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Düppeler Schanzen : Piefke macht Geschichte(n)

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mit dem Deutsch-Dänischen Krieg begann der Ruhm des preußischen Musikdirektors Gottfried Piefke. Seine „Heldentaten“ reichen vom Degendirigieren vor Düppel bis zur Namensgebung der Österreicher für ihre deutschen Nachbarn. Doch was ist Wahrheit, was ist Dichtung?

„Sechs Kolonnen, Ist das ein Tritt! / Der Sturmmarsch flügelt ihren Schritt; / Der Sturmmarsch, ja, tief in den Trancheen* / Dreihundert Spielleut’ im Schlamme stehn. / Eine Kugel schlägt ein, der Schlamm spritzt um, / Alle dreihundert werden stumm,– / ‚Vorwärts!’ donnert der Dirigent, / Kapellmeister Piefke vom Leibregiment. / Sieg donnert’s. Weinend die Sieger stehn. / Da steigt es herauf aus dem Schlamm der Trancheen, / Dreihundert sind es, dreihundert Mann, / Wer anders als Piefke führt sie an?“

Vorstehende Zeilen sind Auszüge aus dem Gedicht „Der Tag von Düppel“ des Dichters Theodor Fontane (1819-1898), das am 12. Mai 1864 in der Beilage der „Neuen Preußischen (Kreuz-)Zeitung“ erschien – knapp einen Monat nach der am 18. April stattgefunden Entscheidungsschlacht des Deutsch-Dänischen Krieges. Fontane arbeitete von 1851 bis 1871 für diverse preußische Presseorgane. Darunter fiel auch seine Tätigkeit als Korrespondent bei den drei „Reichseinigungskriegen“ gegen Dänemark (1864), Österreich (1866) und Frankreich (1870/71).

Es war nicht zuletzt dieses Gedicht, das den Mythos um den Königlich-Preußischen Musikdirektor Gottfried Piefke (1815-1884) begründete. Doch erst zwei Jahrzehnte später begann sich die Piefke-Saga, in unzähligen Publikationen immer wieder neu erzählt, zum Heldenepos auszuweiten und erklomm vor Hundert Jahren, zum 50-Jahr-Jubiläum der Düppelschlacht und kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, ihren Höhepunkt.

Der Degendirigent

Hierzu passt eine Veröffentlichung in der „Frankfurter Oder-Zeitung“ vom 22. April 1914, die angeblich Piefkes selbst verfasste Erinnerungen an den Sturm auf die Düppeler Schanzen wiedergeben. Da heißt es eingangs: „Als die Chöre in der Parallele geordnet waren, bestieg ich die Brustwehr und wartete des Augenblicks, wo die Sturmkolonnen würden hervorbrechen. Sofort als dies geschah, gab ich mit meinem, mit der preußischen Flagge geschmückten Degen in der Hand, das Zeichen zum Sturmmarsch und fiel, als nach höchstens 5 bis 6 Minuten auf Schanze 3 meines allergnädigsten Königs und Herrn Fahne in frischer Morgenluft prangte und das Preußische ‚Hurra’ jubelnd herübertönte, mit einem dreimaligen Tusch ein, welchem unmittelbar ‚Heil Dir im Siegerkranz’ folgte.“ Zur Erklärung: Der Begriff „Chor“ stand beim Militär seinerzeit für die später übliche Bezeichnung „Korps, Orchester“.

Und am Schluss der Erinnerungen lesen wir: „Gegen 4 Uhr oder nach 4 Uhr ging ich, um den allerhöchsten Befehl des Prinzen Friedrich Karl auszuführen, nach Schanze 3, und bliesen sämtliche Chöre den Choral: ‚Nun danket alle Gott!’. Dies sind meine Erlebnisse des großen, unvergesslichen Ruhmes- und Siegestages von Düppel […]“ An mangelndem Selbstbewusstsein litt Gottfried Piefke nie.

Mit dem Prinzen ist der General der Kavallerie Friedrich Karl von Preußen (1828-1885) gemeint, im Deutsch-Dänischen Krieg der Oberbefehlshaber der preußischen Truppen, unter dessen Kommando der Sieg bei den Düppeler Schanzen errungen wurde. Und er soll es gewesen sein, der den „Musikhelden“ Piefke persönlich bat, seine Schlachterlebnisse für ihn niederzuschreiben.

