicht neu. Doch selten klang es so von innen kommend.

Wo der kantige Ex-Kanzler offen zwar, aber doch sparsam spricht, füllt der Film die Lücken mit Spielszenen. Fünf „Helmuts“ und drei „Lokis“ zeigen das Ehepaar in verschieden Lebensabschnitten und machen teils unbekannte Episoden anschaulich. Etwa den Helmut in Bademantel und Pantoffeln auf einer Party von Nazi-Gegnern im Jahr 1942 in Berlin. Auch er lehnte das Hitlerregime damals ab, fühlte sich hingezogen zu den Widerständlern – und meldete sich dennoch freiwillig an die Ostfront. Warum? Er habe nicht als Feigling am Schreibtisch sitzen wollen, während seine Altersgenossen im Krieg kämpften, erklärt Schmidt im Interview.

Ja, er habe im Krieg Menschen getötet. „Flugzeuge abgeschossen, Dörfer in Brand geschossen.“ Die Opfer, die Menschen hinter den Taten, die habe er nicht zu Gesicht bekommen. Eine gespielte Passage zeigt den jungen Leutnant als Batteriechef im blutigen Grabenkrieg.

Nicht alle Schauspieler hätten sich die Rolle zugetraut, berichtet Produzentin Katharina Trebitsch. „Einige haben abgesagt , weil sie sagten: Schmidt ist größer als ich. Und das waren die mit sogenannten Namen.“

Nicht so Peter Striebeck, der den Part des alten Schmidt übernimmt. Mit Rollator und neuer Partnerin Ruth Loah am Ufer des Brahmsees. Und Bibiana Beglau als Loki in den schweren Kanzlerjahren. Die Schmidts, sagt die Darstellerin, seien nicht das kühle Paar gewesen, als das es erschien. Berührend zeigen die Schauspieler, wie sich beide auf dem Höhepunkt des RAF-Terrorismus gegenseitig versprechen, im Fall der eigenen Geiselnahme niemals dem Austausch des anderen zuzustimmen. Der Staat dürfe sich nicht erpressen lassen – und auch nicht die Gattin eines Kanzlers.

Der Tod von Loki 2010, mit der Helmut Schmidt 68 Jahre verheiratet war, habe ihm schwer zu schaffen gemacht, verrät der „Zeit“-Herausgeber seinem Chefredakteur. Spricht er noch mit ihr? Es folgen zwei Antworten. Der Vernunftsmensch und Atheist sagt: „Nein. Sie könnte ja auch nicht antworten.“ Der leidende Witwer fügt an: „Aber manchmal rufe ich im Halbschlaf oder beim Aufwachen nach Loki.“ Sie war ihm „immer das Wichtigste“.


 

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