Es ist aber zweifelhaft, ob dieser von einem Herrn Max Krüger der Zeitung übermittelte Bericht echt war, und damit auch, ob Prinz Karl ihn angefordert hatte. Gab Max Krüger doch keine Quelle an, wie Piefkes „Augenzeugenbericht“ in seine Hände gekommen war – ein halbes Jahrhundert nach der Schlacht.

Piefke – ein „Musikheld“?

Wie überhaupt die gesamte Causa „Piefke vor Düppel“ eine Reihe von Ungereimtheiten enthält. Doch die Verfasser der Vielzahl der zu diesem Thema erschienenen Veröffentlichungen haben die tradierte musikalische Heldentat Herrn Piefkes mehr oder weniger unbesehen übernommen.

Erst in jüngster Zeit hat Prof. Dr. Achim Hofer, der Leiter des Instituts für Musikwissenschaft und Musik bei der Universität Koblenz-Landau, einen kritischen Blick auf Piefkes Wirken rund um die Schlacht von Düppel geworfen. Die nachfolgenden Ausführungen basieren, kurz zusammengefasst, auf seinen Forschungsergebnissen, die er dem Verfasser dieses Beitrags freundlicherweise zur Verfügung stellte.

Der Zweifel beginnt schon mit der Grundsatzfrage, ob die Bedeutung der Musik bei der Schlacht von Düppel überhaupt eine so große Rolle gespielt hat, wie spätere „Heldengeschichten“ Glauben machen wollen.

Zeitnahe Fachpublikationen erwähnen weder die Musik noch Herrn Piefke. Selbst in den 1887 vom Großen Generalstab herausgegebenen amtlichen Bänden „Der Deutsch-Dänische Krieg“ wird die Militärmusik nur an einer Stelle, beim Sturm auf die Schanzen von Düppel, genannt: „Punkt 19 Uhr verstummte das Artilleriefeuer auf der Angriffsfront. Die Ausfallstufen der 3ten Parallele wurden von den verdeckenden Schanzkörben befreit, und sofort warfen sich die Sturmkolonnen, erst schweigend und dann mit lautem Hurrahruf, unter den Klängen des York’schen Marsches, auf die feindlichen Schanzen.“ In einer Fußnote ergänzend heißt es dazu: „Die Musikchöre der Regimenter 8, 18, 35 und 60 waren unter der Leitung des Musikdirektors Piefke in der zweiten Parallele aufgestellt worden.“

Piefke, allein eine Fußnote in einem umfangreichen Militärgeschichtswerk der preußischen Armee? Gibt das seine wahre Bedeutung bei der Erstürmung der Düppeler Schanzen wider? Dann wäre der Untertitel zu Fontanes oben zitiertem Gedicht, „Ein Ehrentag der deutschen Militärmusik“, doch stark übertrieben.

Fontane war es übrigens, der in dem ersten, inoffiziellen, Kriegsbericht kurz auf die Musik einging und auch den Namen Piefke erwähnte, in seinem Buch „Der Schleswig-Holsteinische Krieg im Jahre 1864.“

Eine nächste sich stellende Frage ist, welche Musikstücke spielte Piefke beim Angriff und waren eigene Kompositionen dabei, wie vielfach kolportiert wurde? Bleiben wir bei Letztgenanntem.

Die Düppel-Märsche

Es kann davon ausgegangen werden, dass Gottfried Piefke seinen „Düppeler Schanzen-Sturmmarsch“, heute „Düppeler Schanzen-Marsch“ genannt, kurz vor der Eroberung niederschrieb. Ob er aber bei der Erstürmung dann tatsächlich erklang, ist unsicher. Sicher ist aber wohl, dass Piefkes zweites Schlachtenstück, der „Düppeler Sturmmarsch“, erst nach dem Gefecht entstand.

Die wohl früheste Aufzeichnung, dass ein Düppelmarsch vor Ort – wenn auch nach dem Gefecht – erklang, können wir als Nachricht in der Schrift „Signale für die Musikalische Welt“ in der Ausgabe Nr. 22 vom 28. April 1864 lesen. Dort heißt es: „Bei dem Siegesfest am Montag im Kroll’schen Locale kam auch zum ersten Mal der ‚Düppel-Marsch’ vom Musikdirektor des Leibregiments Piefke hier zur Aufführung […].“

Es waren nicht zuletzt die Düppel-Märsche Gottfried Piefkes, die seinen und seiner Kompositionen Ruhm mehrten, wobei er selbst als recht begabter Marketing-Experte nicht unwesentlich dazu beitrug. So las man bereits am 12. Oktober 1864, also ein halbes Jahr nach der Düppelschlacht, in der „Neuen Berliner Musikzeitung“: „Man passire irgend eine Straße in Berlin, wo das Volksleben heimisch ist – was hört man singen? Den Düppeler Schanzen-Marsch; was hört man da pfeifen? Den Düppeler Schanzen-Marsch; was hört man dort trillern? Den Düppeler Schanzen-Marsch. Überall Düppel und wiederum Düppel. Es giebt nicht einen Menschen in Berlin, sei er noch so hoch, sei er noch so niedrig, der die Klänge des Marsches nicht inne hätte.“

Das Leben des Piefke

Doch wer war dieser Piefke, der Düppel zu musikalischem Ruhm verhalf? Gottfried Piefke wurde am 9. September 1815 in der Kleinstadt Schwerin an der Warthe in der preußischen Provinz Posen geboren. Mit 19 Jahren begann er seinen Militärdienst und rückte als Hoboist in das Musikkorps des 1. Brandenburgischen Leib-Grenadier-Regiments König Friedrich Wilhelm III. Nr. 8 in Frankfurt an der Oder ein.

Im Herbst 1838 ist Piefke an die Berliner Hochschule für Musik zum Studium abgeordnet worden. Fünf Jahre später kehrte er als Stabshoboist (Musikmeister) zu seinem Regiment zurück. Am 23. Juni 1859 ist Piefke mit dem Titel „Königlicher Musikdirektor“ ausgezeichnet worden und am 20. März 1865 wurde ihm der eigens für ihn geschaffene Titel „Direktor der gesamten Musikchöre des III. Armeekorps“ durch König Wilhelm I. (1861-1888) verliehen.

Seinem alten und stolzen Regiment blieb Piefke sein Leben lang treu. Er starb, im 69. Lebensjahr stehend, am 25. Januar 1884 in Frankfurt an der Oder als „Aktiver 8.“, also ohne in den wohlverdienten Ruhestand getreten zu sein. Auch Gottfrieds Bruder Rudolf (1835-1900) machte eine Karriere als Militärmusiker.

„Die Piefkes kommen!“

Während das musikalische Wirken des Gottfried Piefke in der allgemeinen Öffentlichkeit heute kaum mehr bekannt ist, ist sein Name doch seit 150 Jahren unvergessen – als Wiener Schmähwort für die Deutschen, die „Piefkes“. Und das kam unbestätigten Berichten zufolge so zustande: Nach der vernichtenden Niederlage der Österreicher und Sachsen im „Deutschen Krieg“ gegen die Preußen in der Schlacht von Königgrätz vom 3. Juli 1866 fand am 31. Juli auf dem Marchfeld bei Gänserndorf, etwa 20 Kilometer nördlich von Wien gelegen, eine pompöse preußische Siegesfeier statt.

Beim Einzug zur Parade schritten die beiden groß gewachsenen Piefke-Brüder mehreren vereinigten Musikkorps voran, den rasch nach dem Sieg von Gottfried Piefke komponierten „Königgrätz-Marsch“ spielend. Die zahlreichen Zuschauer, darunter viele Wiener, sollen so verschreckt wie begeisternd ausgerufen haben: „Die Piefkes kommen!“

In Gänserndorf hat man übrigens vor einigen Jahren ein mehr oder weniger schrecklich anzusehendes Piefke-Denkmal aufgestellt: Eine knapp drei Meter hohe „Klangskulptur aus Cortenstahl“. An ihrer Spitze ist eine rostende Scheibe, eine Schallplatte darstellend, mit dem an seiner Unterseite eingestanzten Namen Piefke angebracht. Die Österreicher mit ihrem nicht selten beißenden „Schmäh“ nennen das wie eine Dusche aussehende Kunstwerk auch „Rache für Königgrätz“.

* Trancheen werden in der Kriegskunst die Erdarbeiten genannt, vermittelst welcher die Angriffsarmee sich einer belagerten Festung nähert.

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